Sargzielig: „Tristan und Isolde“ an der Deutschen Oper

Hart am Ziel, wie Isolde im ersten Aufzug singt, scheint auch diese Tristan und Isolde-Produktion der Deutschen Oper Berlin, die nach zwei Aufführungen am 3. Oktober zum letzten Mal in dieser Spielzeit gegeben wird. Ob sie danach ganz eingesargt wird, ist ungewiss, aber ein langes Leben dürfte ihr angesichts der rapide sinkenden Publikumsnachfrage nicht mehr vergönnt sein. Einen Tristan mit halbleerem Saal kann sich so ein Haus auf Dauer nicht leisten. Aber für den Konzertgänger, er sagts immer wieder, ist diese Arbeit von Graham Vick eine der schönsten und berührendsten Tristan-Inszenierungen, die er kennt.

Wer liegt denn nun in diesem Sarg, dem eigentlichen Mittelpunkt des Bühnenbilds? Auf ihm ruht am Ende des ersten Aufzugs am längsten das Licht, im zweiten Aufzug steht er aufgerichtet an der Wand, über ihm singt im dritten Aufzug Isolde ihr Mild und leise. Ist die vorzeitig beerdigte Regie da drin? Sinds die fehlenden Zuschauer? Oder der Mensch an sich? Oder (banalste Erklärung) der olle Morold? Tristans Mutter vielleicht, die den Sohnemann, den im Tode sie empfangen, im Tod sie ließ an das Licht gelangen? Oder Tristan selbst, der anfangs als Kind am Sarg sitzt und als Tristan der Held wieder hereintritt? Oder gar Isolde? Den ersten Akt lang sitzt ja König Marke hinter dem Sarg, rückenabgewandt; und die mit aufgekratztem König Marke Heil! herbeiströmenden Jubelkornwalliser kommen hier als durchgeknallte Beileidsbekunder.

Es ist eine Inszenierung von strenger Statik und zugleich großer Assoziationsoffenheit: eine Mixtur, die manchem Zuschauer auf den Senkel geht. Die Aufzüge könnten für die Lebensalter stehen, der erste fürs Kindesalter, der zweite für fürs Mannes- und Frauenalter, der dritte fürs Altersalter. Der Sarg aber ist immer dabei.

Wers nicht ertragen kann, dass Tristan und Isolde den Liebestrank spritzen statt trinken, er also eigentlich Liebesspratz heißen müsste, der sollte fernbleiben. Aber dann wird er den erschütternden Moment im dritten Aufzug verpassen, wenn Tristan just vor Isoldes Hereinstürzen durch eine Glastür hinaustaumelt in die ewige Dunkelheit; das letzte Isolde ist nur noch von jenseits der Bühne zu hören.

Zwei gestandene, aber nicht abgestandene Wagnerrecken singen die Titelpartien. Peter Seiffert hat nicht mehr die Stimme eines 30jährigen, aber mancher 30jährige könnte sich glücklich wähnen und sehnen, zu singen wie Seiffert: mit aller Erfahrung eines langen Wagnerlebens in der Stimme. Die Gestaltungskunst ist frappierend. Und dieser Tristan singt auch da, wo andere bei hohem Tempo in Gefahr geraten, zu hecheln oder zu bellen. Und nachdem er (in der Aufführung am 29.9.) am Ende des zweiten Aufzugs in leichte Atemnot zu geraten schien, beweist er im dritten Aufzug unendliche Ausdauer.

Dass Seiffert äußerlich nicht mehr zur Heldengeneration gehört, passt in dieser Inszenierung ja ausgesprochen gut. Und wie er im dritten Aufzug mit zitternder Hand und trippelndem Schritt den im freien Pflegefall stürzenden Parkinson-Tristan darstellt, ist ungeheuer bewegend.

Für den Konzertgänger ist Seiffert in diesem Jahr der dritte Tristan nach Andreas Schager (Lindenoper) und Stephen Gould (Bayreuth) und ihm der liebste.

