Gegengewichtig: Ensemble Musikfabrik mit Saunders, Birtwistle und 15 Solos

Kräftiges zeitgenössisches Gegengewicht zum Alte-Musik-Schwerpunkt des diesjährigen Musikfests mit seiner Monteverdi-Serie: achtzehn Stück neue Musik à 5 bis 90 Minuten in zwei Konzerten des Ensemble Musikfabrik, Samstagabend und Sonntagmorgen im Kammermusiksaal.

Was denkt sich wohl der im Publikum sitzende junggebliebene Altmeister und „Frauen-Komponist“ Aribert Reimann über Rebecca Saunders‘ Behandlung der Sopranstimme von Donatienne Michel-Dansac? Oder über den Umgang mit dem Text, der Saunders‘ räumlicher Performance Yes (2016/17) zugrunde liegt?

Vom Monolog der Molly Bloom aus James Joyces Ulysses sind nur Fetzen vernehmbar, erst am Schluss deklamiert Michel-Dansac eine längere zusammenhängende Passage. Zu purem Klang geworden, macht diese Molly einen ekstatischen bis überkandidelten Eindruck. Das ist zumindest am Anfang oft faszinierend: Wenn die auf tausend Arten atmende, wispernde, seufzende, hechelnde Molly / Michel-Dansac durch den halbdunklen Saal noctambulisiert, von links nach rechts, hoch in Block C, irgendwann im Parkett wieder rein, dann hat das was von Raumklang gewordenem stream of consciousness. Kommt sie bei den Trompeten vorbei, verschmilzt die Gestalt der Molly mit Jeanne Moreau, die im Fahrstuhl zum Schafott durchs nächtliche Paris irrt. In den Streicherglissandi meint man vorbeifahrende Autos zu hören, in der Bassklarinette das Tuten eines fernen Seine- oder Liffey-Schiffers.

Wenn Molly hingegen plötzlich mit tiefer Bauchstimme lospoltert, wähnt man sich eher im Exorzisten.

Zweierlei begrenzt die Faszination: Zum einen die schiere Länge von etwa 75 Minuten. Zum anderen das Gefühl einer gewissen Umständlichkeit, Formlosigkeit, auch Humorlosigkeit. Die Sache franst aus, Mollys Dämmerzustand wird ansteckend. Der Nachbar des Konzertgängers schnarcht bald, als wäre er Mr Bloom, der seine ehelichen Pflichten verschläft. Die hervorragenden 19 Solisten der Musikfabrik wandeln ebenfalls durch den Raum. Und so kann es geschehen, dass man nach einer kurzen Auszeit die Augen aufschlägt und statt Molly einen megavirilen Akkordeonisten mit Glatze und Bart erblickt, der seinem Instrument einheizt und ekstatisch salbadert; da denkt man einen Moment, dass Mollys Exorzismus ganz furchtbar fehlgeschlagen ist.

Beim nächsten Erwachen hat man den Akkordeonisten direkt im Nacken. Und irgendwann sieht man den konzisen Dirigenten Enno Poppe in Block C mit einem Hammer nach rotierenden Riesentriangeln schlagen, mit wechselndem Erfolg.

Aribert Reimann applaudiert wohlwollend.

Reizvoll, wie das Konzert sich motivisch mit Gardiners Monteverdi-Trilogie verbindet: Nach der Ulisse-Variation kommen Harrison Birtwistles ebenfalls sehr ausgedehnte 26 Orpheus Elegies (2003/4) nach Rilkes Orpheus-Sonetten auf die Bühne. Eine Geduldsprobe, aber die Anstrengung lohnt. Orpheus verkörpert sich in der Oboe (Peter Veale), seine Lyra in der Harfe (Mirjam Schröder), Fragmente aus Rilkes den Orpheus ansingenden Texten in der sehr schönen und gut geführten Countertenor-Stimme von Andrew Watts, dem nur das Deutsche manchmal einen Knoten in die Zunge hext. Das sind Klänge von spröder Schönheit, manchmal scharf, manchmal auf irritierende Weise meditativ: etwa wenn Harfe und Oboe dem Auseinander- und zwangsläufig irgendwann wieder Zueinanderstreben zweier verschiedener Metronome folgen.

Die Verelegisierung der Sonette unterstreicht der 84jährige Birtwistle an diesem Abend höchstpersönlich, indem er ein von ihm geleitetes siebenköpfiges Ensemble zwischendurch John Dowlands Lachrimae (1604) spielen lässt: Seven tears figured in seven passionate pavanes. Birtwistles Arrangement, in dem neben fünf Streichern auch eine (Bass)Klarinette und eine (Bass)Flöte mitspielen, lässt am Anfang einzelne Töne wie bruchstückhafte Erinnerungen erscheinen, die sich allmählich verdichten. Im letzten Stück lösen die Tränen-Pavanen sich dann wieder ins Nichts auf, aus dem sie kamen.

Sehr bewegt und unmittelbar ergreifend zuvor Birtwistles Cortege, eine Trauermusik für Michael Vyner. Einer nach dem anderen treten die Musiker aus dem Halbkreis hervor, um in der leeren Mitte, wo der Dirigent fehlt, jeweils ein expressives Solo zu spielen. Am Ende geht die Flötistin den Halbkreis ab und spielt jeden einzelnen Musiker an, der sich um zu antworten und zu Ehren des Toten erhebt. — Zum Konzert

Ein Gegengewicht zu diesen ausgedehnten Werken dann im zweiten Konzert sonntagfrüh: 15 Solos für 15 Solisten – auf 14 Instrumenten, denn das Klavier tritt doppelt auf.

Lauter phantastische Solisten im Ensemble Musikfabrik! Auch hier wirken die drei Stücke von Rebecca Saunders (Kontrabass, Klavier, Flöte) trotz großen Klangsinns umständlich bis zerfasert, gerade im Kontrast mit den drei Stücken von Enno Poppe für Geige, Schlagzeug und Viola. Nicht nur die Titel sind pointiert (Haare, Fell und Filz), vor allem kommt Poppes Musik umwerfend auf den Punkt.

Der Konzertgänger hat als Gegengewicht zu den Erwachsenenohren seine Tochter mitgebracht, der besonders Georges Aperghis‘ Damespiel für Bassklarinette und John Zorns Merlin für Trompete gefallen. Liza Lims The Green Lion Eats The Sun entzückt mit dem mysteriösesten Titel und dem mysteriösesten Instrument, einem Doppeltrichter-Euphonium, das mit seinem zweiten Trichter herrliche Fernklänge hervorbringt. Das wäre was für Gustav Mahler gewesen! Vykintas Baltakas‘ Pasaka – Ein Märchen findet die Tochter schon wegen des Pianisten großartig, der beim Spielen laut mitplappern muss. Mühe macht ihr nur, was das Herz ihres Vaters besonders begrüßt: die hauchzarten Töne in Johannes Schöllhorns grisaille für Cello. Diese Nähe zur Stille, ach, zur tausendgrau schillernden Stille macht das Kind ganz wuschig, aber den Vater selig. — Zum Konzert

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