Allbadend: TRISTAN UND ISOLDE an der Staatsoper Unter den Linden

Unbefußt, höchste Lust

„Staatsoper für alle“ ist eine feine Sache mit endlich mal autofreien Unter den Linden und Live-Übertragung auf dem Bebelplatz. Doofer Name allerdings, denn Oper sollte ja immer „für alle“ sein. Dass die Sache sich #SOFA abkürzt und hashtaggt, macht sie aber wieder liebenswert. Tristan und Isolde also um 15 Uhr bei 30 Grad plus. Der Konzertgänger ist drinnen dabei. Heiß ist es im Saal, aber kühler als draußen: Olfaktorisch sind sowas schwierige Termine – ungeduscht, höchschde Luscht. Aber für Bayreuth-Veteranen pas de problème! Fehlt nur die fränkische Kneipp-Anlage hinterm Haus. Zeit wärs also für dieses Flussbad in der Spree, Herr Regierender Bürgermeister. Vielleicht würde da sogar René Pape vorbeischauen, der eine Stunde vor Beginn schniek beanzugt zum Bühneneingang e-rollert, da wo die paar vernünftigen Fahrradständer sind und darum auch der Konzertgänger.

Wagnerismus (Symbolbild)

Schnieke Anzüge statt kornwallschem Mummenschanz tragen Pape & Co auch in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov. Sie gewinnt bei der Wiederbegegnung knapp anderthalb Jahre nach dem entsetzten Erstkontakt ganz erheblich (vom ersten statt vom dritten Rang aus). Mit gehöriger Skepsis reinzugehen fördert wohl das überraschende Angetansein.

Die Komik etwa fällt diesmal stärker auf: zum Beispiel die Fremdscham, wenn Isolde am Anfang direkt hinter dem jungen Seemann steht, der gepeinlicht zusammenzuckt, als er das bemerkt. Oder Tristans legeres Hereinschneien vor der Trankszene im allerletzten Moment. Zugleich macht die Regie von gleichermaßen eleganten wie sterilen Räumen aus (etwa im ersten Aufzug die fensterlose Lounge einer großen Yacht) inspirierende Angebote in die Tiefe der Erinnerung, mittels kurzen Video-Flashs auf dem Gazevorhang. Und erstaunlich, wie die auf den ersten Blick banalisierend wirkende Personenführung aus dem Tristan ein so plausibles wie spukhaftes Konversationsstück macht.

Vergessens güt’ger Trank, dich trink ich sonder Wank!

Je länger, desto schlüssiger wirkt vor allem, was einen zunächst regelrecht verärgert: wie Anja Kampe als Isolde und Andreas Schager als Tristan aneinander vorbeisingen. Schager kann einen ja auf die Palme bringen mit seinem, so eindrucksvoll sein Organ ist, permanent zu lauten Gesang und der oberflächlich wirkenden Gestaltung. Im ersten Aufzug mag der Tristan noch angehen als dreister Sunnyboy, der Isolde ins Gesicht bellt: Seligste Frau! Aber Verse wie Trug des Herzens, Traum der Ahnung werden in so pauschaler 08/15-Wiedergabe zu eben jenen Worthülsen, die sie vielleicht auch sind. Wenn Schagers Tristan im zweiten Aufzug monologisiert, wirkt das alles wie konsequent uneigentliche Rede. Was zu beträchtlichen Längen führt, denn nachtsichtig klingt hier nix.

Ganz anders Anja Kampe! Wenn sie laut wird (was sie oft muss, wobei sie anders als vor einem Jahr kaum Probleme durchzudringen hat), sind zwar Konsonanten nur noch in Spurenelementen vorhanden, oder sie verrutschen merkwürdig, etwa wenn Isolde dem Eigenholde Wurscht der Herrin befiehlt. Aber das macht nichts, denn Kampes Isolde ist von einnehmender sanfter Wucht, voller Lyrik und Schönheit in jedem Moment, ohne je ins Schrille zu kippen auch in Ohrenblicken der höchsten Leidenschaft und Erregung.

Im zweiten Akt nun schwant einem, dass Tcherniakov aus der Schager-Not und dem Aneinander-vorbei-Singen eine Regie-Tugend macht. Die nächtliche Begegnung wird zur Séance, bei der Tristan Isolde dreist hypnotisiert. Wenn er seine Verse vom Zettel abliest und Isolde manipulativ vorsagt (flüstert Schager wirklich super, als Kampe fragt Soll ich sterben?), dann ist das witzig, schrecklich und scharfsinnig. Nur gehen, selbst wenn das Sink hernieder musikalisch besser funktioniert als befürchtet, hierbei die Gefühle des Zuschauers baden. Das ist ein hoher Preis. Natürlich ist diese Idee von Thomas Manns Tristan-Erzählung inspiriert. Aber diese Wagner-Reflexion taugt als Regieanweisung nur bedingt.

