Heiligpanisch: Le Concert Olympique spielt Beethovens „Missa Solemnis“

Putzige Idee im Grunde, ein Spezialorchester zu gründen für die scheinbar unspeziellste Musik der Welt: die des meistgespielten Komponisten von Abba bis Zappa, Afghanistan bis Zypern – Ludwig van Beethoven! Aber Le Concert Olympique mit seinem Dirigenten Jan Caeyers überzeugte in Berlin schon mit Tripelistik und Prometheuismus. Zur Missa Solemnis nun ist in der Berliner Philharmonie toute la Belgique anwesend, inklusive des Königspaars Philippe und Mathilde (und von deutscher Seite u.a. Altbundespräsident Gauck). Die Bitte ans Publikum, sich zur Begrüßung der royalen Ehrengäste zu erheben, ist eine harte Prüfung für den insubordinationsgewohnten Berliner. Ob Beethoven aufgestanden wär? (Die Anekdote, dass Beethoven anders als Goethe dem kaiserlichen Hofstaat nicht ausweichen wollte, mag freilich dubios sein.) Aber was tut man nicht alles – zumal, da das Königspaar in der Stadt weilt, um der Opfer des Ersten Weltkriegs zu gedenken und so ein Zeichen fürs europäische Miteinander zu setzen. Dafür erheben wir uns gern.

Dass das Konzert den Kriegstoten gewidmet ist, richtet den Fokus noch mehr als sonst aufs ungeheuerliche Finale der Missa Solemnis. Hanno Müller-Brachmann eröffnet mit seinem markant-profunden Bassbariton das Agnus Dei, in das alsbald eine kurios-entsetzliche Kriegsmusik eindringt: panische Angst in den Stimmen der anderen drei Solisten, Battaglia-Bumpsen, instrumentales Polywabohu.

Der Bass fehlt ja zunächst, wenn sich zu Beginn der Missa drei individuelle menschliche Stimmen aus dem kollektiven Kyrie lösen. Und welche Stimmen! Erst der Tenor von Steve Davislim, dann der Mezzo von Sarah Connolly und der Sopran von Laura Aikin (die auf der Tournee für Malin Hartelius eingesprungen ist). Wahrlich ein solemnisches Quartett ist hier besetzt! Sie bewältigen nicht nur die technischen Schwierigkeiten, als wären die gar nicht so hoch, und klingen dabei unforciert, gefühlvoll, schön: Sie zeigen außerdem, dass absolute Textdeutlichkeit auch bei einer lateinischen Messe geht. Für den von Erwin Ortner einstudierten Wiener Arnold-Schoenberg-Chor gilt ein Gleiches; namentlich die gefürchteten Sopran-Passagen gelingen hinreißend.

Und auch was das Orchester Le Concert Olympique angeht, möchte man von absoluter Textverständlichkeit sprechen, so klar zeigen sich Phrasen, Linien, rhetorische Figuren. Das ist natürlich das Werk des Conductor doctus Jan Caeyers, der eine äußerst lesenswerte Beethoven-Biografie geschrieben hat (vielleicht die beste der letzten Jahrzehnte; man wünscht sich, dass sie den teils haarsträubenden Quatsch von Maynard Solomon verdrängt). Caeyers beim Dirigieren zuzuschauen ist durchaus zwiespältig, die Optik wirkt (seien wir ehrlich) mitunter eitel und affektiert. Aber er ist ein starker, artikulierter Gestalter. Defizite gibts vielleicht im Zupacken und dessen analytischem Zwilling, dem Laufenlassen; kurz dem Musikantischen.

Aber es ist eine vorzügliche und, je länger es dauert, immer ergreifendere Aufführung. Und das hat auch damit zu tun, dass sie uns zeigt, dass Beethoven den Messtext ernster nimmt als so mancher kirchenfromme Komponist und zumal mit dem leidenden Menschen Jesus von Nazareth leidet. Wie da ein kollektiv schneidendes miserere auf ein individuell barmendes trifft. Oder wie diese fast plumpe Ur-Kadenz zu Beginn des Credo einen anfasst. Nachdem die Musik zum sepultus in die Tiefe zu Staub und Asche diffundiert ist, ecce homo, hört man das Folgende in ungläubiger Erschütterung.

Die deutliche Darstellung der Musik umfasst hier eben auch das Emotionale: etwa den frappant sanften Beginn des Sanctus, in dem der Chor von Bläsern getragen wird. So rührend zart ist dieser Begriff des Heiligen, dass er einem wie ein Ausweis der großen menschlichen Güte des in vieler Hinsicht wohl verwahrlosten und verzweifelten Alkoholikers Beethoven wenige Jahre vor seinem Tod scheint.

