Schmelzverfallend: Medtner-Festival in Berlin

Berlin drängt zu Medtner

Auf Nikolaj Medtner hat Berlin gewartet. Zumindest der klavieristisch interessierte Teil der Stadt. Der ist, wie sich zeigt, groß genug, dass schon die Eröffnungsveranstaltung in der Schwartzschen Villa heftig überlaufen ist. Da niemand abgewiesen werden soll, drängt man sich so innig, dass bald Temperaturen herrschen wie in der berlinweit berüchtigten Tropenlinie U9, an deren südlicher Endstation die Villa liegt. Dass der Andrang gerechtfertigt ist, daran hat der Konzertgänger keinen Zweifel, auch wenn er aus Zeitgründen nur die ersten beiden Konzerte des am Samstag zu Ende gegangenen Festivals medtner classics besuchen konnte.

Unglückliche Umstände mögen schuld daran sein, dass Medtner (1880-1951) weitgehend vergessen ist (oder war?): historische Verwerfungen wie die sogenannte Oktoberrevolution oder musikgeschichtliche Umbrüche wie die ideologische Verwerfung der hartnäckigen, noch in den 1910er und 20er Jahren so erfolgreichen Sehrspätromantik. Medtner selbst, liest man, habe sich als ein Jahrhundert zu spät geboren empfunden. Resigniert klingende Worte eines „Gestrigen“, der wie mancher andere, der gestern gestrig schien, am Ende morgiger sein könnte als die Superheutigen von anno dazumal.

Denn mehr als die Widersprüche fallen bei Medtner die Verschmelzungen auf: Schon in Medtners Familiennamen zeigt sich jene deutsch-russische Symbiose, die kulturgeschichtlich das 19. Jahrhundert so sehr befruchtete. Und während das schwelgerische Klangbild von Medtners Klaviermusik oft an Rachmaninow erinnert, hat der verdichtete Satz tatsächlich etwas von Brahms. Medtners „Spätromantik“ indes nennt der Musikologe Dennis Hopp im zweiten Festivalkonzert im ebenfalls rappelvollen Curt-Sachs-Saal des Berliner Musikinstrumentenmuseums eine Verbindung von Symphonik und Mystik.

Am sinnfälligsten aber wirkt die Verschmelzung von großer und kleiner Form. Einerseits schrieb Medtner 14 Sonaten, andererseits ist das musikalische Märchen bei ihm ein eigenes Genre. Doch die Märchenstücke akustieren keine vorgesetzten Handlungsgerüste, sondern funktionieren eher assoziationsöffnend: nicht strukturbildend, sondern als zusätzliche Ebene beim Hören dieser erzählenden Fantasien. Mitunter sucht die Sonate auch die kleine Form, etwa der Idylle, wie in der gleichnamigen späten Sonate op. 56 von 1935-37, die Alexander Karpeyev beim Eröffnungskonzert vorzüglich spielt. Oder das Märchen wird Großform – so in der Märchen-Sonate op. 25,1.

Die ukrainische Pianistin Darya Dadykina spielt die Märchen-Sonate am ersten Tag und lässt am zweiten die Sonata minacciosa op 53, 2 folgen. Die ist bedrohlich zwar ohne die giftgrüne Abgründigkeit Skrjabins, aber von Furchteinflößungen genuin pianistischer Art, etwa in einem irrwitzigen Staccati-Fugato. Die atemberaubend perfekte Dadykina elektrisiert das Publikum mit ihrer jederzeit singbereiten Virtuosität. Und auch der Russe Vasily Gvozdetsky, der zuvor die imposante Nachtwindsonate op. 25, 2 von 1911 spielt, erhält verdiente Bravo-Rufe. Die Verschmelzung von Gesang und Virtuosität fällt in diesen Werken besonders auf, die ebenso wie die wiederkehrende Glockenmotivik an Rachmaninow erinnert.

Musik ist das, die dem Hörer unmittelbar eingeht und die er doch unbedingt wiederhören möchte. Keine schlechten Voraussetzungen also für eine hohe Präsenz im Konzertbetrieb, möchte man meinen. Woran liegt es dann, dass Medtner so abwest? Nur an den Umständen? Daran, dass gelegentlich Passagen doch etwas vorhersehbar dahinrauschen? Das gibts ja auch bei Großkanonikern des Klaviers. Oder hat es damit zu tun, dass Medtners Musik reich an erinnerlichen kleinen Motiven ist, die sich als rote Fadenpunkte durch seine Stücke ziehen, aber kaum ausgesprochene Ohrwürmer enthält?

Der Schwerpunkt des Festivals liegt medtner-naturgemäß auf der Klaviermusik. Reizvoll aber sind die frühen 3 Nocturnes, die der Geiger Alexander Won Ho Kim und die Pianistin Petya Hristova am Eröffnungsabend spielen. Um so größer das Bedauern des Konzertgängers, den Umgang des Klaviersingers Medtner mit der menschlichen Stimme zu verpassen, sei es in einer Sonaten-Vocalise oder in Goethe-Liedern, die es in den weiteren Konzerten gab. Und auch ein Familienkonzert hätte, hätte, Fahrradkette auf dem Programm gestanden.

Schon an den ersten beiden Abenden wird indes deutlich, dass Medtners so sinnliche wie komplexe Musik hohes Suchtpotenzial haben dürfte. Der letzte Maharadscha von Mysore verfiel ihr einst. Auf hellsichtige Weise medtnerverfallen scheinen auch die Mitglieder der Medtner-Gesellschaft und ihre Freunde, die dieses Festival in purem Ehrenamt stemmen – auch die Musiker. Die Berliner sind, zeigt sich, in Sachen Medtner verschmelzungs- und verfallenswillig. Mögen die Zeiten also medtner werden, so stehen die medtnsten Zeiten anscheinend noch bevor.

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