Wahrvögelnd: Trio Gaspard spielt Bernd Alois Zimmermann, Haydn, Schubert

Bernd Alois Zimmermann da, wo er hingehört: zwischen Haydn und Schubert. Ein Klassiker. Das merkt man erst recht, wenn man Zimmermann vor einigen Monaten zwischen halbgaren Neuwerken gehört hat. Das deutschgriechbritische Trio Gaspard aber setzt ihn in angemessen olympische Umgebung. In einem sensationell guten Konzert im Pierre-Boulez-Saal.

Zimmermanns Présence ist mehr als ein Trio für Violine, Cello, Klavier: Ballet blanc in fünf Szenen heißt es im Untertitel. Aber schon bei der Darmstädter Uraufführung 1961 wurde das Stück, das drei Gestalten der Weltliteratur zu Protagonisten hat, ohne Hupfdohlentum aufgeführt. Auch der Sacre, möchte man meinen, braucht ja nicht das Ballett, das sein Anlass war.

Aber bei Zimmermann ist das Ballett nicht Anlass, sondern Bestandteil der Komposition. Das Trio Gaspard nimmt sie fast albern ernst und führt sie darum ernsthaft albern auf: in knalliges Schwarzweiß kostümiert, mit nur wenigen roten Tupfern.

Jene roten Tupfer sind beim Geiger Jonian Ilias Kadesha (der den Don Quichote verkörpert) eine rote Hutfeder und rote Kniestrümpfe, bei der ganz weißgekleideten Cellistin Vashti Hunter (als James Joyces Molly Bloom) rote Blumen im Haar und beim Pianisten Nicholas Rimmer (als Alfred Jarrys König Ubu) eine rote Badekappe. Zimmermanns Sprecher indes wird durch Tänzerin Luka Marie Fritsch im roten Kleid repräsentiert. Kein Problem, da der originale Sprecher nichts zu sagen, sondern nur Tafeln mit „Wortemblemen“ herumzuzeigen hätte wie: Alle Wahrvögel nisten in einem einzigen Baum. Luka Fritsch hält keine Embleme hoch, sondern tanzt sie in kurzen, hochkonzentrierten Figuren. Wahrvogel statt Hupfdohle.

Dass die zuvor befürchtete Peinlichkeit ausbleibt, liegt außerdem an zweierlei:

Erstens an Bernd Alois Zimmermanns Musik, die (natürlich) galaxienweit von zeittypischem Sponti-Kram entfernt ist. Présence ist Klaviertrio zum Quadrat, voller Obertonräusche, entfesselter Synkopik, die man gern jazzhaft nennt, schwerromantischer Zitate. Das Andante caloroso aus Prokofjews 7. Klaviersonate kann der Konzertgänger identifizieren (an dieser Stelle fällt Molly Bloom eine rote Blume aus dem Haar).

Grandios, was Zimmermann der alten Triobesetzung an Klangkombinationen und Farben entlockt, etwa die zu Zweieinigkeit verschmelzenden Transzendenz-Flötentöne von Geige und Cello. Vor allem aber hat diese Musik einen so durchgehenden Zug, dass einem dreißig Minuten lang keine Sekunde langweilig wird.

Zweitens entpuppen sich die Gasparden als famose Rollenspieler. Keine Spur von der Fremdscham, den es sonst oft verursacht, wenn ein Komponist steife Musiker dazu zwingt, noch was anderes zu machen außer das Instrument zu spielen. Hunter-Bloom wandert urmutterig mit ihrem Cello durch die Gegend, Kadesha-Quichote tänzelt ulkig mit der Geige herum — und Rimmer gibt den Ubu als derart aufgeblasene Schießbudenfigur, dass es die reine Freude ist. Abgesehen davon, dass Klavierspielen mit einer solchen Ballonwampe den Verschärfte-Bedingungen-Spezialpreis gewinnt.

Das ganze Trio stupendiert den Hörer durch eminente Präzision – so weit der Hörer das bei Zimmermanns unbekannter hochexpressiver, klanggestischer Musik seriös beurteilen kann.

Legen wir also die topseriöse Vermessungslatte an, um herauszufinden, ob jene Spatzen, die seit einiger Zeit höchstes Lob fürs Trio Gaspard von den Dächern pfeifen, Wahrvögel sind! Für ein Hörgewohnheitstier wie den Konzertgaengerus vulgaris ist die Qualität eines Klaviertrios schwerer zu beurteilen als z.B. die eines Streichquartetts. Also hält er deduktiv fest, was ihm an Kriterien zu Gebote steht:

  1. Klingt das Trio Gaspard um Längen besser als das singende Ensemble von Fußballfans, das sich auf dem Bierbike vor dem Boulezsaal dem Pokalfinale entgegendreht? – Klares Ja.
  2. Übertönt das Klavier auch nicht die Streicher, schmiegt es sich demokratisch ein? – Nun ja.

Zumindest in Joseph Haydns Klaviertrio E-Dur Hob. XV/28 (1795). Das liegt aber am allerwenigsten an den Musikern. Schuld sind vielmehr

  • der offene Klavierdeckel
  • die leidige Rund- bzw Ovalform des Boulezsaals, die den Klang stark nach Sitzplatz staffelt. So schön die Cellistin im Profil ist, so bedauert man doch jedes Jota, das dem Ohr von ihrem noch schöneren Ton verloren geht. (Wie wäre es eigentlich mit einer Drehbühne oder auch einem nach Bierbike-Vorbild konstruierten Klavierbike, das mit seitlich angehockten Streichern im Saal herumfährt und so den Klang zwar nicht ausgleicht, aber die Ungleichheit gleicher verteilte?)
  • Joseph Haydn. Denn wir lernen, dass der seine Trios ausdrücklich als Klaviersonaten mit Violin- und Violoncellobegleitung konzipierte. Die Streichinstrumente dienten also lediglich dazu, den schwachbrüstigen Bass und Diskant damaliger Tasteninstrumente zu  verstärken. Das wirft natürlich Fragen auf, was die Aufführung mit einem modernen, allseits vollbrüstigen Steinwayflügel angeht.

Allerletzte Zweifel an der Perfektion von Kohärenz und Proporz des Gaspard Trio räumt dann die Aufführung von Franz Schuberts Klaviertrio Es-Dur D 929 (1827) aus. Aber sowas von: atemberaubend. Als wahrer Eisvogel erweist sich das warme Cello im Andante con moto, so schön kann keine menschliche Stimme eine Winterreise singen. Das Finale von himmlischer Länge hört und hört nicht auf, und man wünscht auch, es hörte niemals, niemals auf. Nicht nur technische Anmut zeichnet den Geiger Kadesha aus, sondern auch eine ansteckende Freude an jedem Ton, die auch bei enthusiastischen jungen Musikern etwas Besonderes ist. Rimmers Spiel ist, wie man so sagt, von kristalliner Klarheit. Unerträglich berührend dann die mehrmalige Wiederkehr der Andante-Melodie im Finale. Das ganze Trio fortwährend in höchster gemeinsamer Anspannung.

Besser, schöner, intensiver, wahrer kann man dieses Werk wohl kaum spielen. Obwohl diese Musiker ja so verdammt jung sind. Aber der „späte“ Schubert war ja auch verdammt jung.

Und so nebenher, letztes Stupendum dieses Konzerts, fühlt man, dass der Abstand zwischen Haydn und Schubert viel größer ist als der Abstand zwischen den Ausdrucks-Intensivtätern Schubert und Bernd Alois Zimmermann.

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