Heißkeuschig: Händels „Theodora“ als Potsdamer Winteroper

Hier gilts dem Frommsinn!

Stupend, was den Homo sapiens aufzuheizen vermag: etwa glühende Märtyter-Schmonzetten. Erst recht, wenns um heiße Märtyrerinnen geht. Eine besonders glühende bietet die diesjährige Potsdamer Winteroper mit Georg Friedrich Händels Theodora von 1750. In der Friedenskirche am Eingang zum Park Sanssouci wird das Oratorium auf den scheinmarmornen Laufsteg geschickt. Und Bewegung ist sinnvoll, auch wenn die Temperaturen an Bord des Kirchenschiffs nicht so arg sind, wie der Name Winteroper verheißt. Vielleicht liegts auch am Glühwein, den man sich, da keine Pause, vor der Tür einschüttet. Wolldecken muss man jedenfalls nicht mitbringen, höchstens bei der Kleiderwahl bedenken, wo in puncto Fröstelschutz des Menschen Achilleszehe liegt.

Kleidertausch, keusch.

Theodora ist eins der Spätwerke, mit denen Händel von der Oper aufs Oratorium umsattelte, in diesem Fall (was das Finanzielle angeht!) nicht besonders erfolgreich. Dabei ist Theodora eine kuriose Mischung aus Frömmigkeit und Sex (Handlung): Keuschheit wäre stinklangweilig, würde sie nicht arg malträtiert. Der römische Statthalter in Antiochien will also die christengottgefällige Theodora zur Strafe für ihre religiöse Renitenz nicht einfach foltern und verbrennen (das wär kein Problem für Theodora), sondern convey you to the vile place, a prostitute, to devote your charms.

O worse than death indeed!

Man könnte das in einer Zeit, die sensibilisiert sein sollte für sexualisierte Gewalt, in gebotener oratorischer Ernsthaftigkeit anfassen, wie es im Neujahrskonzert 2017 in der Philharmonie geschah. Man könnte auch Bedenken Bedenken sein lassen und sich dem erotischen Seifenschinken einfach hingeben; die Fantasie hat ja ihre eigene Sensibilität. Leider sucht die Regie von Sabine Hartmannshenn einen Mittelweg, der sich, wie inszenatorische Mittelwege es gern tun, an Kapitalismuskritik übt. Die Antiochier sind eine spaßgeile Eventgesellschaft, die die Symbole des christlichen Glaubens als hohle Accessoires in der Gegend herumträgt: die üblichen Dekadenzklischees, die das späte Rom wie unseren angeblichen Spätkapitalismus gleichermaßen auszeichnen sollen. Die quietschig-glitzernden Kostüme von Edith Kollath, wie die Bühne aus den Werkstätten des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, tun ein Übriges zur Klamotteligkeit des Ganzen (für Stiefelfetischisten ist der Abend allerdings ein Pflichttermin).

Dabei ist die Friedenskirche mit ihrer nachgemachten Frühchristlichkeit und dem echten(!) byzantinischen Mosaik in der Apsis  ein hochatmosphärischer Ort für Theodora. Er lüde zu einer konzentrierteren Inszenierung ein. Interessant ist immerhin der Regie-Einfall, die Hauptfigur auf halber Strecke sterben zu lassen: eine reine Projektionsfläche nur noch für die handelnden Figuren, für Sehnsüchte im Guten wie im Bösen, im Heißen und Kalten. Und eben auch für die Zuschauer. Allerdings bringt diese Idee musikalische Kollateralschäden mit sich, etwa im Duett To thee, thou glorious son of worth, wenn Theodora hoch oben von der Orgelempore und der sie liebende Legionär Didymus in der Mitte des Laufstegs singt, um den herum das Publikum sitzt, während das Orchester aus der weitestentfernten anderen Ecke des Raums herübertönt. Lästig ist auch das leere Hin- und Herstiefeln der Figuren auf dem marmornen Laufsteg. Und das dürfte das Kernproblem sein: der Versuch, die statische Temporatur eines Oratoriums durch so viel Rennerei wie nur möglich zu erhöhen.

