24.9.2016 – Steinerweichend: Konzerthausorchester, de Billy, Isabelle Faust spielen Dutilleux, Bartók, Ravel

Dutilleux-Parallelaktion in Berlin: dreimal Métaboles in der Philharmonie, dreimal Le Double im Konzerthaus, jeweils von Donnerstag bis Samstag.

transverse-line-by-wassily-kandinskyDie Le Double genannte 2. Sinfonie (1959) von Henri Dutilleux, mit der das Konzerthausorchester unter Bertrand de Billy den Abend eröffnet, ist nicht nur hörenswert, sondern auch sehenswert: Ein Mini-Orchester von 12 Solisten inklusive Pauken, Celesta, Cembalo bildet einen inneren Ring ums Dirigentenpodest, das „normale“ Orchester den äußeren Ring. Weiterlesen

8.4.2016 – Schwarzbarkig: Mieczysław Weinberg im Konzerthaus

Gefühlte Deutschlanderst- und Weltuntergangsaufführung.

Aber es stimmt nicht, dass Mieczysław Weinbergs Sinfonie Nr. 5 f-Moll op. 76 (1962) am Freitagabend hierzulande zum ersten Mal gespielt würde. Es war sogar dasselbe Orchester, auch wenn es damals nicht Konzerthausorchester hieß, sondern Berliner Sinfonieorchester, das 1963 der Hauptstadt der DDR einen besonderen Kunstgenuss bescherte (Neues Deutschland vom 15.2.1963), und zwar unter Leitung des Dirigenten Kirill Kondraschin, dem damals der 20jährige Thomas Sanderling assistierte, der jetzt 73 ist und Weinbergs Sinfonie als Berliner Zweitaufführung im Konzerthaus dirigiert.

Und die Welt geht auch nicht unter bei diesem düsteren Werk, obwohl es sich heftig so anfühlt, vom gruselig wispernden Beginn an, zu dem sogar das ungezogene Tuscheln des Publikums passen will: Ein omnipräsentes Pendeln wird im Lauf des unerbittlichen Kopfsatzes immer massiver und stählerner. Ein nachtmusikhaftes Adagio sostenuto, das mit tiefen Harfen und Vogelrufen an Mahlers Siebte erinnert. Ein Gespensterscherzo und ein Finale voll Verzweiflung, Traurigkeit, Resignation. Ein ungreifbar jüdisches Lied von der Erde meint man da zu hören, doch ohne Silberbarke; zwischendurch ist es auch ein Walzer von der Erde, aber wo bei Mahler die lange Linie und die Stimme der Sängerin die musikalische Einheit sichern, reihen sich in diesem zerhackstückten Gesang Celesta, Harfe, Cello, Geige, Oboe, Klarinette, Flöte, Horn, Fagott, gestopfte Trompete für je einige Töne aneinander.

Dass die Solisten des Konzerthausorchesters in diesem Trümmerdefilee ihre große Klasse beweisen, verhindert nicht ein erhebliches Aus-dem-Saal-Defilieren des ärgerlich unruhigen Publikums. Was nicht an der Qualität dieser Musik oder ihrer Darbietung liegt, sondern vermutlich an ihrer im Vergleich zu Schostakowitschs Maskenspielen krass uncamouflierten Negativität. Trotzdem erstaunlich, dass ein Publikum, das Schostakowitsch und Mahler liebt, bei Weinberg in Scharen entfleucht, der doch offenhörlich kein Epigone, sondern ein Geistesverwandter dieser beiden war (wie Jens Schubbe im Programmheft ganz richtig schreibt). Der Schluss von Weinbergs Sinfonie erinnert, wie ein älterer Besucher feststellt, deutlich an den morbide tickenden und klappernden Schluss von Schostakowitschs letzter Sinfonie – die rund zehn Jahre nach Weinbergs Fünfter entstand. Die Einflüsse flossen anscheinend in beide Richtungen.

Aber Weinberg (1919-1996) hat danach noch 17 weitere Sinfonien komponiert, statt unterzugehen. Es ist zu hoffen, dass dem Berliner Publikum weitere Trübsal blüht, zumal es seit einem Jahr sogar eine Internationale Weinberg-Gesellschaft gibt. Auch das DSO unter Tugan Sokhiev hat sich ja schon um Weinberg verdient gemacht; auf eine Oper wie Die Passagierin in Bregenz, Karlsruhe und Frankfurt oder zuletzt Der Idiot in Mannheim wagt man kaum zu hoffen.

