Turbulenzromantisch

Iván Fischer im Konzerthaus, Petrenko und Oramo bei den Berliner Philharmonikern: Entdeckungsreisen von Sinigaglia bis Langgaard

Drei hochinteressante Programme, reich an Unbekanntem: Iván Fischer ist zwar formal bloß der Ex, aber irgendwie doch der Chefdirigent der Herzen am Konzerthaus, jeder seiner Besuche ein Hochlicht. Boss Kirill Petrenko gab bei den Berliner Philharmonikern letzte Woche das vielleicht wichtigste Konzert der Saison. Und dieser Tage dirigierte Sakari Oramo ebendort ganz Seltsames: ein unverschämtes Werk, das alle hundert Jahre gespielt wird.

Foto: Steven Mathey CC BY-SA 4.0

Konzerthaus am 10.6.

Nicht ganz so selten, aber doch auch nicht ständig gibt es Maurice Ravels Daphnis et Chloë-Suite (die zweite), womit Iván Fischer und das Konzerthausorchester ihren abwechslungsreichen französischen Abend beschlossen: pures, körperdurchflutendes Glück, Licht- und Farbenspiel, feinste Ekstasen. Eigentlich ist das eins der schönsten Ravel-Stücke überhaupt. Claude Debussys Frühwerk Printemps direkt davor hatte hingegen was von Pflichtübung, eben der Vollständigkeit halber, um’s auch mal gehört zu haben. Und die Farbgebungen zu Beginn des Konzerts wirkten gar wie ein grobes Missverständnis. Denn auch wenn es immerhin Debussy und Poulenc sind, die für die Verorchestrierungen von Saties einschlägiger Gymnopédie und Gnossienne verantwortlich zeichnen: Wenn Satie abwechslungsreich wird, verliert er da nicht seinen einzigen Reiz, eben die mystische Monotonie? Auch eine etwas hüftsteife España-Rhapsodie von Emmanuel Chabrier (am ersten Abend mit einigen verfehlten Einsätzen) befriedigte nicht recht. Mit Probierzeit wird halt gewirtschaftet, was neben dem herrlichen Ravel dann aber den beiden Stücken mit Isabelle Faust zugute kam: Henri Dutilleux` silbersinnliches, raffiniertes Nocturne Sur le même accord, und Ernest Chaussons Orchester-Poème. Drei becircende Erlebnisse sind eine ganz gute Bilanz für diesen Abend im Konzerthaus.

Berliner Philharmoniker am 9.6.

‚Stilistisch heterogen‘ ist das Zurückhaltendste, was man über die Zusammenstellung des Berliner-Philharmoniker-Konzerts mit Kirill Petrenko in der zweiten Juniwoche sagen kann. Und doch gehörten diese drei jüdischen Komponisten unbedingt in ein Programm, im Rahmen des Saisonschwerpunkts „Lost generation“: Alexander Zemlinsky konnte vor den Mordbanden der Nazis zwar physisch gerade noch fliehen, er starb vereinsamt 1942 in New York. Der in den letzten Jahren musikalisch ein wenig wiederentdeckte Erwin Schulhoff verreckte im selben Jahr im süddeutschen Internierungslager an Tuberkulose; und der Italiener Leone Sinigaglia, der an einem Herzinfarkt starb, als die Deutschen ihn, einen alten Mann, von Turin nach Auschwitz deportieren wollten, ist komplett vergessen. Der Philharmoniker-Konzertmeister Noah Bendix-Balgley führt als Solist zwei Sinigaglia-Stücke auf, die die reine singende Geigenfreude sind: eine einschmiegende Romanze und eine schwungvolle Rapsodia piemontese, köstliche Salonfolklore. Das Wissen um das bedrückende Schicksal Sinigaglias hinter oder eher nach diesem erlesenen Schönklang wird man beim Hören nicht los.

Die 2. Sinfonie von Erwin Schulhoff – einem Komponisten, der selbst ein Ausbund an ’stilistischer Heterogenität‘ gewesen zu sein scheint – hat stellenweise den neusachlichen Esprit einer Haydnsinfonie. Die Anjazzung im dritten Satz ist mehr wie Exotismus, präsente Trompete, Sax, Banjo, und die Holzbläser wackeln mit den Köpfen. Das Stück macht richtig Spaß. Und allein wegen Sinigaglia und Schulhoff bleibt dieses Konzert in zentraler Erinnerung der Philharmoniker-Saison 2021/22. Es ist einfach gut, dass diese tolle Musik von Sinigaglia und Schulhoff im Jahr 2022 im Herzen der Stadt ihrer Mörder erklingt.

Kurios, dass Schulhoffs Sinfonie fast gleichzeitig mit Alexander Zemlinskys Lyrischer Symphonie entstand: Musik, die „zwanzig Jahre ‚zu spät'“ kam, wie Rainer Pöllmann einmal schrieb – was dem künstlerischen Rang dieses „retrospektiven Komponisten“ keinen Abbruch tue. Dieses Werk steht immerhin halbwegs regelmäßig auf Konzertprogrammen. Hier wird es mit Starbesetzung aufgepeppt, die allerdings nicht ganz unproblematisch ist: Christian Gerhaher singt absolut wortklar, muss aber wegen des hohen Orchesterdrucks mitunter arg forcieren. Bei Lise Davidsen hingegen, deren betörender Sopran nun keinerlei Durchdringprobleme kennt, versteht man so gut wie kein Wort, wie eigentlich immer. Bedenklicher als dieser Kontrast mag aber das gegensätzliche sängerische Temperament der beiden sein, bei Gerhaher meisterlich gesteuerte Darstellung, bei Davidsen totale Identifikation, was ja durchaus ergreifend ist, und schön sowieso.

