Durchgedreht: Brittens „The Turn of the Screw“ an der Staatsoper Unter den Linden

Feschttage-Rummel isch over: Nach dem österlichen Großbohei mit Verdi, Wagner, Debussy, Argerich, Barenboim & Co darf die Staatskapelle erstmal verschnaufen vom Akkorddienst im Akkord. Aber just wenn sich Starflut und Klangwogen verzogen haben, tauchen im scheinbar schilfigen Schlick oft die feinsten Perlen auf: etwa Benjamin Brittens nun wiederaufgenommene Kammeroper The Turn of the Screw (1954) nach der Erzählung von Henry James. Dazu brauchts im Orchestergraben nur 13 Musiker: ein Streichquintett, vier Holzbläser, an Blech lediglich ein Horn, dazu Schlagwerk, Harfe und Klavier/Celesta. Während der große Orchesterapparat sich erholen darf, ist das Publikum aufs Äußerste gefordert.

Schilfig und schlickig kann man Brittens Psycho-Schraubendreher-Drama durchaus anfassen. In einer wasserleichenreichen BBC-Produktion nahm die englische Regisseurin Katie Mitchell (später auch an der Staatsoper aktiv) den grausigen Spukgespensterplot einst librettogemäß bildwörtlich. Dafür scheint die facettenreiche Hauptfigur der namenlosen Gouvernante arg unterbelichtet:

Claus Guths Staatsopern-Inszenierung von 2014 ist nun das glatte Gegenteil von Mitchell: Die Gespenster sind hier derart unterbelichtet, dass sie komplett unsichtbar werden. Ihre Stimmen sind nur aus dem Off zu hören.

Im Fokus steht die unglückselige, sexuell verklemmte Gouvernante. Sie allein ist es, die hier mächtig an der Schraube dreht. Noch bevor sie den ersten Ton gesungen hat, ist sie schon mit verliebten Zuckungen in Ohnmacht gefallen. Als zum ersten Mal eine Geisterstimme erklingt, öffnet die Gouvernante schreiangelweit ihren Mund: Alles kommt aus ihr. Auch die anderen Figuren, aus deren aufgerissenen Mündern die Stimmen der unsichtbaren Geister später zu kommen scheinen, sehen wir offenbar nur in den verzerrten Wahrnehmungen, ja Wahnprojektionen der Gouvernante.

Einen kleinen Einblick gibt der Staatsopern-Trailer:

Das ist eine konsequente und weitgehend schlüssige, allerdings auch sehr ambivalenzfreie Interpretation des verstörend uneindeutigen Librettos. Das letzte you devil des sterbenden Jungen bezieht sich hier eindeutig auf die Gouvernante, während man sonst nicht genau weiß, ob sie oder der verführerische Geist gemeint ist.

Aber das faszinierende Bühnenlabyrinth (Ausstattung Christian Schmidt) macht einiges wett. Es gibt in dieser Inszenierung kein Draußen, nur das Innen des verwunschenen Landhauses, das hier das Innen des verwunschenen Gouvernantenkopfes ist. Selten hat eine Drehbühne so viel Sinn ergeben: Es entsteht der Eindruck unendlich vieler Räume, in denen man sich doch immerzu bloß im Kreis bewegt. Schaut man in der Dunkelheit zwischen den beiden Akten des Stücks (denn es gibt keine Pause) vom Parkett zur Decke hinauf, meint man die Ränge sich um den eigenen Kopf drehen zu sehen.

Dass sich in diesen Räumen (denen ein roter Vorhang manchmal Twin-Peaks-Flair verleiht) auch diverse Doppelgänger der Figuren tummeln, versteht sich fast von selbst. Die beiden Kinder tauchen in Traumungestalt wieder auf, mit geschrumpften Körpern und enorm angeschwollenen Köpfen; gelegentlich opfern sie ein weißes Kaninchen und dergleichen; was Kinder in Albträumen eben so zu tun pflegen.