Bis dahin kann man sich tiefer in Weinbergs Fünfte einhören, hier in der Aufnahme des Polnischen Radiosinfonieorchesters unter Gabriel Chmura:

Um so trüber sann Weinbergs Sinfonie, als ihr im Konzerthaus der strahlende Glanz von Beethovens Violinkonzert D-Dur  vorausging. Routiniert, aber ohne den letzten Dampf im Kessel begleitete das Orchester den (kurzfristig eingesprungenen) jungen tschechischen Geiger Josef Špaček, mit brillanter Fritz-Kreisler-Kadenz; ein paar mehr Widerhaken dürfte es gern geben, wenn dieser ausgezeichnete Musiker wieder nach Berlin kommt.

Das gleiche Programm noch einmal am heutigen Samstagabend.

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28.2.1016 – Kosmisches Doppel: Makropulos-Symphonie und Die Sache Turangalîla

Olivier Messiaen und Leoš Janáček – kein ästhetisches Band verbindet diese beiden Komponisten, sondern einzig das organisatorische Ungeschick des Konzertgängers, der mit Schrecken feststellt, dass er am Sonntag Termine um 16 Uhr im Konzerthaus und um 18 Uhr in der Deutschen Oper hat.

Von Messiaen in Mitte…

Die U2 fährt im 5-Minuten-Takt und braucht von Stadtmitte bis Deutsche Oper 16 Minuten. Aber auch das würde nichts nützen, gäbe es nicht im Konzerthaus diesmal nur ein einziges Werk, lang zwar, dafür ohne zeitraubende Pause: Olivier Messiaens wahrhaft monumentale Turangalîla-Symphonie (1946-49), zum Abschluss des Frankreich-Festivals, einer Woche mit nervigem PR-Sprech (oh la la, Savoir vivre am Gendarmenmarkt), dafür um so aufregenderer Musik von Couperin bis Mantovani.

Und einem kleinen Messiaen-Schwerpunkt: Eine Woche nach dem jenseitssüchtigen Quatuor pour la fin du Temps feiert das kosmische Diesseits in der Turangalîla-Symphonie, dem intensivsten Jubelschrei der Musikgeschichte, heftige Auferstehung. Iván Fischer lässt das Konzerthausorchester diesen durchgeknallt optimistischen Lebenshymnus mit packendem Enthusiasmus spielen. Der Spannungsbogen hält über 85 Minuten: von den Tristan-Inseln in den Chants d’amour über die fetzige Joie du sang des étoiles (dem Gesang des Sternenblutes, der klingt wie 20 Bigbands auf Speed oder einer noch unbekannten Substanz) und den vom Hörer innig ersehnten ruhigen Jardin du sommeil d’amour (dem Garten des Liebesschlafs, dessen Klangbild an Palestrinas verschollene Hawaii-Kompositionen gemahnt) bis zum großen Finale mit Urknall-Schlussakkord.

An wie vielen Turangalîla-Aufführungen mag Valérie Hartmann-Claverie, die die Ondes Martenot spielt, schon teilgenommen haben? Als einzige auf dem Podium musiziert sie auswendig. Der Pianist Roger Muraro hat einige Kadenzen zu spielen, die virtuoser sind als in so manchem Klavierkonzert. – Zum Konzert

… zu Janáček nach Charlottenburg

Vom kosmischen Schwung der Turangalîla-Symphonie beflügelt, dauert die U-Bahn-Fahrt nach Charlottenburg nur gefühlte 16 Sekunden. Dort wartet bereits die Frau des Konzertgängers, die bekennender Janáček- und Runnicles-Groupie ist.

Geradezu kosmische Kräfte entfacht auch der dramatische Genius von Leoš Janáček. Wenn Janáček ein kauziger mährischer Halbgott ist, dann ist Donald Runnicles sein spleeniger schottischer Halbprophet: ein sachlicher, aber umso überzeugenderer Anwalt dieses großartigen Komponisten, bereits in der herrlichen Jenůfa. Das Vorspiel der Sache Makropulos (1925/26) geht er mit einigen Volt mehr an als etwa die Wiener Philharmoniker in der schönen Mackerras-Aufnahme, die ganze Oper in einem Tempo, dass die Hörner sich im Finale auch mal überschlagen; trotzdem kein Kontrollverlust, eine packende Orchesterleistung. Runnicles hat das Orchester der Deutschen Oper derart auf Vordermann gebracht, dass es immer wieder die reine Freude ist.