Weitere Probleme zieht der Marketingcoup der Davidsen-Besetzung auch noch nach sich: Denn die Lyrische Symphonie darf zunächst nicht in der Digital Concert Hall erscheinen, weil es Trubel und Trouble mit Frau Davidsens Plattenfirma gibt, die ihre Zustimmung verweigert. Demnächst, so ist zu hören, soll die Digitalhalle doch noch mit dem Zemlinsky nachbestückt werden. Gleichwohl, die Konzerndächer über einem schrumpfenden Markt wachsen, Lise Davidsens Decca ist längst mit der Deutschen Grammophon verbandelt, die ihren eigenen Digitalkonzertkanal aufbaut, weshalb die Contentkämpfe und -krämpfe eben verbissener werden.

Berliner Philharmoniker am 16.6.

Wenn du ein junger Komponist bist und die Berliner Philharmoniker eben deine „Klippenpastorale“ gespielt haben

Verbissenheit und Trubel erfreulicherer Art als derlei juristische Kabale dann im Philharmoniker-Konzert mit Sakari Oramo! Den finnischen Dirigenten hielt ich, als ich früher nur seinen Namen las, für einen Japaner. Der Däne Ruud Langgaard, der auf dem Programm steht, wird irgendwo „ein echter Romantiker in turbulenter Zeit“ genannt. Man könnte ihn ebenso gut als einen Turbulenzromantiker oder auch Turboromantiker bezeichnenn (um die schnöde Wortklippe durchgeknallt zu umschiffen).

Vor Langgaards herausfordernder Klippensinfonie von 1913 aber schmeißen das Orchester (mit Albena Danailova von den Wienern als Konzertmeisterin) und Janine Jansen erstmal die Turbine des großen Gefühls an. Jansen durchlebt und durchleidet Jean Sibelius‘ Violinkonzert mit derartiger Akribie und Intensität, dass man geradezu um ihr Wohlergehen fürchtet, während der philharmonische Streicherklang zunächst wie Kristalle wirkt, die sich in sehr hohen Luftregionen bilden; viel weiter unten schwingt dann das Holz gänse- bis schwanengleich. Eine packendere und zugleich makellosere Aufführung ist kaum vorstellbar. Meine Bekannte M., die sonst kaum Klassik hört, schrieb einmal das Sibeliuskonzert als ihren Lieblingssong ins Freundebuch meines Sohns. Völlig zu Recht, wenn es so zu erleben ist wie hier mit Janine Jansen, die an den Rand der Töne geht! Und dabei doch selbst in den äußersten rhapsodischen Zuckungen hochkommunikativ bleibt: kein achtloses Abonnentenfutter, sondern Herzspeedmacher.

Auf dem Programm steht es natürlich trotzdem auch, um Ruud Langgaards 1. Sinfonie danach nicht vor brutal menschenleerem Saal spielen zu müssen. Die wurde 1913 von den Philharmonikern uraufgeführt, danach quasi nie wieder. Nein, seien wir genau: 1928 in Kopenhagen und 1984 irgendwo, und halt neuerdings wieder. Jedenfalls war das 1913 der erste und einzige Erfolg des 1893 geborenen Langgaard, eines anscheinend und gelinde gesagt schwierigen Menschen. Den abstrusen maritimbukolischen Zusatztitel „Klippenpastorale“ fügte Langgaard seiner Ersten nachträglich zu. Aber er wirkt angemessen gaga für dieses aquakreontische Tonungeheuer. Siebzig Minuten, die einem schon etwas das Hirn aus der Schale branden. Aber wie nannte man sowas in jenem unverschämten Alter, in dem Langgaard das Ding komponierte: sinnlos, aber geil.

Und was sollen erst die Blechbläser sagen, die ja Ertränkungs- und Mahlstromgefühle erleiden müssen, so selten, wie sie Luft holen dürfen, vor allem im ersten und dem finalen fünften Satz? Wie Herr Oramo das monumentalangeberische Riesending, eine Wucht- und Schwulst-Orgie sondergleichen, fast buchhalterisch in der rechten Balance hält, das verdient höchsten Respekt. Gut, symphoniesatztechnisch liegt da gewiss einiges im Argen bei Junglanggaard. Und ebenso gewiss: Ist die Textur fast durchgehend unverschämt massiv, eine Zumutung. Fehlen die lyrischen Töne. Aber irgendwie ist einem das egal, wenn nach einer Stunde, da einem schon alles dröhnt und klingelt, zu den bereits siebzehn Blechbläsern sieben weitere auf die Bühne stapfen. Sagen wir’s also, ohne in falscher Scham zu zögern: Wer von der Musik strikt partnerschaftlich behandelt werden möchte, für den ist Langgaards Erste nix. Aber wer darauf steht, vom Orchester so richtig durchpenetriert zu werden, für den ist sie perfekt.

Die nächste Aufführung des Turbulenz- und Penetranzromantikers durch die Berliner Philharmoniker nach 1913 und 2022 dann voraussichtlich im 22. Jahrhundert, die sollten wir alle auf keinen Fall verpassen!

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