Dabei zeigt die prima Kammerakademie Potsdam doch, dass auch in einem Händel-Largo an innerer Bewegung kein Mangel herrscht. Der Dirigent Konrad Junghänel imponiert anfangs mit schnörkelloser Stop & Push-Dynamik und lässt dann in abwechslungsreicher, undogmatischer Freiheit manch unerwartete Orchesterfarbe aufblühen; die Streicher gefallen mit fast schon frühklassischer Legato-Neigung.

Was den Abend trotz Regie-Frust zum höchsten Genuss macht, ist die (übrigens fast komplett muttersprachliche) Sänger-Besetzung. Der Gesang ist auf fünf Hauptfiguren gleichmäßig verteilt, alle singen stilsicher und berührend. Schön ist auch die charakteristische Gegensätzlichkeit der beiden Frauenstimmen: Die Sopranistin Ruby Hughes ist als Theodora eine Meisterin des keuschen Knisterns und der ambivalent anschwellenden Töne (Angels, ever bright and fair) ebenso wie des entrückten adieu – bereits im allerersten Vers, den sie zu singen hat! Ihre Freundin und Glaubensgenossin Irene wird von der wunderbaren Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen gesungen, die durchaus Wagner im Organ hat, aber dem Barockgesang nichts schuldig bleibt: betörend schlicht in der Air As with rosy steps und später im Vers still ever calm, and ever pure eben nicht nur pure, sondern derart purepure, dass die Bühne brennt. Leider muss die Regie das Offenhörliche noch blöd hinausposaunen, indem sie die Irene den von so viel Keuschheit ergriffenen Legionär abknutschen lässt. Dass bei ihrem lodernden each night and day, we sing and pray jeder Soldat rallig werden muss, war uns auch so klar.

Der Bariton Neal Davies ist ein überzeugender, wenn auch nicht furchteinflößender Statthalter Valens. Herrlich ist der sich in Liebe und Glauben verzehrende, dabei völlig losgelöste Countertenor von Christopher Lowry als Didymus, dessen Stimme fliegt beim Gedanken daran, with this Princess to live or this Christians to die. Auch am schlimmen Ende erdrosselt klingt er noch bezirzend; und im Schlussduett Thither let our hearts aspire zeigt sich, wie gut seine und Hughes-Theodoras Stimme zu verschmelzen vermögen, wenn die Regie ihnen die räumliche Nähe erlaubt.

Die interessanteste Figur aber ist der zwischen Kaisertreue und Faszination durch die Unbedingtheit der Christen und das Beispiel seines Freundes Didymus zerrissene Offizier Septimius: Und der findet im Tenor Hugo Hymas einen aufregend differenzierten, dabei wunderschön anzuhörenden Gestalter. Der 16kehlköpfige Chor, zusammengesetzt aus dem jungen Vocalconsort Berlin und der noch jüngeren Vokalakademie Potsdam, ist die sechste Hauptfigur, bald als zündelnd-brandschatzendes Heidenkollektiv, bald als wärmende Christenkommune. Er hat immer wieder unter dem hektischen Hin und Her zu leiden. Aber wenn er sich sammeln darf, so in der schönsten Chorstelle dieses Werks, dem How strange their ends mit seiner mystischen großen Septime; oder im Go, gen’rous, pious youth, bei dem das Publikum den Chor von vorne und hinten hören darf: Da ist beglückendes, wärmendes Dolce surround.

Die Potsdamer Winteroper gibts noch fünfmal in der Friedenskirche. Wer die Handlung nicht kennt, sollte sich vorbereiten oder den Text mitbringen bzw am Eingang kaufen. Im nächsten Jahr wird die Winteroper (nach nun sechs Jahren im Ausweichquartier) wieder im renovierten angestammten Quartier stattfinden, dem Neuen Palais; dann gibts Mozarts La clemenza di Tito.

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