Die Qualität des Orchesters sticht nochmals hervor in der instrumentalen Überleitung zum Benedictus: mit einem Klangbild, das zu Beginn ohne hohe Streicher glatt wie ein Werk der (guten!) Moderne klingt, ehe dann die erste Geige von Friedemann Breuninger solistisch herabbenedeit. Selten wohl trug ein Konzertmeister einen passenderen Vornamen. Doch dann das dicke Ende, der Krieg im Agnus Dei. Und die schlussendliche Ruhe: Unerlöst.

Le Concert Olympique spielt dieses Konzert nochmals am 1. Dezember in Baden-Baden und kehrt am 18. Februar nach Berlin zurück, mit der speziellsten Musik der Welt: Coriolan-Ouvertüre, 4. Klavierkonzert (mit Alexander Melnikov) und La Fünfte.

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2 Gedanken zu „Heiligpanisch: Le Concert Olympique spielt Beethovens „Missa Solemnis“

  1. Lieber Albrecht Selges,

    Von Herzen möchte ich Ihnen schildern, was mich beim Lesen Ihrer Zeilen bewegt hat.

    Ich selbst bin Geiger (und Alexander Technik Lehrer) aus Berlin und durfte bei der Missa Solemnis erstmalig bei einem Projekt von Le Concert Olympique mitwirken.

    Während ich hier schreibe, resoniert das Konzert in der Philharmonie am Freitagabend und die vergangene Probenwoche mit unserem Konzert in Antwerpen weiter in mir. Es war und ist ein tiefes Geschenk für mich, ein Teil hiervon sein zu dürfen.

    Auch die Menschen die gekommen sind unsere Konzerte zu hören, sind ein wichtiger Teil dieses Geschenkes.
    Mit großem Interesse habe ich Ihren Kommentar gelesen. Mit vielen Ihrer Reflexionen fühle ich mich sehr verbunden. Ich nehme sie als vielschichtig und tief empfunden war.
    An einer Stelle jedoch bin ich etwas erschrocken und eine gewisse Traurigkeit ist in mir entstanden. Als in Bezug auf unseren Leiter Jan Caeyers von Ihnen die Worte „eitel“ und „affektiert“ verwendet wurden.

    In vielen Jahren meiner Begegnung mit der klassischen Musikwelt gab es eine oft anzutreffende Komponente, die wie ein eingezogener Zwischenboden fungierte, die tiefen Räume menschlicher Wahrnehmung und Kreativität verdeckend – das Ego.
    Wenn menschliche Eitelkeiten die Töne einhüllen, verhüllt sich das wahre Herz.
    Und gerade die Abwesenheit der Eitelkeit war und ist es, was mich in dieser Produktion der Missa Solemnis so berührt hat. Ich habe beim Le Concert Olympique mit so vielen „glühenden Herzen“ gemeinsam musiziert. Und das seines Leiters brennt dafür, den Menschen die Musik Beethovens nahezubringen.
    „Diese Musik ist mein Leben“ ist nur seine verbale Beschreibung dessen, was ich in ihm in dieser Zeit des gemeinsamen Schaffens durchweg empfinden durfte.

    Und wie sie in Ihrer Kritik so zutreffend bemerken, ist das klare Verständnis des Orchesters für den Text, für Phrasen, Linien, rhetorische Figuren das Werk von Jan Caeyers. Und u.a. auch unseres wundervollen Konzertmeisters Friedemann Breuninger.

    Es gibt keinen Auftrag diese Zeilen zu schreiben außer den Auftrag meines Herzens, das Erlebte zu teilen.
    Jan Caeyers sagt:
    „Musik ist eine sprituelle Erfahrung.“

    Das war die Essenz meines Erlebens in dieser Missa Solemnis.
    Ein Manifest des Unmanifesten.
    Des grenzenlosen Seins.
    Des Göttlichen.

    Lieben Gruß
    Alexander Olschewski

    • Lieber Herr Olschewski, herzlichen Dank für diesen Kommentar. Die (vielleicht zu starken) Begriffe „eitel und affektiert“, die Sie zitieren, beziehen sich ausdrücklich nur auf die äußerliche, optische Wirkung des Dirigats auf mich als Zuschauer (nicht Zuhörer in dem Fall). Ich meine damit weder menschliche noch musikalische Qualitäten; die haben sich im Gegenteil in dieser „Missa Solemnis“ wunderbar verbunden.
      Es gibt übrigens noch andere, herausragende Musiker, die mich berühren und denen ich dennoch nicht gern zuschaue.

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