Das Makropulos-Motiv erinnert den Konzertgänger umstandsbedingt an Messiaens absteigenden Akkorde-Leitfaden; erst recht wenn es sich am Ende des 2. Aktes härtet und stählt, als Emma Marty den armen Janek ins Unglück stürzt. Auch zwischen Messiaens indischen und Janáčeks mährischen Tabulaturen tun sich plötzlich Zusammenhänge auf: Aus winzigen Zellen entstehen gewaltige Wirbel. Wie Janáček seine kleinen Motive verzahnt, entwickelt einen ungeheuren Sog, die Musik scheint sich von Insel zu Insel zu bewegen, jedes Eiland besteht nur aus 3 bis 4 Tönen… und  wie diese Musik dennoch oder gerade deshalb ans Herz geht!

Die Hauptfigur Emilia Marty ist eine Art weiblicher fliegender Holländer, ruhelos seit 337 Jahren; allerdings kein Seemann, sondern eine gefeierte Sängerin, die zunächst in einer Anwaltskanzlei auftaucht. Man würde sich auch nicht wundern, wenn Franz Kafka hereinspazierte, denn die Handlung nimmt von einem seit 100 Jahren laufenden undurchschaubaren Prozess ihren Ausgang.

Die Konversation der Protagonisten spiegelt sich in den Geistern der Vergangenheit. Die Regie von David Hermann (der bereits 2012 Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern auf die Bühne der DO brachte, in einer sehr zugänglichen Inszenierung, über die der Komponist hörbar die Nase rümpfte) ist manchmal etwas aufdringlich, etwa wenn zur Illustration eines erwähnten Selbstmords eine Pistole knallt und ein Statist tot umfällt oder wenn am Ende dem Publikum vorgehalten wird: EM = me. Aber insgesamt recht ordentlich, der wichtigste Einfall überzeugt: Emilia Marty überschreitet als einzige die unsichtbare Linie zwischen den Zeiten und wird begleitet von ihren eigenen Gespenstern, die da heißen Eileen MacGregor, Eugenia Montez, Ekaterina Myschkina, Elsa Müller… und eben Elina Makropoulos, Tochter des griechischen Alchemisten, der Kaiser Rudolf II. das ewige Leben schenken sollte, aber nur seiner eigenen Tochter endlose Wanderschaft bescherte.

Evelyn Herlitzius mag nicht so kalt wirken wie anno dunnemal Anja Silja, aber sie begeistert und bewegt in ihrer Darstellung der verzweifelten Frau, deren Fähigkeiten in Liebe und Kunst sich im Lauf der Jahrhunderte vervollkommnet, aber das Entscheidende verloren haben: die Seele. Herlitzius‘ dramatischer Sopran kann schneidend scharf klingen, aber auch ungeheuer seelenvoll, wie es sich bei Janáček, einem der großen Künstler des Mitleids, gehört – in der Verzweiflung regt sich ja eben doch die tote Seele. Gnadenlose Schärfe und rührende Weichheit verbinden sich beeindruckend im Pater hemon, dem griechischen Vaterunser, das EM im Finale kurz vor Ultimo anstimmt. 

Die anderen Sänger wirken durchweg überzeugend, idiomatisch sehr gekonnt, so weit man das als Sprachunkundiger beurteilen kann. Seth Carico als Anwalt und Derek Welton als Baron stechen hervor, Ladislav Elgr klingt als Albert Gregor etwas gepresst, was zur gehetzten Figur passt, sehr eindringlich; als Idiot Hauk-Sendorf tritt der alte Wagner-Recke Robert Gambill auf.

Eine weitere Janáček-Sternstunde an der Deutschen Oper. In der nächsten Saison ist leider gar kein Janáček angekündigt. Die Sache Makropulos gibt es noch zweimal im April, man sollte hingehen, um mehr Janáček in unserer schönen Musikhauptstadt zu erzwingen!

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19.2.2016 – Non, je ne regrette Wagnerien: Frankreich-Festival im Konzerthaus mit Marc Minkowski

Jede Menge Frankreich im Berliner Musikleben: Vor kurzem hat François-Xavier Roth die Berliner Philharmoniker franzisiert, das Rundfunk-Sinfonieorchester beglückte uns mit „Dutissy und Debulleux“, die Komische Oper präsentierte ein Jacques-Offenbach-Festival. Und jetzt veranstaltet das Konzerthaus ein zehntägiges Festival Frankreich. Im ganzen Haus herrscht ein nicht gänzlich ungezwungenes flair français (Personal trägt Baskenmützen, bicyclette mit Rotwein und Akkordeon usw.), aber alles recht sympathisch, la France berlinoise changiert halt zwischen Bulette und Boulez. (Nur dass man nach dem Konzert, das Erlösungsmotiv aus der Götterdämmerung im Ohr, mit Chansons beschallt wird, ist bei aller Bewunderung für Edith Piaf ein Fauxpas.)

