Vaughan Who? hätte der Konzertgänger vor wenigen Jahren gefragt. Doch seit Sir Roger Norrington vor drei Jahren seine zyklische Aufführung aller Symphonien von Ralph Vaughan Williams (1872-1958) mit dem Deutschen Symphonie-Orchester begonnen hat, ist dieser ignoranten Frage der Boden entzogen. Nach der bis an die Tinnitusgrenze pompösen Ersten Sea Symphony, der tausendfarbigen Zweiten London Symphony, der faszinierend paradoxen Dritten, die das Erlebnis des Ersten Weltkriegs als Pastoral Symphony reflektiert, und der finster-wütenden Vierten gibt es nunmehr die Sechste von 1948, die in England als Kriegssymphonie gilt.
Doch zuerst wie schon in den vorigen Konzerten Klassiker; aber keineswegs nur als Entrée oder Lockmittel, um Publikum zu dem hierzulande kaum bekannten Großsymphoniker zu locken. Joseph Haydns Symphonie Nr. 83 g-moll Hob. I:83 ‚La poule‘ dirigiert Norrington ohne Podest und Stab vom hohen Stuhl aus, die Holzbläser spielen im Stehen, den Streichern ist wie stets das Vibrato untersagt, was den klaren Linien des Stücks eindeutig gut tut. La poule ist ein höchst originelles Stück (aber welche Haydn-Symphonie ist nicht originell?) mit ihrem sehr dramatischen Beginn und dem absurd kontrastierenden Oboengackern als Seitenthema, dem die Symphonie ihren hübschen Beinamen verdankt; als es erklingt, pickt Sir Roger sehr lustig mit dem Kopf. Bei Norrington sollte man nie mit geschlossenen Augen zuhören! Manchmal dirigiert er auch gar nicht, weil er den Musikern vertraut, etwa im dritten Satz im Trio, das ein Quintett aus zwei Geigen, Bratsche, Kontrabass und Flöte ist. Im rasanten Finale schlägt die Flöte fantastische Purzelbäume, wie ein zwitschernder Vogel; aber bestimmt kein Huhn.
Ein singender Star im Vogelkäfig soll dem Finale von Mozarts Klavierkonzert Nr. 17 G-Dur KV 453 Pate gestanden haben. Der Pianist Martin Helmchen, der das Stück voll geheimen Lächelns und geheimer Trauer (Alfred Einstein) schon vor drei Tagen im Kulturradio-Kinderkonzert vorgestellt hat, sitzt mit dem Rücken zum Publikum, was historisch korrekt ist, höchstens bei der Zugabe etwas ungünstig. Er spielt brillant, aber völlig unvirtuos, obwohl er nicht nur die pianistischen Fähigkeiten, sondern auch die passende Liszt- (oder Rieu-)Mähne dazu hätte. Sein Anschlag ist faszinierend klar und hell; man kann sich bei Helmchen nicht die geringste Schlampigkeit vorstellen. Besonders schön die Kadenz im zweiten Satz (die letzte, die Mozart in einem langsamen Satz geschrieben hat – schade eigentlich), Norrington hört mit geschlossenen Augen zu.
Bei Ralph Vaughan Williams‘ Symphonie Nr. 6 e-moll, platzt das Podium nach den kleinen Besetzungen vor der Pause nun aus allen Nähten, weshalb auch Norrington jetzt Dirigentenpodest, Stab und Partitur braucht. Martin Helmchen hat sich, auch dies sympathisch, zum Zuhören in Block C gesetzt. Vaughan Williams wollte seine dramatische Symphonie, wie man im Kommentar von Habakuk Traber erfährt, keineswegs als Programmmusik verstanden wissen. Die Kombination mit Haydn und Mozart bezieht zu dieser Frage schon Stellung: Diese beiden Werke aus dem 18. Jahrhundert sind absolute, aber doch theatralische und sehr sprechende Musik.
Sobald man die Symphonie hört, wird die theoretische Frage ohnehin bedeutungslos: Krieg hin oder her, in dieser Musik wird eine zerstörte Welt hörbar, eine Seelenlandschaft in Trümmern. Die Tonsprache ist, wenn man Schubladen benutzen will, traditionell, es gibt eine Grundtonart, und der Tritonus, den Messiaen damals bereits zum schönsten Intervall erklärt hatte, ist hier althergebracht des Teufels; Vaughan Williams‘ Musik spricht direkt zum Hörer, ist nicht maskiert wie Mahler oder Schostakowitsch. Viel brass. Trotz äußerlicher Viersätzigkeit (mit dem langsamen Satz an vierter Stelle, wie in der Pathétique) hört man einen einzigen Satz. Nach dem Beginn mit drei klar abgegrenzten Themen – dramatischer Bewegung, einem flotten Marsch mit einer Prise Jazz, schließlich wogenden Harfen- und Streichergefilden – schreit die Musik auf, erstarrt, wird zu einem Trauermarsch, verharrt in beklemmenden Regionen, pendelt um einzelne Töne; erschütternd der minutenlang sich wiederholende Dreifachschlag . Inmitten der folgenden Schrecken überrascht ein Saxophon-Solo. Trotzdem wartet man, als der vierte und letzte Abschnitt beginnt, seit geraumer Zeit auf irgendein Licht. Aber das Werk endet in Verzweiflung, Klagen, endgültigem Verlöschen.
Seit langem hat den Konzertgänger kein Werk so ergriffen wie diese erschütternde Symphonie. Nach einer solchen atemberaubenden Aufführung ist es nicht zu verstehen, dass Vaughan Williams‘ Sechste nicht überall als eine der großen Symphonien unserer Musik kanonisiert ist. Das DSO und Roger Norrington haben alles getan, damit sich das ändert.
