Konzertgänger auf Reisen: „Parsifal“ in Bayreuth

Der Bayreuther Festspiele zweiter Tag: Dirigent Semyon Bychkov erstmals auf dem grünen Hügel, mit der Wiederaufnahme des Parsifal. Flüchtige nächtliche Notizen: Das Debüt scheint gelungen, was Wunder bei einem so gestandenen Dirigenten. Logisch, dass das Orchester manchmal zurückhaltender klingt, risikoscheuer als beim gestrigen souveränen Thielemann-Dirigat des neuen Lohengrin. Der Chef kennt die Graben-Abgründe da ja genauer. Hier nun im ersten Aufzug butterweicher, breiter Strich, wunderschön. Klingt in Amfortas‘ Leidensszenen der Orchesterpart nicht fast nach Pathétique? Also, das hat was.

Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung gibt zu knabbern, sie schwankt zwischen spannenden, manchmal produktiv anstößigen Momenten und einigen Plattheiten. Das Setting der Gralsburg in der Welt des eingekesselten, erdrosselten orientalischen Christentums wirkt bezwingend. Die Oper spielt in einer Gewalt-Welt, aber es ist gar nicht die Welt, nur ein winziger Flecken eines winzigen Planeten, wie ein rasanter Videosturz ins Weltall zeigt: Da wird die Zeit plakativ zum Raum, aber packend. Erschütternd, wie dann die Gralsenthüllung die Ungeheuerlichkeit des Christentums enthüllt, dass da ein Vater das Blut seines Sohns trinkt. Der reine Tor aber bringt das nicht über sich.

Vollverschleierung (Symbolbild)

Aber ist es nicht läppisch verkleinernd, wenn die versammelten Weltreligionen zur irren Zeile Erlösung dem Erlöser ihre Reliquien in die Tonne kloppen, vulgo den Sarg? Und ist der ganze Beginn des zweiten Aufzugs nicht ein Reinfall? Wenn man an die textilschöpferische Überfülle des gestrigen Rosa Loy/Neo Rauch-Lohengrins denkt, wirkt die (qualitative, nicht quantitative) Dürftigkeit der Kostüme besonders schmerzhaft, zumal der „erotischen“. Denn bei den Blumenmädchen herrscht Erottik wie im Charlottenburger Saunaclub. Am meisten Sex haben noch die Niqab-Vollverschleierungen.

Aber Kundry hauts raus im Mittelaufzug. Elena Pankratova ist eine aufregende Höllenrose, vor deren angemessen scharfem Timbre manche hochgehandelte Urteufelin urbieder wirkt. Zum Fan des sehr lauten Tenors Andreas Schager (Parsifal) wird der Konzertgänger dagegen auch an diesem Abend nicht. Treffsicherheit in der hohen Lage und Vibrato sind unbefriedigend. Singt Schager im eigentlichen Sinne? Natürlich ist diese Stimme rein physisch ein Naturwunder, und der Parsifal dürfte nach dem Siegfried die für Schager naheliegendste Rolle sein. Dennoch, immer wenn eine Phrase schön gestaltet ist, springt wieder diese dröhnende Singmaschine an, mitunter ohrenbetäubend, selbst in Reihe 25. Im Amfortas! Die Wunde! ist die Überlautstärke freilich mal am rechten, umwerfenden Platz. Und es gibt auch andere Momente. Das erste Mutter gelingt Schager verblüffend zart, und wie er in der Erlösungs-Ekstase das Wort Seele zerfleddert, hätte man ihm gestalterisch nicht unbedingt zugetraut. Schager ist noch nicht fertig, hat man das Gefühl.

Die Mängel fallen im direkten Kontrast mit einem atemberaubend kultivierten Sänger wie Günther Groissböck (Gurnemanz) besonders auf. Dieses singende Deklamieren und deklamierende Singen auf solchem Niveau durchzuhalten, ist ein Höchstgewinn für den Hörer. Thomas J. Mayer ist ein Gralskönig von eindrucksvollem Format, den ersten Aufzug möchte man in Amfortas umtaufen. Dass die Deutsche-Oper-Sänger Tobias Kehrer als Titurel und Derek Welton als Klingsor sich so astrein schlagen, freut den Berliner Konzertgänger besonders. Welton bekommt stürmischen Applaus. Buhrufe nur fürs Regieteam; ein paar zünftige Buhs hat man beim gestrigen Lohengrin doch vermisst.

Bayreuther Fortsetzung folgt mit Tristan und Meistersingern. Große Bayreuth-Reportage des Konzertgängers dann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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Ein Gedanke zu „Konzertgänger auf Reisen: „Parsifal“ in Bayreuth

  1. Für die beiden tollen syympathischen Sänger der DO freut es mich besonders. Tja, Schager ist wirklich so ein Sänger, bei dem ich nicht weiss, soll ich ihn mögen oder nicht…
    Die Pankarova singt ja demnächst die Färberin, da bin ich immer noch im Zweifel, ob ich da mal in die Staatsoper gehe,

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