Unaushaltbar: Abschluss der Quartett-Woche mit dem Hagenquartett

Höhepunkt zum Abschluss der irreführend benamsten, da zehntägigen Streichquartett-Woche im Pierre-Boulez-Saal: Das Hagenquartett spielt am Sonntagnachmittag Kurtág, Schostakowitsch und Beethoven. Kaum zum Aushalten, in mancherlei Hinsicht.

Statt einem kurzen Stück erstmal zwölf superkurze: Mikroludien für Streichquartett opus 13 von György Kurtág, entstanden 1977/78. Nur ein paar Sekunden dauert das Kürzeste. Webern mit Bartók gemixt, nochmal extrahiert und extra gewitzt. Die Streicher fitzeln umwerfend abwechslungsreich aus dem Nix heraus, und wenn irgendwo im Saal ein Stuhl knarzt oder ein Brillenetui zuklappt, verbindet sich das alles ganz organisch miteinander. Zwischendrin aber ein flötensingendes Herzstück, zwei Minuten werden zu himmlischer Länge.

Dann aber Depression pur, denn Schostakowitschs spätes 13. Quartett b-Moll opus 138 ist fahl von Α bis Ω. Α sind lange Bratschentöne von Veronika Hagen. Ω sind Atemgeräusche, die die gedämpften Instrumente am Ende Gottweißwie neben der morbiden Haupttonerzeugung auch noch hervorbringen, vielleicht sind das sogar die schwingenden Bogenhaare, keine Ahnung. Die wiederkehrenden Schläge aber des zweiten Bogens auf die zweite Geige sind wie das Klopfen auf einen Sarg. Wenn im Publikum wer die Jacke auszieht, klingts dazugehörig wie das Ausbreiten des Leichentuchs. Eine Art Requiem für Streichquartett sechs Jahre vor Schostakowitschs Tod, ein Rückblick auf Leiden und Leichen des 20. Jahrhunderts: Musik von kaum auszuhaltender Traurigkeit.

Von kaum auszuhaltender Schönheit schließlich Beethovens Streichquartett cis-Moll opus 131. Das Spiel des Hagenquartetts ist von völliger Gelöstheit, im Glück wie in der Trauer dieser Musik. Zugleich ist da nix von dieser einschüchternden Harschheit, die man vor allem in einigen älteren Interpretationen dieses Werks, an gewissen Stellen, im Ohr hat.

Quartettspiel auf höchstem Niveau. Besser könnte diese zehntägige Streichquartett-Woche nicht enden. Zehn verschiedene Formationen waren zu hören, von A wie Arditti über J wie Jerusalem bis Ω wie Oistrakh. Welch Reichtum! Im nächsten Jahr wird es wieder eine Quartett-Woche im Boulezsaal geben, die dann sogar elf Tage dauert, vom 21. bis 31. Mai 2020. Dann allerdings mit nur drei Ensembles, die dafür Akkordarbeit sondergleichen leisten werden: 13 Konzerte mit dem Belcea-, dem Casals- und dem JACK-Quartett.

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