Schleierhaft: Anmerkungen zur neuen „Salome“ an der Staatsoper Unter den Linden

1. So wie nach der Schleier des Nichtwissens-Theorie des Philosophen John Rawls die Erbauer einer wirklich gerechten Gesellschaftsordnung nicht wissen dürften, wo ihr Platz in dieser künftigen Ordnung sein wird, so sollten die Verantwortlichen einer Opernhaussanierung einem Schleier des Nichtwissens unterworfen sein, auf welchem Platz sie im fertigsanierten Opernhaus sitzen werden. Es könnte ihnen, wenn sie die falschen Entscheidungen treffen, also passieren, dass sie im siebenundzwanzigsten Rang ganz linksaußen sitzen werden, sichtbehindert auf engen Stühlen zwischen zwei schnaufenden Falstaffs, wo man sich so behaglich fühlt wie Jochanaan in der Zisterne.

2. Das Gesamtalter der Trias Intendant/Regisseur/Dirigent bei der neuen Salome von Richard Strauss an der Staatsoper Unter den Linden ist durch den kurzfristigen Wechsel von Christoph von Dohnányi zu Thomas Guggeis von 240 Jahren auf 176 Jahre gestürzt. Bodenlose Jugendlichkeit für Staatsopernverhältnisse. (In der nächsten Saison, heute verkündet, wird ja eh alles anders.) Guggeis‘ Dirigat ist ein Triumph, Hut ab vor diesem 24jährigen Dirigenten. Alles sitzt, passt, wackelt und hat Luft, Abstufungen und Dynamik perfekt, und die Staatskapelle hat ein sinnliches Funkeln, das in irritierendem Kontrast zum Bühnenkolorit steht.

3. Das Bühnenbild von Reinhard von der Thannen beschränkt sich nämlich aufs traurige Farbspektrum von Neuwagen im 21. Jahrhundert: schwarz, weiß und metallic. Die Palastwachen tragen hübsch alberne Kostüme mit Glatzhauben, die Salome einen schwarzen Anzug – das ist schon was anderes als weiland Birgit Nilssons Schreckschraube aus dem Quelle-Katalog.

4. Das ist alles kein Einwand gegen die Inszenierung. Regisseur Hans Neuenfels mag altersmilde geworden sein, aber auch ein Neuenfels mit halber Kraft, von dem man platzbedingt nur die Hälfte sieht (Idee: große Spiegel vor die Proszeniumslogen, um den sichtbehinderten Plätzen zu helfen), ist aufregender als so mancher junge Wilde. Allein die Personenführung, so geht das.

5. Dennoch scheint das Neuenfels-Glas hier eher halbleer als halbvoll. Die metallische Riesenpenisrakete als Gefängnis des Propheten und zugleich mysteriöses Epizentrum der Handlung hat was. Auch ist alles fein durchgegendert (Anzugträgerin Salome mit Bubikopf, Jochanaan im Rüschenkleid), ohne was vorzudozieren. Aber die Dauerpräsenz von Oscar Wilde mit vorgeschnalltem Blechgemächt (der dann auch mal etwas Rot hereinbringt und sogar beim finalen Tanz mittun darf) bringt keine rechte Erkenntnis in die Sache, ebensowenig wie die 42 Keramikköpfe des Propheten, die am Ende hereinfahren wie eine Palette von Teelichten. Worauf die Inszenierung hinauswill, bleibt ein bissl schleierhaft. Wenn man den Maßstab von Neuenfels‘ grandioser Ariadne auf Naxos anlegt, ist man doch enttäuscht.

6. Die Salome von Ausrine Stundyte als Schwachpunkt des Abends auszumachen, wäre ein Leichtes. Die immense Flattrigkeit, die man da immer wieder hört, kann einen so nervös machen wie den Herodes dieser riesige Vogel über dem Palast. Aber die Salome ist natürlich auch eine riesenhohe Nummer. Und Stundyte hat erhebliche Stärken: enorme darstellerische Kraft, wenn es Salome zwischen verängstigtem Kind und irre Begehrender hin und her reißt, sichere bis strahlende Höhe, große Schönheit in den langsamen und lyrischen Partien.