Dabei ist die Erscheinung der Kinder auf der scheinbar ersten Wirklichkeitsebene schon verstörend genug: Mit erwachsenen Sängern besetzt, strahlen sie von vornherein das Gegenteil von Unschuld aus. Die eindrucksvolle Flora von Sónia Grané ist ätzend aggressiv. Dass der Junge Miles, der in seiner Schuluniform an Angus Young von AC/DC erinnert, überdies von einem Countertenor (Thomas Lichtenecker) gesungen wird, ist ein Knaller. Und zwar im für die verklemmte Gouvernante unbehaglich-wollüstigsten Sinn: Sein mysteriöser Ohrwurm Malo klingt hier nicht engelhaft entrückt, sondern physisch kraftvoll und sexuell offensiv.

Die weitere Besetzung ist mit Marie McLaughlin als alter Haushälterin sowie Anna Samuil und Stephan Rügamer als Gespensterpaar grundsolide; Rügamer singt zudem vorzüglich deutlich den nur vom Klavier begleiteten Prolog (hier mit Peter Pears zu hören).

Die wichtigste, wenn nicht einzige Figur des Stücks wird in dieser Wiederaufnahme von der Schwedin Maria Bengtsson gesungen, und zwar mit enormer Intensität. Auch wenn sie nicht immer ganz klar prononciert und ein gewisser Konsonantenschwund herrscht, packen Schönheit, Schrecken, Expressivität ihres Gesangs von Alpha bis Untergang.

Der Israeli Daniel Cohen ist ein umsichtiger Schraubendreher am Pult der kleinen Staatskapelle. Wie bei den Gesangsstimmen dominieren die Höhen. Die Qualitäten der dreizehn Musiker sind ausgiebig einzeln zu bewundern. Wenn Miles erstmals sein Malo singt, ist es, als berühre nacheinander jedes Instrument die Gouvernante an einer verbotenen Stelle. Verblüffend ist aber auch der fette, glockengesättigte Orchestersound, zu dem das Ensemble sich steigern kann, am eindrucksvollsten, bevor es der Gouvernante übel schwant: I am alone…

Brittens komplexer Umgang mit Klangfarben und Harmonien ist imposant, gerade weil er manchmal so einfach scheint: Spielt die Celesta in einer „falschen“ Tonart mit, zieht es uns den Boden unter den Füßen weg.

Das alles ist lohnender und preislich erschwinglicher und weit weniger ausverkauft als manche aktuelle Großproduktion der Staatsoper. Vier weitere Aufführungen gibts noch, am 11., 14., 20. und 22. April.

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11 Gedanken zu „Durchgedreht: Brittens „The Turn of the Screw“ an der Staatsoper Unter den Linden

  1. Wenn Sie derart fasziniert sind, muss ich noch gehen. Ich dachte (vor 2 Jahren?) schon, der Britten wär nichts für mich. Die Musik dünn, das Stück befremdlich, die Inszenierung spooky.
    Hmm. Haben Sie eventuell die eine oder andere Eisschraube in die Westwand der Großen Zinne zu viel gebohrt?

    • Wie???
      Britten nichts für Sie?? Peter Grimes und Billy Budd an der DO nicht erlebt????
      Selbst der Tod in Venedig ist sehr gut….

  2. Ich hatte die damals gleich nach der Premiere erlebt, fand ich Klasse. Ist aber im Augenblick alles zuviel, deshalb muss ich leider verzichten. Habe mich immer gefragt, wie ein Regisseur, innerhalb kürzerer Zeit zwei qualitätsmäßig so unterschiedliche Stücke inszenieren konnte. Die Schrott Salome an der DO und dann diese Klasse Inszenierung…

  3. Kraftvoller, die Neugier weckender Bericht (wieder einmal!) über die Aufführung eines ausgesprochen vielschichtigen Werks – danke! 🙂

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