Schutzengelhaft: Vladimir Jurowski beim RSB mit Arvo Pärt und Mozarts Requiem

Zukunftsdurstiges Maestro-Halali: Zwei Tage nach dem Chefdirigenten in spe der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko gibt sich im Konzerthaus Vladimir Jurowski die Ehre, der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) in die Nach-Marek-Janowski-Ära führen wird. Beide unter anderem mit Mozart, was nach Peter Uehling im Zeitalter des historischen Musizierens für ein klassisches Symphonieorchester von erheblicher Risikobereitschaft zeuge. Während Petrenko die Haffner-Sinfonie zerlegte und dramatisch durchglühte, drückt Jurowski seinen Bläsern tollkühn alte Instrumente in die Hände:

Interessant aber auch der Vergleich mit Berlins zweitem Rundfunkorchester, dem DSO, wo Manfred Honeck anno 2015 das Mozart-Requiem mit Bibellesungen, Bruckner, Gregorianik, Poulenc, Auschwitzgedichten und einer schottischen Apokalypse-Komposition zu einem spirituellen Überwältigungs-Happening verband.

Jurowski hingegen koppelt das Requiem ans ganz Stille: Arvo Pärts bläserlose Sinfonie Nr. 4 El_Ángel_de_la_Guarda,_de_Bartolomé_Esteban_Murillo_(Catedral_de_Sevilla)(2008), eine instrumentale Meditation über einen Kanon an den heiligen Schutzengel. Der flageolettierende Streichersound erinnert anfangs an das kosmische Singen, das ein Kinderfinger auf einem Weinglas hervorruft. Epiphanisch schreitet die Harfe (Maud Edenwald) herab, was natürlich gegenüber einer epiphanischen Trompete (z.B. Messiaen) den Kitschfaktor wesentlich erhöht. Doch die Harfentöne erklingen so sparsam, dass die Musik dem Kitschtod entgeht. Im zweiten Satz schweigt dann die Harfe, allerlei Schlagwerk erklingt, darunter viele Zimbeltöne. Der Konzertgänger zuckt erstmal zusammen, weil er meint, da bimmele ein Handy; als dann im ersten Rang wirklich ein Handy bimmelt, staunt er wiederum, was der Pärt da so zimbeln lässt.

Ob man bei Pärts supertonalen meditativen Klängen ent- oder verrückt wird, ist wohl eine Temperaments- und Stimmungsfrage. Nur ob das Etikett Sinfonie dem Flow dieser faszinierenden Musik zuträglich ist, würde der Konzertgänger bezweifeln; und anmerken, dass er auch das Affannoso (schwer, mühselig, keuchend) mit seinen aufgefächerten Streichern als herrlichste Wohlklänge wahrnimmt.

Dennoch hinreißend, wie im dritten Satz die Harfe wiederkehrt. Und höchst eindrucksvoll, wie Vladimir Jurowski über fast 40 Minuten mit geringsten Mitteln, mit sparsamster Zeichengebung Andacht und Spannung hält.

Pärts Musik ist ein numinoser Klanggrund für das Requiem, so wie Wolfgang Amadeus Mozarts eingangs gespielte Maurerische Trauermusik c-Moll KV 477 einen noblen Klanggrund für Pärt legte. Schon die exquisiten Bläsermischungen auf teils alten Instrumenten zu Beginn der Trauermusik lassen (trotz eines Wacklers beim Einstieg) staunen, was in diesem ohnehin guten Orchester an Möglichkeiten schlummert. Von Marek Janowski haben sie viel gelernt, aber das nicht!

Das gilt erst recht fürs Requiem d-Moll KV 626 (Süßmayr-Fassung, bearb. von Franz Beyer). Zwar wirken vibratoarmes Spiel und Einsatz historischen Blechs zunächst ein Schutzengelbild_1898wenig mühsam und etwas unterartikuliert. Aber wenn man die solistische Posaune im Tuba mirum hört (Jószef Vörös), verfliegen alle Zweifel. Und man begreift, dass die scheinbar fehlende Affektzuspitzung mit Jurowskis Zugriff auf diese Musik zu tun hat: völlig unpathetisch, nachdenklich, fast kontemplativ. Man erinnert sich an Mozarts berühmten, berührenden Brief über den Tod:

Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern sehr viel Beruhigendes und Tröstendes! Und ich danke meinem Gott, daß er mir das Glück gegönnt hat, mir die Gelegenheit (Sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen. Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, daß ich vielleicht (so jung als ich bin) den andern Tag nicht mehr sein werde; und es wird doch kein Mensch von Allen, die mich kennen, sagen können, daß ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre; und für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer, und wünsche sie vom Herzen Jedem meiner Mitmenschen. (4. April 1787)

Nun klingt das Requiem durch diese Haltung nicht gleich nach Arvo Pärt (obwohl die Bernhard_Plockhorst_-_Schutzengelgegenseitigen Echos reizvoll sind). Die Kontraste, am heftigsten im Confutatis, sind voll ausgespielt, zumal durch den phänomenalen RIAS Kammerchor, der differenziert abstuft zwischen todesschwer und völlig losgelöst und stets so klar artikuliert, dass Lateiners Herz höher hüpft (Einstudierung Justin Doyle). Doch die Hölle ist hier ermüdend und deprimierend statt theatralisch grauenerregend. Dieses Requiem hat tatsächlich etwas von einem Gebet an einen Schutzengel – und das ist wunderschön. Überirdisch die Verschmelzung von Orchester und Chor im Lacrimosa.

Nur die Solisten klingen etwas unausgewogen, ein entzückend anmutiger lyrischer Sopran ist aber darunter (Christina Landshamer) und ein Tenor mit viel Italianità (Ben Johnson).

Fazit: Der Erzengel Marek glänzte und konnte gewiss auch zürnen. Mit Vladimir scheint Fridolin_Leiber_-_Schutzengeldas RSB einen Schutzengel gefunden zu haben, der es an lockerer Hand dahin führt, wo es am gefährlichsten und am schönsten ist, ins Offene.

Aufs soeben vorgestellte Programm der neuen Saison, mit zehn Jurowski-Konzerten und interessanten Gastdirigenten, darf man sich freuen. Und der vielseitige Jurowski ist schon am Montag wieder zu erleben: mit dem Ensemble United Berlin und zeitgenössischer russischer Musik im Konzerthaus.

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