Wahrhaft schön: Scala-Orchester spielt Brahms und Verdi

Gelinde Enttäuschungen im sonst starken Musikfest-Jahrgang 2017: Nach dem mauen Auftritt des Concertgebouw will auch beim Gastspiel der Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly keine rechte Begeisterung aufkommen. Dabei klingt alles wahrhaft schön. Aber auch schön wahrhaft? Beim Konzertgänger stellen sich Zweifel ein: vor der Pause an der Interpretation, nach der Pause an einem Teil der Werke und mehr noch an ihrer Zusammenstellung.

Dabei wollte der Konzertgänger sich doch wie der Teufel vorm Weihwasser vor dem dümmlichen Dünkel hüten, Italiener könnten keinen Brahms. Hinreißend klingt der elegante, federnde Beginn von Johannes Brahms‘ Violinkonzert D-Dur op. 77 (1878). Elegant bleibt es auch, fast bizarr schön und sowas von legato; fast freut man sich, als am Ende des ersten Satzes die Hörner mal etwas stolperig einsetzen. Das ist zweifellos höchste Spielkultur und aus einem Guss. Und gewiss auch von Chailly wohlstrukturiert. Es ist nie zu laut und nie zu leise: sehr gut. Aber es ist auch nie fast zu laut und nie fast zu leise: auch gut? Selbst wenn das ein so heiteres, gelöstes Stück ist: ein Brahms ganz ohne Ingrimm, ohne einen Anflug von emotionalem Aufwallen? Es klingt angenehm, aber nicht bewegend. Jedenfalls für den Konzertgänger.

Am Solisten Leonidas Kavakos liegts nicht, obwohl der das violinistische Understatement pflegt. Die irren Doppelgriffe und rasenden Läufe schüttelt er ohne großes Getue, fast schüchtern aus dem Ärmel, trotzdem wirkt er tief in die Musik versunken. Ein paar mehr Ecken und Kanten hätten wohl nicht geschadet, aber vielleicht geht das nicht mit diesem und gegen dieses Orchester. In der feinen Bach-Zugabe kommt Kavakos‘ inniges, stilles Herangehen ungebrochen zur Geltung.

Chailly dirigiert vom mit rotem Samt bezogenen Podest aus. Lustiger Kontrast zwischen dem wohlfrisierten Orchester und dem Solisten mit seinen sympathisch strähnigen Haaren. Die Cellisten der Scala lassen in der Pause ihre Instrumente auf dem Podium liegen.

Der Verdi nach der Pause ist klanglich natürlich eine Offenbarung. Da schämt man sich für unsere Berliner Opernorchester. Dass hier jedoch zwei Opern-Ouvertüren zwei geistliche Stücke rahmen, bringt den Konzertgänger aus der Fassung, der protestantische Fanatiker sitzt wohl zu tief in ihm.

Die Ouvertüre zu Les Vêpres siciliennes (1855) könnten die Scala-Musiker wahrscheinlich mit auf den Rücken gebundenen Händen spielen, aber die Verbindung von Wohllaut und Dramatik ist ein Genuss. Und wie in der Zugabe, der Ouvertüre zu La forza des destino (1862), superpräzise die Funken fliegen, führt zu einem Beifallssturm sondergleichen.

Aber wenn auch nach geistlicher Musik ohne Atem zu holen losgeklatscht wird, kann es mit der Ergriffenheit nicht weit her gewesen sein. So geht es nach den due von Quattro pezzi sacri, die zwischen den Ouvertüren erklingen, dem Stabat Mater und dem Te Deum (1896). Die klingen herrlich ausgewogen in ihrem kontrollierten Fluss. Aber wäre es nicht besser gewesen mit den beiden weggelassenen a-cappella-Stücken? Die vier pezzi sacri mögen in keinerlei zyklischem Zusammenhang stehen, aber es wäre doch ein reizvolles, verinnerlichendes Gegengewicht. Das spürt man im orchesterlosen Beginn des Te Deum, bevor das Orchester zum Sanctus hereinzudonnern hat. Der Rundfunkchor Berlin klingt wundervoll, kontur- und kontrastreich, scheint sich auch tiefer ins Geistliche hineinzuwühlen, als das Orchester es will oder darf. Auch wenn man vom Text nicht viel versteht.

Die Kombination Brahms / Verdi hat sich dem Konzertgänger auch danach nicht erschlossen. Aber vielleicht ist er auch bloß, wie der Teufel ins Weihwasser, in den eigenen Dünkel gefallen.

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Ein Gedanke zu „Wahrhaft schön: Scala-Orchester spielt Brahms und Verdi

  1. tja,
    dafür gabs in der DO umso mehr Begeisterung für die Lucia mit Pretty Yende, auch für Atilio Glaser und die anderen Mitwirkende.
    Schon allein minutenlange Ovationen für Fr. Yende nach den Wahnsinnsarien…

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