Lehrsinnlich: Le Concert Olympique mit Jan Caeyers spielt Haydn und Beethoven

Wer liebt schon das Tripelkonzert? Im Konzertbetrieb wirds meist gescheut, fast als wärs ein Tripperkonzert. Dass es dazu gar keinen Grund gibt, beweist das belgisch-weltumspannende Ad-Hoc-Orchester Le Concert Olympique unter seinem Gründer Jan Caeyers im Kammermusiksaal.

Der Appeal des scheinbar unspektakulären Programms mit zwischen 1795 und 1810 entstandenen Werken von Haydn und Beethoven zeigt sich nicht auf den ersten Blick, aber aufs erste Hören. Und dass man das im Zentrum stehende Tripelkonzert C-Dur op. 56 (1804) von Ludwig van Beethoven sogar zu lieben lernt, daran ist nicht zuletzt das Solistentripel schuld. Zwar trippelt die kleinteilige Motivik auch bei dieser Aufführung in kurzen Schritten hin und her. Aber die Schritte sind sowas von leichtfüßig, und durch das Qualitätstripel Können, Witz und Freude spannt sich ein großer Bogen auf.

Der Cellist Maximilian Hornung hat meistens voranzugehen: mit starkem, klarem Ton, berückend schön im Largo. Sein Zusammenspiel mit der Geigerin Antje Weithaas, die als Konzertmeisterin der Camerata Bern schon Beethovensinfonien geleitet hat, sprüht vor Spiellust und lebendiger Kommunikation. Hinreißend, wenn die beiden Instrumente einander ablösen oder gar miteinander verschmelzen. Lachender Dritter ist der Pianist Till Fellner, dessen Anschlag über eine staunen machende Farbpalette verfügt. Er bändigt seinen Steinway, indem er manchmal das linke Pedal niederdrückt und zugleich mit dem andern Fuß über dem rechten Pedal den Takt schlägt, etwa zu Beginn der finalen Rondo-Polonaise. Er vollbringt das Kunststück, von allen dreien im Schnitt am leisesten zu spielen. Fast ein Alleinstellungsmerkmal für ein Klaviertrio, oder?

Two’s a crowd, three’s a company. So schön können konzertante Koalitionssondierungen klingen. Das ist was anderes als die jamaikanische Quadrupel-Kakofonie, die auf der anderen Seite vom Tiergarten schon in der Exposition versemmelt wird.

Schuld an der Liebeserweckung ist aber auch die profunde Einführung, die der Dirigent Jan Caeyers vor der Aufführung gibt: so akribisch-pingelig wie begeisternd-sinnenweckend. Als Autor einer vielgerühmten Beethoven-Biografie (C.H. Beck) versteht er es, den Hörer zum Warten aufs Unerwartete zu verführen. Ist dieses Tripelding nun ein Virtuosenkonzert? Es gehe um die Virtuosität der Fantasie, nicht um technische Halsbrecherei.

Und von der Gesamtauffaltung des Klangs profitiert die Aufführung auch. Im Kammermusiksaal, eigentlich ja eher dem Nicht Ganz So Großen Saal, ist Wiener Klassik doch besser aufgehoben als im Höllenschlund des Großen Saals. Die 45 Musiker aus verschiedenen europäischen Orchestern (darunter Concertgebouw und Symphonieorchester des BR) sind sinnig aufs Podium gesetzt, aber nicht gequetscht, die hinteren Reihen auf dem stark erhöhten Podest, so dass die Kontrabässe den Kopf des Dirigenten noch um eine halbe Körperlänge überragen.

Davon profitiert nicht nur die optische Wahrnehmung (die Männer in Schwarz, die Frauen von einem Antwerpener Modehaus individuell durchbläut und durchtürkist, eine Augenweide), sondern auch die Akustik. Im Tripelkonzert, wo man wegen der hervorragenden Solisten zu wenig aufs Orchester achtet, profitiert vor allem der aufregende Crescendo-Beginn von dieser Staffelung.

Sie hat sich aber schon  zuvor in Joseph Haydns Sinfonie Nr. 104 D-Dur, Hob.I:104 (1795) bewährt. Wie fein, im Andante derart die Fagotte zu hören. Le Concert Olympique musiziert und artikuliert hinreichend historisierend, inklusive Naturtrompeten mit diesen hübschen roten Bammelkordeln und so. Außer beim Blech aber auf modernen Instrumenten und durchaus mit Legatofreude, kultiviertem Streicherklang, ohne Dynamik-Furor.  Deutlich, aber nie plakativ sind die formgebenden Kontraste oder auch die Witze in der Reprise des Kopfsatzes, im Menuett, im Dudelsack-Sound des Finales.

Ist man danach im Tripelkonzert baff, welche Ausdrucksweiten Beethoven neun Jahre nach der letzten Haydnsinfonie durchschreitet, bleibt einem die Luft weg beim Quantensprung, den Beethoven dann in weiteren sechs Jahren machte. Die auf engstem Raum verdichteten Extreme von Beethovens Egmont-Ouvertüre op. 84 (1810) treiben einen auf die Stuhlkante. Schon die verdoppelten Hörner in den Anfangsakkorden erschüttern, das antwortende leise Holz lässt das Herz erbeben. Im Tripel eines durchschnittlichen Sinfoniekonzerts ist die Ouvertüre ja (wenn die Sinfonie die Bundesliga und das Solokonzert die Champions League ist) sowas wie der DFB-Pokal, das Loserpflaster. Hier aber entpuppt sich die finale Egmont-Ouvertüre als verdichtete fünfte Sinfonie und als kathartischer Höhepunkt des Abends. Danach möchte man sie nie, nie wieder als belanglose Eröffnung eines Standard-Sinfoniekonzerts hören.

Mit seiner nächsten Beethoven-Serie tourt Le Concert Olympique im April 2018. Konzert in Berlin am 24. April.

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