Der Intendant Sebastian Nordmann begrüßt mit „Schon die Hugenotten haben…“ und radebrecht tapfer im Welschen. Der französische Botschafter Philippe Etienne eröffnet (ohne sich im Teutschen zu versuchen) das Festival. Sogar Kultursenator Tim Renner hat sich in ein klassisches Konzert verirrt. Und Nike Wagner, der einzig vorzeigbare Spross des wilden Geschlechts, hält einen Festvortrag, der aus der Klischeezone hinausführt zu einem kurzen Abriss von der frankoflämischen musikalischen Harmonie über die barocke Scheidung der nationalen Geschmäcker bis zum nationalideologisch versalzenen musikalischen Rosenkrieg des 19. Jahrhunderts.

Und dann enfin la musique!

Der kuriose Antagonismus zwischen Siegfrieds Rheinfahrt von Wagner und Jacques Offenbachs Rheinnixen-Ouvertüre wurde leider kurzfristig gestrichen, vielleicht weil der konstruierte Wagnerbezug der Renaissance von Les fées du Rhin eher im Weg steht. Trotzdem würde eine solche Rarität den Festival-Auftakt zieren. So muss allein César Francks nicht ständig, aber doch regelmäßig gespielte d-Moll-Symphonie Wagner Paroli bieten. Unübertrefflich spannungsgeladen gelingt dem Konzerthaus-Orchester unter Marc Minkowski der götterdämmerungsgleich mysteriöse Beginn. Im unermüdlichen Aufwärtsmäandern des ersten Satzes hört man heute Abend das Tristansehnen, aber bei Franck führt der Weg nicht in den Liebestod, sondern nach wenigen Minuten zu dem famosen Gassenhauerthema, das zu hören mindestens sieben Tage lang glücklich macht. Hier klingt es allerdings recht knallig, wie überhaupt einige klangliche Härten stärker hervortreten als in der ausgewogenen Interpretation des Rundfunk-Sinfonieorchesters vor Weihnachten.

Richard Wagner wirkt mit den vier Harfen im Götterdämmerungs-Finale „Starke Scheite“ plus décadent als der seriöse, durchaus klassizistische Franck. Auszüge sind für den musikdramatisch erprobten Wagnerfreund immer etwas unbefriedigend, sie bieten keinen Raum für Weltumarmungs- oder Untergangserfahrungen. Aber wenn sich natürlich nicht der Sog einer Ring-Aufführung entfaltet, hört man mit klarerem Kopf und frischeren Ohren. Trotz oder gerade wegen ihres eindrucksvollen, sehr ausgewogenen Soprans (und weil ihr eben noch keine fünf Stunden Musikdrama in den Stimmbändern stecken) steht die Schwedin Ingela Brimberg eher für Wagnerbelcanto als textverständlichen, doch konsonantenspuckenden Sprechgesang. Die Senta-Ballade aus dem Fliegenden Holländer singt sie kraftvoll und, obwohl ursprünglich Mezzosopran,  scheinbar mühelos in der um einen Ton höher liegenden Originalversion, die Wilhelmine Schröder-Devrient von Wagner absenken ließ.

Höchsten orchestralen Glanz lässt das Konzerthaus-Orchester dazwischen in der Tannhäuser-Ouvertüre erstrahlen, und zwar in der Pariser Version, die Baudelaire & Compagnie zu Wagneriens à la française machte. Betörend schön gelingt der Übergang zwischen ersterbendem Pilgerthema und Eintritt ins Reich der Venus. Das ellenlange Bacchanal ist die reine Freude, wenn es so klingt wie hier: durchaus schmissig angegangen, aber mit zauberhaftestem Sirren und Flirren! Tannhäusers schmetterndes Preislied erinnert plötzlich an Francks geschmeidigen Gassenhauer. Formidabler Wagner, nix vagues nerfs, sondern elegance und clarté. Wer in diesem Venusberg nicht für immer bleiben will, muss wirklich eine teutonische Macke haben.

Am Samstag gibt es das Konzert noch einmal, dann ohne Reden. Das Festival Frankreich läuft bis zum 28. Februar, mit einer Spannbreite von Rameau bis Ibrahim Maalouf.

