Durwürmig: Mandelring Quartett spielt Schostakowitsch, Borodin, Tschaikowsky

Was bei bedeutenden Bands die legendäre Ausnahme (AC/DC, Oasis, Die Lochis), ist bei Streichquartetten quasi die Regel: Family Affairs. Ein Brüderpaar im Cuarteto Casals, gleich drei Geschwister im Hagen Quartett und im Mandelring Quartett. Letzteres ist nach der Straße benannt, in der das Elternhaus der Geschwister steht. Hieße es nach dem Familiennamen, wärs das Schmidt Quartett – das wär irgendwie nix. Wie organisch die drei Geschwister Schmidt gemeinsam mit dem Bratscher Andreas Willwohl musizieren, bewundert man umso intensiver, wenn man selbst zwei Söhne und eine Tochter hat, die gemeinsam mit einem Vierten vielleicht eher ein Streitquartett bilden würden. Oder ein Schreiquartett.

Das Mandelring Quartett aber streitet höchstens um des musikalischen Dialogs willen und schreit nur im Dienste intensivsten Ausdrucks. Im letzten Konzert des diessaisonlichen Mandelring-Berlinzyklus im Kammermusiksaal gibts Dur pur. Außerdem nichts als Russen. Und lauter Ohrwürmer überdies.

Am tiefsten ins Ohr ringelt sich der hinreißende Beginn des vielleicht schönsten Stücks des Abends, Alexander Borodins 2. Streichquartett D-Dur (1881). Das ganze Stück hindurch schiebt Bernhard Schmidts Cello Extraschichten in singendem Ton. Man errät leicht, welches Instrument Borodins ureigenstes war. Emotionaler Höhepunkt des Stücks ist das Notturno an dritter Stelle mit seiner beschwörerisch sich wieder und wiederholenden Melodie. Hier eine Aufnahme des Emerson String Quartet:

Die Mandelrings verlieren sich nie in selbstverliebter Schönheit, sondern haben auch in der russischsten Folklorizität immer etwas leicht Aufgerautes. Wunderbar dieser angeschlamperte Walzer im Scherzo.

Das kommt auch Dmitri Schostakowitsch zugute, für den die Mandelrings ja nun ausgewiesene Experten sind. Schostakowitschs 1. Streichquartett C-Dur opus 49 entstand erst 1938, wenige Jahre nach den lebensbedrohlichen Ereignissen rund um Stalins Verdammung der Lady Macbeth von Mzensk und auch nach der pompösen 5. Sinfonie.

Da mag man die Unbeschwertheit und doppelte Bodenlosigkeit kaum glauben, nach der es auf Anhieb klingt: leicht, heiter, verspielt, ein wenig auch wie komponiert von einer Wiener Pulcinella nach der zweiten Flasche Wodka, wenn einem hier und da die Harmonien durcheinender geraten und man mal in die falsche Zeile rutscht. Und wenn einem auch diese schönen Ohrwürmer einfallen, die dann freilich gar nicht mehr aufhören, sich weiter und immer weiter zu ringeln: so das lange Mollthema des zweiten Satzes.

Schostakowitschs Versicherung, man solle hier nicht nach besonderer Tiefgründigkeit suchen, das Stück sei fröhlich, heiter und lyrisch, ja frühlingshaft, ist geeignet, einen noch misstrauischer zu machen.

Völlig losgelöst dann die federleichten Synkopen, mit denen Pjotr Tschaikowskys 1. Streichquartett D-Dur (1871) beginnt. In den Kaskaden, in die das Stück sich entwickelt, merkt man mal, was für ein grandioser Konstrukteur Tschaikowsky doch (auch) war. Die Intonation des ersten Geigers stellt einen nicht immer restlos zufrieden, aber das beschwingte bis feurige Miteinander des Quartetts beglückt über die Maßen. Und in der gedämpften Langsamkeit des Andante cantabile mit seinen Taktwechseln bezaubert einen der leicht spröde Ton des Primarius nun wiederum ganz besonders, bei diesem volkstümlichen Wanja-Diwan-Pfeifchen-Ohrwurm geht einem das russische Herz über. Das Scherzo funkelt vor Homogenität, und im Finale findet das Quartett das perfekte Gleichgewicht von Akkuratesse und Turbulenz.

Zugabe Schostakowitsch: ein schräges Pizzicato-Allegretto aus dem Goldenen Zeitalter, opus 22.

Die Termine der neuen Berlinsaison scheinen noch nicht festzustehen. Dafür lädt das Mandelring Quartett in wenigen Tagen zu seinem Hambacher Musikfest. Dem Hambacher Schloss kann es nach dem jüngsten Mief-Event nur guttun, mit schöner Musik gründlich ausgelüftet zu werden.

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