Ultraschall (1): GrauSchumacher Piano Duo und LUX:NM im Heimathafen Neukölln

Ultraschall Berlin dürfte das einzige Festival der Welt sein, bei dem das Wetter noch scheußlicher ist als bei der Berlinale. Trotzdem hat der Konzertgänger sich am zweiten Tag des Neue-Musik-Festivals durch Wind & Wetter & Saus & Graus bis Neukölln durchgeschlagen. In der Eiseskälte nagt, wie so oft, der Hader an ihm, was er bisher verpasst hat: Das Eröffnungskonzert mit Heinz Holliger im rbb-Sendesaal. Eine Gelegenheit, zur Geburtstagsfeier der Kunst dieses Berghain zu betreten, von dem alle Amerikaner und Ostfriesen reden. Und Musik für Lupophon (sic) und Kontraforte (nochmal sic) in der HfM.

Aber die beiden Donnerstagabend-Konzerte im Heimathafen Neukölln sind Entschädigung genug.

Manchmal wirken bei Neue-Musik-Festivals die Koryphäen ganz schön verstaubt, etwa wenn man sich bei ollen Kamellen aus frühen Elektronik-Tagen zu Tode mopst. So in den letzten Jahren sogar mit Stockhausen erlebt. Anders herum gehts beim Konzert des GrauSchumacher Piano Duo: Da lässt der Altmeister die Jungen alt aussehen. Nämlich ohne Elektronik, nur mit zwei Klavieren in Bernd Alois Zimmermanns Perspektiven – Musik zu einem imaginären Ballett (1955/56) und Monologe (1960-64).

Viel Zimmermann dieses Jahr, da hundertster Geburtstag. Kein Zimmermannkonzert ohne dieses Programmheftzitat von der Kugelgestalt der Zeit – ein ungreifbares, auch im Grunde total nichtssagendes Bild, aber hey: faszinierend. Die Perspektiven tönen noch ziemlich unkugelig, nämlich mächtig linear. Serialismus zu vier Händen fetzt doch mehr als Serialismus zu zwei Händen. Die Parameter sind dichter, die Klangfarben knallen heftiger. Wie berührend dann aber die Monologe, in denen einem hinter und zwischen avantgardistischen Blitzen und Clusterdonnern Beethoven, Bach und Debussy begegnen. Und diese Jazz-Sehnsucht natürlich.

Seltsamer Gedanke, dass für uns Bernd Alois Zimmermann ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Zwangsvorstellung: ein Neue-Musik-Festival zu Schuberts Zeit, auf dem Carl Philipp Emanuel Bach gespielt wird. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen, dass unsere Gegenwart die Nachkriegsmusik (im weitesten Sinn) noch so gar nicht verdaut hat? Die Kugelgestalt der Zeit als musikgeschichtliche Darmverstopfung?

Nichts von Kugeligkeit, dafür viel Fluss in Brigitta Muntendorfs Key of Presence (2014/15) und Key of Absence (2017), beides für zwei Klaviere und Live-Elektronik. Mit starkem Pulsieren im Strom das erste Stück, die Pianisten hauen sich auf die Ansteckmikros, was mächtig und bedeutungsvoll wummst. Viel Zitat-Treibgut im zweiten Stück, aus dem Fidelio Fetzen von Abscheulicher, wo eilst du hin, über das man bei Neue-Musik-Festivals nie Witze machen sollte, die Pointen liegen zu nah.

Beide Werke klingen dringlich, aber etwas ziellos. Kurios diese Momente, wenn die beiden Pianisten sich bei ihren Vornamen zu rufen haben: Götz! Andreas! Brigitte Muntendorf hat die Musik den Spezialisten offenhörlich auf Leib und Finger geschrieben, aber hier kippts um in diese Region, wo man die unangenehm pupswarme Betriebsheimeligkeit in der Neuen-Musik-Nische spürt. Wieder eine Zwangsvorstellung: Spätes Beethovenquartett, in dem die Ausführenden Ignaz! Karl! Franz! Joseph! rufen müssen.

Keinen rechten Zugang gefunden zu Piotr Peszats The Message für zwei Klaviere, Sampler, Audio-Playback und Video (2016). Die Berufung auf Grandmaster Flash und Helmut Lachenmann im Beipackzettel klingt wirklich vielversprechend. Das sind die Kombinationen, nach denen man sich immer gesehnt hat, auch wenn mans nicht wusste.