7. Die intelligente Textausdeutung aller Beteiligten ist überhaupt enorm. Kein Sänger wirkt dumm, wann gibts das je? Thomas J. Mayer ist ein recht imposanter Prophet; dem misogynen und, die Sprache verrät ihn, notgeilen Moralapostel Jochanaan gönnt man ja sein Ende immer ein bissl. Die wunderbare Marina Prudenskaya schießt als Herodias so präzise hysterische Giftpfeile umher, wie sie mit konzisem Stiletto-Wurf Jochanaans Riesenpenisrakete traktiert. Der Herodes von Gerhard Siegel könnte wohl etwas sängerischer sein. Unter den kleineren Rollen fielen dem Konzertgänger besonders Nikolai Schukoffs Narraboth, Annika Schlichts Page und Arttu Katajas 1. Soldat angenehm auf.

8. Diese neue Salome ist für den Konzertgänger beileibe kein solcher Reinfall wie der  jüngst durchlittene Tristan. Aber angesichts der Tatsache, dass die Salome ja nicht irgendein Stück und die Lindenoper nicht irgendein Haus ist, ist das alles auch nicht vollauf befriedigend, sondern ein bissl schleierhaft.

9. Dies sind Eindrücke von der Vorstellung am 14. März. Kritiken von der Premiere am 4. März u.a. Schlatz, BR Klassik, DLF Kultur, Tagesspiegel – und ein zweiter Blick in der nmz.

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11 Gedanken zu „Schleierhaft: Anmerkungen zur neuen „Salome“ an der Staatsoper Unter den Linden

  1. Stimmt schon, was sie zur Renovierung sagen. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Die andere Sache ist die, dass man in der DOB für einen Lohengrin 41 Euro zahlt, womöglich im 2. Rang in der 8. oder 9. Reihe sitzt und das Gefühl hat, 200 Meter weit weg zu sein. Und was bei Wagner noch einigermaßen gehen mag, ist bei Mozart oder Liebestrank hör- und miterlebenstechnisch vollends unbefriedigend. Fällt mir gerade ein: Sind die Sitze in der DOB nicht enger gestellt?

    • Enger gestellt??
      Die stehen seit ewigen Zeiten so… Merkwürdiges Wahrnehmungsgefühl :(( Ausserdem wissen Sie, wievel 200 Meter sind??? Vielleicht mal zum Augenarzt gehen…

  2. Na, na, saßen Sie 3. Rang, vierte Reihe, Platz 1? Mir kam die Neuenfelsinszenierung auch beim zweiten Mal Ansehen interessant vor, ich gesteh es, sogar noch interessanter. Die 42 Köpfe sollen ein Kommentar des Regisseurs zum 2010 abgesetzten Idomeneo sein, bei dem Neuenfels bekanntlich das Köpfen von vier Religionsgründern (oder Götter, weiß nicht mehr genau) vorgesehen hatte, soll also quasi eine Selbstreflexion betreffend eine 8 Jahre zurückliegende Kunstverhinderung sein.

    • Ah, die abgeschlagenen Religionsstifterköpfe damals, der Idomeneo-Skandal. Aber ist das im Zusammenhang mit dem Jochanaan-Kopf trefflich? Mir kommt das zu selbstbezogen vor.
      Lieber den Idomeneo mal wiederbeleben.
      Kann sein, dass zweites Ansehen mich weiterbrächte. Dann von links, um die andere (wichtigere) Bühnenhälfte zu sehen.

  3. Na ja,
    die Salome an der DO, in der Regel wesentlich besser besetzt, ist aber nun wirklich eine Katastrofe, und kürzlich vor 3/4 leerem Haus gespielt.
    Ich hoffe jedenfalls, am Sonntag einen Triumpf zu erleben….

      • Na viel Vergnügen…..etwas schadenfroh grins…. Mir reicht alle 2-3 Jahre ein Tristan.
        Ja bin gespannt, Musik hört sich toll an, was man an Bildern sieht, scheints auch interessant zu sein.
        Hab nur von Bekannten gehört, die am Montag zur Probe waren, das es wirklich gut war….

      • Wenn Ihr Tristan halb so gut war, wie die Heliane, müssten Sie einen großartigen Abend gehabt haben.
        Die Heliane war sensationell in jeder Beziehung…

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