Im dritten Aufzug ist das Aneinander-vorbei musikalisch weniger problematisch, da dort ja ohnehin jeder für sich singt. Und da wird einiges schlüssig. Schagers Tristan klingt zwar wieder enervierend pudelgesund. Wahrlich imposant, wie seine Stimme noch auf jeder orchestralen Monsterwelle reitet, an Stellen, wo man zuvor keinen Tristan je gehört hat! Gestaltung ereignet sich physisch: etwa wenn die Stimme sich (eh und je) geradezu irre überschlägt, während der Krepierende zum durchgedrehten Zappelphilipp wird. Um Missverständnisse zu vermeiden: Mit Brüllen hat das nicht im Geringsten zu tun, es ist jede Silbe sauber da, der Text respektvoll und genau behandelt. Tristans Monolog entpuppt sich hier als eine große traumatisierte Mutterbeschimpfung. Die Ursache hinter der großen Manipulation. Klingt aufdringlich psychologisierend, ist aber mit mysteriöser Eleganz auf die Bühne gebracht. Und es mag alles behämmert sein, aber es geht nicht am Stück vorbei. Es geht.

Heller schallend, mich umwallend …

Anja Kampe schenkt uns danach keinen ekstatischen, sondern einen eher lyrischen, teils fast distanzierten Liebestod – und gerade darum ergreifend. Am Ende stirbt sie nicht, sondern zieht sich mit Tristans Leiche in eine Schlafecke zurück. Von allen begafft, von allen isoliert.

Musikalisch sind die beiden natürlich keineswegs isoliert. Dass Violeta Urmana als Brangäne etwas matronenhaft wirkt, ist wohl beabsichtigt. Die gewisse Schärfe des Timbres ist nicht nachteilig, die Textbehandlung vorzüglich. Boaz Daniel ist ein markiger, gelegentlich etwas erratischer Kurwenal; zu Beginn des dritten Aufzugs klingt er versehrter als sein waidwunder Herr. Stephan Rügamer ist eine schöne Besetzung, weil er dem nebensächlichen Idioten Melot eine grausig komische Note zu geben versteht. E-Roller-Fahrer René Pape aber singt König Markes endlosen Monolog, diese ewige Verlegenheit aller Tristan-Inszenierungen (und seien wir ehrlich, Wagner hätte das mal besser gestrichen), exakt wie erwartet, das heißt sehr gut.

Schöner ist nur diese Bassklarinette, die ihn begleitet. Fragil, einmal scheint ein Ton in hundert Scherben zu zerbrechen. Überhaupt sind die Soli der Staatskapelle stets kolossal, das Englischhorn von Florian Hanspach-Torkildsen zumal (der auf der Bühne spielt), aber auch Kleinigkeiten wie die im Wind flatternden Flötenflaggen. Daniel Barenboim, der, wie man hört, am Vorabend noch ein Viertelstündchen bei der Streichquartett-Woche im Boulezsaal zugehört hat, dirigiert eine Art meisterlichen Old-school-Wagner, das heißt bei sehr gemäßigten Tempi Volldampf voraus, wenn die Paradoxie erlaubt ist. Mit Härte und Schmelz, keineswegs „kammermusikalisch“, oft laut, vielleicht nicht immer maximal sängerfreundlich, aber wirkungsvoll, klangschön, genau. Schon beim Vorspiel räumt man innerlich ein, das würde man in Berlin von keiner anderen Opernkapelle so hören.

Kritik der Wiederaufnahme bei Schlatz

Drei weitere Vorstellungen am 20., 25. und 28. Juni

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7 Gedanken zu „Allbadend: TRISTAN UND ISOLDE an der Staatsoper Unter den Linden

  1. Meine Bewunderung, sich das anzutun, und dann bei der Wetterlage…Tristan reicht mir alle 3-4 Jahre, und dann auch nur mich Bauchgrimmen

      • Na, da können Sie den Tristan ja nicht meinen, vor allem wenn der von dem dortigen GMD dirigiert wird…
        Sonst stimmt es, wenn ich jetzt gerade an den Otello denke, und die 3 Aufführungen vom Hamlet sehen trotz Fr. Damrau auch ziemlich mau aus.
        Vielleicht sollte sich die DO auch so scheusslich verkitschen, wie die Staatsoper und unbequem werden, vielleicht hilft das :-))

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