Ausbalancierend: Wiener Philharmoniker im falschen Konzerthaus

„Klassik hautnah“ ist ja eine zwiespältige Verheißung in Zeiten von Levine, Dutoit, Gatti & Co. Aber wenn die Wiener Philharmoniker auf Tuchfühlung kommen, geht alles ganz manierlich zu. Grab them by the Trommelfell, zart, nicht hart. Das Publikum sitzt ringsum und dicht dran im aus Wiener Sicht falschen Konzerthaus, dem berlinischen nämlich. Hier ist man ja, dank Iván Fischer, solche durcheinander gewürfelten mittendrin-Formate gewohnt. Das Programm 360 Grad Wiener Philharmoniker ohne Dirigent, dafür mit Johannes Maria Staud, John Cage und Arnold Schönberg ist mehr als ein Appetizer für den Konzerthaus-Schwerpunkt Hommage an die Wiener Philharmoniker im Dezember.

Fürs erste sind die Wiener zu Gast, während das Konzerthaus-Orchester durch China tourt. Die Bühne ist rausgeräumt aus dem Großen Saal, der was für einen feinen kleinen Ball wäre, wenn’s denn in Berlin eine Ballkultur gäb. Das Orchester sitzt in der Mitte, das Publikum im Parkett ringsum; zwölf Gäste gar einander vis-a-vis inmitten des Orchesters, so etwa im balancefreien Niemandsland zwischen Hoch und Tief.

Für unbalanciertes Orchester untertitelt nämlich der 1974 geborene Tiroler Johannes Maria Staud sein Stück Scattered Light, das den Abend eröffnet. Zuvor gibts eine Einführung, die ebenfalls was Unbalanciertes hat: Der eloquente Conférencier Wilhelm Matejka, der wunderbar das R in Rattle wienert, trifft auf den Komponisten Staud, der etwas von skulpturalem Denken murmelt. Das schüchterne Murmeln wirkt um so einnehmender, wenn man dann die Kraft und Klarheit von Stauds Musik erlebt. Hohe Streicher ab Bratsche aufwärts treffen hier auf tiefe Bläser ab Klarinette abwärts. Das Schlagzeug inklusive Klavier gibt den Puls dazu; will sagen, der Puls wumpt teils ganz schön fest in die Magengrube. Es ist eine gleichermaßen faszinierende und unbehagliche Klangerfahrung, dieses Zusammentreffen von hohen Linien und tiefem Grollen. Denn entscheidend ist im Niemandsland dazwischen. Wenn Heiß- und Kaltfront aufeinandertreffen, drohts ja auch heftig zu gewittern. Und obwohl die Wiener wohl auch eine Brucknersinfonie dirigentenlos hinkriegten, kommts in Scattered Light im verstreuten Orchester zu so irritierenden wie reizvollen rhythmischen Versprengselungen. Beabsichtigten, natürlich; wobei die Absicht sich aufs dass bezieht, nicht aufs wie.

Was den Bogen zu Sixty-Eight schlägt, das John Cage in seinem Todesjahr 1992 schrieb: 30 Minuten und null Sekunden Musik, jeder Musiker hat von einem Blatt mit 15 zusammengewürfelten Einzeltönen zu spielen, nach individuellem Ermessen innerhalb vorgegebener Zeitrahmen. Die Wiener stellen sich dazu iPhones auf die Notenständer. Diese halbe Stunde hat einen meditativen Sog, der einen tatsächlich in tiefe innere Balance führt. Das hat selbst bei scheinbaren Aufwallungen eine natürliche Gelassenheit , die so ziemlich das Gegenteil von Stauds Beunruhigung ist. Auch das übliche hörstörende Husten und Scharren im Saal wird hier quasi tantrisch zum Teil vom Ganzen, Wahren, dem Klang-All. Und apart, in diesem buddhistisch-aleatorisch-sonstwasigen Fluss immer wieder ein schönes Wiener Streichervibrato zu hören!

Der Konzertgänger schließt ja bei Cage immer die Augen, aber dennoch wärs hier eine feine Sache, das Licht im Saal zu dimmen.

Auch bei Arnold Schönbergs Verklärter Nacht. Die ausbalancierte Wiener Streicherkultur hat Hörhöchstwert an sich, selbst wenn die 1943 entstandene Streichorchester-Fassung von Schönbergs opus 4 niemals an die originale Sextettfassung heranreichen kann (zuletzt beim Musikfest mit Isabelle Faust u.a.). Das wird einem ganz deutlich, wenn man etwa die brillanten Solostellen des Konzertmeisters Rainer Honeck hört, der jetzt von einem Podest aus spielend koordiniert.

Gewiss kehrt die Orchesterversion das Wagnerische der Verklärten Nacht noch stärker hervor, aber sie veräußerlicht natürlich auch etwas die Seelendramatik und erhöht die Kitschgefahr erheblich. Aber wenn man den Wienern derart manierlich hautnah ist und quasi im Streicherklang badet, dann spürt dieses Zauberwasser alle Zweifel fort. Und ruft galoppierende Vorfreude auf Mozart, Brahms und Bruckner im Dezember hervor. (Sowie ein leises Bedauern, dass die nicht mit Cage gekoppelt werden.)

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