(Noch?): Seong-Jin Cho im Kammermusiksaal

Erstaunlicher, aber (noch?) nicht unangenehmer Trubel beim Klavierabend von Seong-Jin Cho, dem letzten Sieger des alle fünf Jahre stattfindenden Chopin-Wettbewerbs und kürzlichen Lang-Lang-Einspringer. Cho ist Charts-, aber kein Bilder-Stürmer, eher museal ist sein Programm mit Schubert, Mussorgsky, Debussy sowie Zugabe Brahms (aber ohne Chopin). Halb Südkorea scheint anwesend, ein bisschen gehts im Kammermusiksaal zu wie im Louvre vor der Mona Lisa. Die Fanschar ist allerdings konzentriert und diszipliniert bei der Sache, davon könnte sich das sonstige Berliner Publikum ein Scheibchen abschneiden. Rein musikalisch hingegen ists (noch?) so lala.

Höchstes technisches Niveau, pianistische Power und stupendiöse Virtuosität waren zu erwarten – nicht unerwartet aber auch, dass das Konzert zwiespältige Eindrücke hervorruft. Mussorgskys Bilder einer Ausstellung und Debussys Images sowie vier Préludes mit bildhaften Titeln passen nicht nur namensmäßig ganz gut zusammen, sondern hier auch klavieristisch. Insgesamt wirkt Chos Debussy am stärksten, mit klarer Schärfe, nuanciertem Anschlag und Spannung auf kleinstem Raum. Durchgearbeitet, aber nicht leblos, die Reflets dans l’eau sind schön luftwässrig, die Mouvement ganz schwerelos, im Prélude Le vent dans la plaine spürt man den Wind, Des pas sur la neige sind von unbehaglicher Kontemplativität, und imposant ist der kalte, abgezirkelte Tumult, in den Ce qu’a vu le vent d’ouest mündet. In den Bildern einer Ausstellung gefällt der Spieldosencharme der Tuileries ebenso wie das Cartooneske des Kükenballetts. Ansonsten scheint manchmal des Kontrastreichen zu viel zu sein, so doll die brachial losstürmende Baba Yaga auch tönt. Schon bei den dynamischen Gnomus-Effekten zuckt man zusammen, als sähe man einen dieser koreanischen Psychoschocker im Kino. Und am Ende hört man die Nervenbahnen klirren, man ist nicht sicher, ob es die Saiten im Steinway sind oder die im eigenen Ohr.

Das Donnern mag in gewissen Mussorgsky-Momenten am rechten Platz sein, insgesamt aber ist Chos Spiel auch von ermüdender Dauerintensität. Und es wirkt insgesamt doch (noch?) etwas monochrom. So klingt der Marktplatz von Limoges nach einer aalglatten Etüde, und zu den Promenaden fällt Cho (noch?) wenig ein. Der Mangel an Farben und daraus resultierender Spannung wirkt sich bei Franz Schuberts Wanderer-Fantasie C-Dur D 760, die hier erschwerend am Anfang des Rezitals steht, bedenklich aus. Die motorische Meisterschaft wird auch hier deutlich, poetische und strukturelle aber fehlen, und das Klangbild ist unschön, teils verrauscht und teils schrill, die Registerwechsel ohne Magie. Und die Zugabe, Brahms A-Dur-Intermezzo opus 118 / 2, klimpert Cho doch ziemlich flott und (noch?) weltabschiedsschmerzfrei runter.

Ziemlich viel „(noch?)“ also, wie es für einen 25jährigen Pianisten ja prinzipiell keine Schande ist. Angenehm: Cho tritt völlig unpopstarhaft auf, das schwarze Taschentuch, mit dem er vor jedem Stück die Tastatur abwischt, ist schon das Äußerste an Allüre. Man könnte auch sagen: Angesichts des Hypes ein angenehm sachlicher, mitunter wohltuend langweiliger Klavierabend. Mal hören, wie Cho sich weiter entwickelt.

Übrigens wohnt Cho in Berlin-Mitte, Ecke Kreuzberg, und hat seinen Lieblingskoreaner hierzustadts noch nicht gefunden.

Weitere Kritiken: Vernichtungsverriss im Tagesspiegel (der beim Konzertgänger schon Fragen nach verantwortungsvoller Musikkritik aufwirft), Wohlwollen in der MoPo

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3 Gedanken zu „(Noch?): Seong-Jin Cho im Kammermusiksaal

  1. Ich stimme Ihnen mit der Vorsicht des Urteils zu. Mit 25 sind nur die ganz Großen – nicht perfekt, aber unwiderstehlich. Alle anderen haben ein Recht sich zu entwickeln.

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