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10. Mai 2015: Glasharmonika, Mitsuko Uchida und Iván Fischer beim Mozart-Marathon im Konzerthaus

Der Weg ins Mozartparadies ist voller Disteln: Bevor der Konzertgänger mit seiner Tochter den 2. Rang erreicht hat, ist er dreimal geschurigelt worden. Zum ersten Mal von einer allseits bekannten Empfangsdame, zum zweiten Mal von einem Kartenverkäufer, zum dritten Mal von einer älteren Besucherin, die es ärgert, vor Konzertbeginn nochmal aufstehen zu müssen. Man fragt sich immer wieder, wie Touristen zumute sein muss, die auf den umwerfenden Alt-Berliner Charme nicht vorbereitet sind. Sei’s drum. Im Konzerthaus gibt es auch jede Menge freundlicher Menschen, außerdem eine Fülle von prima Kinderprogrammen, und es gibt Veranstaltungen für die ganze Familie wie diesen Mozarttag – den dritten Marathon für einen Komponisten nach Beethoven 2013 und Dvořák 2014.

Man müsste sich aufteilen können. Während Alexander Melnikov Mozartsonaten auf dem Hammerklavier spielt, besucht die Frau des Konzertgängers mit zwei Kindern das Wiener Glasharmonika-Duo, das magisch-schüchterne Ehepaar Schönfeldinger, das sein Publikum mit sonderbarsten KlängeFeatured imagen verzaubert. Konzertgängers Sohn lauscht gebannt Griegs Klavierstück Kobold, das er im Klavierunterricht übt und das hier faszinierend verzaubert klingt; und er darf sogar anfassen.

Im ausverkauften Großen Saal spielt gleichzeitig Iván Fischer mit dem Konzerthaus-Orchester die Serenata notturna D-Dur KV 239, keine Sommermusik, sondern eine Serenade für eine Winternacht 1776. Ein Streichorchester mit Pauke steht einem Streichquartett (mit Kontrabass statt Cello!) gegenüber. Dass Mozart sein unaufmerksames Publikum bei der Stange zu halten verstand, beweist der Praxistest: Immer wenn Konzertgängers Tochter sich hinzulegen und einzuschlafen gedenkt, zieht ein neuer solistischer Klangreiz ihre Aufmerksamkeit von neuem an: die Bratsche schrammelt drauf los, der Kontrabass heizt ein, die Pauke flippt aus. Der Konzertgänger hätte gern im 18. Jahrhundert gelebt (Zugehörigkeit zum richtigen Stand vorausgesetzt). Iván Fischer ist der perfekte Dirigent für solche witzige Musik. Eine schwarzgekleidete Frau auf der Orgelempore wiegt, schwingt und dirigiert selbstvergessen mit.

Ernster wird es mit dem Klavierkonzert c-Moll KV 491. 10 Jahre und musikalische Welten liegen zwischen der Serenade und diesem dramatischen, düsteren Stück. Konzertgängers Tochter ist begeistert nicht nur von der packenden Dramatik des Werks und Mitsuko Uchidas sanfter Fingerfertigkeit, sondern auch vom grünen Kleid, den goldenen Schuhen und der fernöstlichen Verbeugungskunst dieser einzigartigen Pianistin. Im herrlichen Larghetto schläft sie trotzdem kurz ein. Umso aufmerksamer hört sie die Bach-Zugabe, in der dann ein Telefon penetrant klingelt – es gehört ausgerechnet der selbstvergessenen Mitdirigentin auf der Empore; nachdem sie es, von 1865 Augenpaaren fixiert, endlich ausgeschaltet hat, schließt sie sofort wieder die Augen und versinkt erneut in wiegende Trance. Beneidenswert autogene Hörkunst!

Die „Jupiter“-Symphonie C-Dur KV 551 kann man gar nicht oft genug hören im Leben, zumindest wenn sie so packend gespielt wird wie hier. Der Konzertgänger hat den (nunmehr zwei) Kindern in seiner Begleitung vorher etwas über das Männliche und das Weibliche in den ersten Takten erzählt, und es trifft sich, dass Fischer so ein pädagogischer Dirigent ist: Er betont das markante Schleifermotiv und die sehnsuchtsvolle Streicherfigur so überdeutlich, dass die Fünfjährigen verstehend nicken. Genau richtig bei so einem Konzert! Fischer beim Dirigieren zuzusehen ist immer eine Riesenfreude, so schlaksig und hampelig das alles aussieht. Die Symphonie entwickelt den größtmöglichen Sog, alle Hörer vom Kleinkind bis zum Greis empfinden den Sturm des Glücks, den das himmlische Finale entfacht.

Mozartpostkarten verschickt, Mozartkutschen herumgeschoben, Melange getrunken. Bedauern, dass diesmal zu wenig Zeit war; Vorfreude auf den Bach-Marathon am 29. November.

Mozart-Marathon im Konzerthaus

Wiener Glasharmonika-Duo