Ricarda Merbeth mag keine perfekte Isolde sein, aber wo gibts die derzeit? Auch an Petra Lang in Bayreuth und Anja Kampe Unter den Linden schieden sich die Geister; und selbst mit Nina Stemme vor zwei Jahren war die DO-Produktion absurd leer. Merbeth wirkt souverän und etwas neutral. Wenns expressiv wird, dreht sie ihr ohnehin intensives Vibrato auf Anschlag. Die gelegentlichen Probleme durchzudringen liegen nicht nur an ihr, sondern auch am Orchester, das es zu durchdringen gilt. Der Liebestod gelingt ausgezeichnet.

Unter den weiteren Sängern gefällt dem Konzertgänger besonders die Brangäne von Daniela Sindram. Licht und Schatten bei Samuel Youns Kurwenal, tolle Röhre, die manchmal etwas außer Kontrolle gerät. Albert Pesendorfer schaffts, dass der Konzertgänger diesen elend langen Marke-Monolog ganz gern anhört. (Nachtrag: Am 3.10. ist der fantastische Georg Zeppenfeld als Luxus-Einspringer für Pesendorfer dabei.) Thomas Blondelle als Melot, Matthew Newlin als See- und Bryan Murray als Steuermann zeigen das hohe Niveau des DO-Ensembles. Und es ist immer wieder schön, dem guten alten Peter Maus (Hirt) zu begegnen.

Die dirigentische Qualität von Donald Runnicles entfaltet sich im Operngraben besser als zuletzt in der Philharmonie. Er ist Theatermusiker durch und durch. Das Orchester hat Saft und Kraft, man wünschte sich manchmal stärkere Momente des Innehaltens, Luftholens. Hat man Thielemanns Bayreuther Tristan noch im Ohr, scheint einem hier doppeltes Tempo zu herrschen. Das macht, wie manchmal die Lautstärke, den Sängern gelegentlich zu schaffen. Aber es hat jederzeit enormen Zug; und Sog manchmal; im dritten Aufzug sehr.

Bericht zur Aufführung 2016

Zur besuchten Aufführung am 29.9.  /  Zur letzten Aufführung am 3. Oktober 2018.

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5 Gedanken zu „Sargzielig: „Tristan und Isolde“ an der Deutschen Oper

  1. Lieber Herr Selge,

    seit Jahren stehe ich alleine auf weiter Flur, wenn ich die Tristan-Inszenierung an der DOB bejuble. Nun lese ich Ihre Zeilen und kann nur sagen: ja, ja, ja! Endlich lobt das mal einer.

    Die drei Tristane, die Sie hatten, hatte ich dieses Jahr auch. Bayreuth fand ich große Klasse, auch von der Regie her. Gould und Lang zum Niederknien. Thielemann sowieso. Schager dagegen verleidet mir mittlerweile alle Produktionen, in denen er auftritt.
    Schade eigentlich, ich habe wundervolle Abende mit ihm gehört, aber das ist lange her.

    • Ich habe die Inszenierung jetzt viermal gesehen und bleibe dabei. Meine Frau dreimal, die ist auch im Vick-Fan-Team; sie ist allerdings auch in Seiffert verliebt.
      Ähnlich auch Petra Lang, an der wurde ja von vielen kein gutes Haar gelassen. Ich durfte in Bayreuth vor Ort sein und sie hat mich sehr berührt, auch wenn es technisch dies und das zu bemäkeln geben mag.

  2. Och, wenn ich den Tristan nicht so langweilig finden würde, würde ich wegen Seiffert auch gehen…
    Na am Mittwoch ist er ein bisschen voller….
    Da tue ich mir dann doch lieber heute die Tosca an, auch wenn ich mich jedes Mal über die Aufführungsdauer ärgere. Aber Harteros, Alvarez und Schrott kann ich mir nicht engehen lassen.
    Bin auf den Wozzeck am Freitag, der erste meines Lebens, gespannt

    • Hallo Herr Mohrmann,
      schöne Koinzidenz: Ich war auch in der Tosca, wegen der Harteros natürlich, und werde auch meinen ersten Wozzeck erleben in der kommenden Woche …

      Viele Grüße

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