Man kann das Konzert Donnerstagabend im Deutschlandradio Kultur nachhören oder mit dem DRadio Recorder aufnehmen.
Alles über Ralph Vaughan Williams von der RVW-Society
Am 2. Dezember gibt es Vaughan Williams Fünfte, am 7. Juni 2016 die Neunte
Aber der Argwohn ist unberechtigt. Teufel Amor ist zwar ein gewaltiges, auf starken Kontrasten (Hölle und Liebe) basierendes, sehr theatralisches Klangspektakel mit immer neuen sinnlichen Reizen, aber nie lärmend oder breiig: ein stets überschaubares Riesengebilde, rauschhaft, ohne verrauscht zu sein; und wohlstrukturiert, soweit sich das nach einmaligem rauschhaften Hören beurteilen lässt. Es gibt ein paar avantgardistische Signale wie Lachenmann-artiges Pusten in die Klarinette, aber das ist dann zugleich der Grundschlag eines beginnenden Tanzes im ¾-Takt. Kurz vor Schluss erklingen von gitarrig gespielten Geigen eingeleitet schmelzende, fast schwülstige, schließlich jubelnde Klänge: ein Hauch von Per aspera ad astra à la Beethoven Fünf, Brahms Eins, Mahler Zwei und Sieben, Tschaikowsky Eins bis Fünf. Aber der Jubel erstarrt, verstummt, es geht nur noch abwärts wie in… Tschaikowsky Sechs. Strettaartig folgt ein einminütiges Aufbrausen, das Fußstampfen des Teufels, wie Widmann im Programmheft zitiert wird; wie er überhaupt mit Auskünften sehr großzügig ist, was einerseits beim Hören hilfreich ist, andererseits doch sehr einseitig festlegend.
Wiederkehr, Kadenz. Mal lustig, mal traurig: Mozart sei der ideale Komponist für Kinder, sagt er ganz richtig. Das geheime Lächeln und die geheime Trauer, von der Alfred Einstein schrieb, werden die Kinder im Lauf ihres Lebens weiter ergründen; dass sie jetzt schon wissen, dass Mozart den Gesang seines Staren komponiert hat und was eine Variation ist, ist ein guter Anfang.
Georges Neveux steht Theseus (in der Operngeschichte stets eine Lusche) im Mittelpunkt. Die Pointe des Stücks, das bezeichnenderweise nicht Ariane, sondern Le voyage de Thésée heißt, besteht offenbar darin, dass Theseus im Minotaurus sein Spiegelbild erkennt und mithin sich selbst tötet, oder zumindest sein früheres, glücklicheres Selbst. Insofern hat Martinů den Text erheblich verunklart, indem er – inspiriert von einer Radiosendung (!) mit Maria Callas – den Akzent auf Ariane verschob. Die Oper wird damit selbst zu einer Art Doppelwesen, ein Frauenkopf auf einem Männerkörper. Die Callas hat das natürlich nie gesungen.
Dass Onslow (1784-1853) immer wieder als der französische Beethoven bezeichnet wird, sollte man sofort wieder vergessen, auch wenn er wie der Meister ertaubte, allerdings nur auf einem Ohr und durch eine Gewehrkugel. Die Akademie spielt nicht das Quintett Nr. 15 c-Moll De la balle (Kugelquintett), sondern ein spätes Nonett. Denn obwohl er auch vier Symphonien und mehrere Opern geschrieben hat, ist Onslow, wie man erfährt, vor allem ein Meister der Kammermusik. Trotzdem hat er nicht mal ein eigenes Kapitel im berühmt-berüchtigten altfränkischen
Nach dem dritten Satz, in dem Fiedel und Klarinette sogar den Totentanz auf der Stelle treten lassen, beginnt der vierte Satz mit der Todesverkündigung aus der Walküre. Die Klangfarben changieren zwischen Pechschwarz, Rabenschwarz und Schwarz-wie-die-Nacht, bis zum zappendusteren Schlusstänzchen von Trommeln, Triangel, Glockenspiel, Xylophon, Kastagnetten: Knochenklappern und Totenglöckchen, vielleicht auch eine Herz-Lungen-Maschine, wie angesichts von Schostakowitschs Krankheit vermutet wurde. Wie Totenglöckchen klingen auch die bimmelnden Handys aus dem Publikum, vom Todesröcheln zwischen den Sätzen zu schweigen. Minimal Music auf Sowjetisch! Aber das ist kein Einwand, sondern Bewunderung für Schostakowitschs manisch reduziertes Spätwerk. Diese Musik ist ja die Bilanz eines grauenvollen halben Jahrhunderts, Stalin in der Erinnerung, Herz-Lungen-Lähmung in der Gegenwart: folgerichtig, dass da auch die Musik zum Gerippe wird, an dem nur noch alle möglichen Fetzen hängen.
– weil der Gesang im Diskant der Aria einfach zu schön ist. Schiff schweift gerne ab, aber stets unterhaltsam und lehrreich. Man erfährt sogar etwas über die Gefahr des Verhakens von Manschettenknöpfen bei sich überkreuzenden Händen! Schiff erläutert sämtliche 30 Variationen inklusive kurzem Anspielen. Diese Überforderung macht auch dem besinnungslosesten Musikgenießer klar, wie überfordernd im Grunde diese Musik ist, die ihn in seiner Genuss-Trance versinken lässt.
; aber unter Hamelins sachlichen Virtuosenhänden klingt das alles plausibel.
n verzaubert. Konzertgängers Sohn lauscht gebannt Griegs Klavierstück Kobold, das er im Klavierunterricht übt und das
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