Die Einspielungen sind toll, die Videos mit den künstlichen Fingern auch, aber ließen sich die beiden Pianisten hier nicht einsparen? Schön allerdings die bei neuer Musik seltene Gelegenheit, die Ausführenden mal bei einem Fehler zu ertappen. Sonst weiß man ja nie, ob das richtig oder falsch gespielt ist. Wenn die Pianisten allerdings mit den Fingerkuppen ohne anzuschlagen auf der Klaviertastatur rauf und runter reiben (Lachenmann!), aber plötzlich im Diskant ein leises, folgenloses Pling reinrutscht, dann hat man sie in flagranti.

Ist aber gewiss der einzige Makel beim formidablen Auftritt des formidablen GrauSchumacher Piano Duos.

Einziger Makel des Ultraschall-Festivals: Man darf nicht die Zeiten addieren, die man zwischen Konzerten vor geschlossenen Türen verwartet. Und diese Umbaupausen überbrückenden Folter-Interviews, bei denen einen die befragten Komponisten barmen.

Das zweite Konzert lohnt die Verwarterei: Das Berliner Ensemble LUX:NM spielt sechs Uraufführungen, alle etwa 10 Minuten lang und allesamt hörenswert. Die Besetzung mit Saxofon, Posaune, Akkordeon, Klavier und zwei Celli sowie Gast-Klarinette erzeugt ungewohnte bis bizarre Klangmischungen. Ein bisschen wie Mesmers ins 21. Jahrhundert gekippte, weidlich gepimpte Glasharmonika.

Am avanciertesten klingt Yair Klartags Goo-Prone: rau, technoid, zugleich physisch und nackt. Statt im Heimathafensaal mit Goldrand fühlt man sich in einer kahlen Fabrikhalle. Gordon Kampes Knapp besteht aus sehr kurzen Stücken, denen man konventionelle Attribute wie treibend, elegisch, misterioso, fragil zuschreiben könnte. Kampe hat schönere Titel, etwa schlimm und dumpf oder fast nicht mehr. Klanglich hoch originell und überraschend, was hier mit Vortragsbezeichnungen wie Quiek-Cluster oder knusprige Mundgeräusche verlangt wird. Dürfte der Publikumsfavorit sein.

Gleichmäßige Glöckchen wie eine tickende Uhr in Birke J. Bertelsmeiers Al di là, darüber lange Striche. Als das Ticken verstummt, befinden sie sich im leeren Raum, ist das schon jenes Jenseits, das der Titel verheißt? Oder ist das erst im Bündeln der Striche, Anschwellen, Vibrieren?

Das Stück ist übrigens weder verwandt noch verschwägert mit diesem Al Di La, das 1962 in Darmstadt mit Pauken und Trompeten durchfiel:

Philipp Maintz‘ sehr gekonnte zornerfüllte nächte wirken wie Bertelsmeiers Stück klanglich etwas gediegen, vielleicht sogar selbstgefällig, aber abwechslungsreich und subtil dramatisch. Man kann sich diese tastende Klangsprache gut im Dialog mit einem Bühnengeschehen vorstellen, wie Maintz es plant. Vassos Nicolaous Chambers platzen vor Energie. Verblüffend, dass nicht viel früher und öfter zeitgenössische Kammermusik Chambers genannt wurde und wird, der Titel drängt sich ja auf. Wenn einem die Klangvögel aus allen möglichen Kammern um die Ohren schwirren, flattern, schießen, hat die Live-Elektronik wirklich mal Sinn. Am Ende ballt der Klang sich beim Ensemble zusammen, als komprimiere er sich in der auch anno 2018 innersten Kammer, nämlich den Handwerk verrichtenden Instrumentalisten – um schließlich zu bersten und abzuschwirren.

Außerdem ein Video von Johannes Kreidler. Film 2 ist mit LUX:NM vorab produziert, versteht sich dennoch als Aufführungsstück (wieso eigentlich?). Die Musiker schwirren auf der Leinwand herum zwischen Schallwellen, musikalischen Zeichen, Textfetzen wie Sein und Zeit und der Performance des Komponisten, von der besonders die blaue Perücke und der Hodensack in Nahaufnahme beeindrucken. Eine Frau verlässt den Saal, als der Sack die Leinwand füllt. Macht ansonsten großen Spaß anzuschauen, auch wenn man kaum in die obersten Bedeutungsluken einsteigt. Aber hintersinniger Witz hin, herausfordernde Irritation her (so die Programmheftprosa): Hat dieser technisch hyperpotente Digitaldadaismus nicht auch was gemein mit der unergiebigen Virtuosenmusik des 19. Jahrhunderts?

Ultraschall läuft noch bis Sonntag.

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