Theatralyrisch: Vladimir Jurowski beim RSB mit Mozart und Zemlinskys „Lyrischer Sinfonie“

Viele Wege führen nach Wien, aber alle sind Umwege. Zu Beethoven nahm Vladimir Jurowski den teils faszinierenden, teils verstörenden Umweg über Gustav Mahler, der die ungeraden Sinfonien von der Eroica bis zur Neunten mit spätromantischen Instrumentierungs-Anabolika aufpumpte. Zu Wolfgang Amadeus Mozart gehts dagegen über den scheinbar vertrauteren Umweg der wissenschaftlich fundierten Originalklang-Spekulationen, zumal Wien hier ja an der Moldau liegt: So bekommt bei der „Prager“ Sinfonie D-Dur KV 504 (wie schon beim Requiem) die Blech-Abteilung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin historisches Natur-Instrumentarium in die Hände. Der Einsatz von Demeter-Trompeten und Hörnern mit Biosiegel hat aber weniger mit dem Öko-Schwerpunkt der kommenden Saison zu tun als mit musikalischem Sinn.

Nicht jeder im Stammpublikum des RSB geht den historischen Aufführungsweg in der Philharmonie murrefrei mit. Das verärgerte „Vibrato ist jetzt wohl verboten“ aus dem Mund eines älteren Herrn nach Satz 1 klingt fast so vernichtend wie „was Modernes“.

Dabei bewährte sich der Ansatz schon auf den ersten Schlag. Der war nämlich dank Holzschlägels auf der Pauke so unfilzig-nachhallfrei, dass man gleich aufhorchte. Was folgt, ist flott, aber frei von Tempoexzessen oder gar dem manisch-ruppigen Drive einiger Originalklang-Ensembles. Die Sinfonieorchester-Schönheit findet ihre Gegengewichte in sich selbst. Weil die Streicher so fein gewoben sind, reicht schon relativ wenig, um heftige Kontrast-Effekte zu bewirken. Dass die Streicher das Holz mal nicht zustellen, ist gerade im zweiten und dritten Satz verdienstvoll.

Federleicht und feurig zugleich klingt das alles. Selten einen Mozart gehört, der so zart ist, aber frei von jeder Süßlichkeit; dabei aber radikal und dramatisch: auf eine lyrische Weise theatralisch.

Das übersichtliche Ensemble mit neun ersten Geigen ist auf dem Podium schon eingekesselt von spätromantischem Brimborium: von der Harfe über Harmonium und Celesta bis zur Perkussions-Armada. So wird die zeitreiserische Klangkapsel bereits optisch deutlich.

Was folgt, ist nicht Mahler – zumindest nicht direkt. Als etwas in der Art des ‚Lied von der Erde‘ beschrieb Alexander Zemlinsky seine Lyrische Sinfonie (1922/23) und schaufelte sich so selbst das Epigonen-Grab. Aber dass Zemlinsky das gewisse Etwas gefehlt habe, wie er selbst 1927 befand, scheint doch ein Fall von Selbstverleumdung zu sein. Denn Jurowski und dem RSB gelingt hier die unmittelbar sich erfüllende Fürbitte für ein Werk, das nicht gerade im Trend liegt.

Die Sängerfreundlichkeit des gut gestaffelten Orchesters ist enorm, vielleicht schmuggelt man sinnvollerweise hier und da ein mezzo vor ein forte. Der Bariton Matthias Goerne singt mit einer Ausdrucksintensität, die teilweise gesundheitsgefährdend wirkt. Dabei scheint Goerne ein Sänger, bei dem man mehr genießt, wenn man die zugrunde liegenden Texte von Rabindranath Tagore mitliest: Dann rätselt man nicht immer, was er da eigentlich singt, sondern bewundert die Durchdringung und Gestaltung des Textes – enorm, selbst wenn nicht jedes Wort verständlich ist. Die Ausgeglichenheit seiner wunderschönen, mächtigen Stimme bewährt sich bis in die Höhe des fernsten Endes und der Flöte (im ersten Lied Ich bin friedlos).

Aber schauen muss man doch ab und zu, allein wegen Goernes Joe-Cocker-hafter Körpersprache. Und natürlich wegen des bizarr ausgebeulten Kleids der Sopranistin Camilla Nylund, das sie für eine Ehrenmitgliedschaft bei den legendären Opera Fashion Victims qualifizieren würde. Aber eine schöne Frau kann nichts entstellen und eine schöne Stimme schon gar nichts. Nylund stellt Goernes Bariton keine jugendliche Unschuld entgegen, sondern dramatisches Selbstbewusstsein. Das exakte, passionierte RSB indes trägt und umspielt die Stimmen auf zurückhaltende und doch hochemotionale Weise: Das ist auf theatralische Weise lyrisch.

Und ein Liebespaar, das abwechselnd singt, aber nie gemeinsam – allein das ist doch ein gewisses Etwas in Zemlinskys Komposition.

Jurowski-Konzerte haben selbst dann das gewisse aufregende Etwas, wenn man vorher meinte, dieses oder jenes Werk interessiere einen nicht sonderlich. Sogar der Herr, der sich übers Vibrato-Verbot echauffierte, könnte mit großem Gewinn am Sonntagabend ins Konzerthaus gehen, wo Jurowski mit dem Ensemble Unitedberlin noch einen Abend mit neuer Musik nachschiebt. Zum RSB kommt Jurowski dann zum Auftakt der kommenden Saison zurück, da gibts wieder die Prager Sinfonie und diesen unechten Zemlinsky namens Mahler.

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