Gratfunzend: DSO, Ticciati, Uchida spielen alles Mögliche

Wann ist ein Programm überprogrammiert? Robin Ticciatis Additionen beim Deutschen Symphonie-Orchester wandeln manchmal auf dem Grat zwischen thrilling und too matsch. Zwei Vorspiele und Liebestode rahmen das Programm in der Philharmonie, wobei die Vorspiele von Richard Strauss‘ Don Juan auf direktere Weise ejakulativ sind als Wagners. Zwangsvorstellung eines riesigen sich aufrichtenden Gemächts beim hochsausenden Thema der Sinfonischen Dichtung. Aber Ticciati erigiert das Tongebäude vorzüglich und prachtvoll.

Maurice Ravel ist doch vornehmer als Strauss, der alleskönnerische boche. Was wär dieser Peitschenschlag, mit dem Ravels Klavierkonzert G-Dur beginnt, bei Strauss doch vulgär. Ticciati leitet rasant, scharf, elegant, betont im ersten Satz die heftigen An- und Ausspannungen, tatsächlich ein bisschen wie im Don Juan, nur feiner ist das halt und unheimlicher. Schön, die große Mitsuko Uchida mal mit was anderem als Wiener Klassik von Mozart bis Schönberg zu hören. Die DSO-Chabos wissen, wer die Babo ist, und übertreffen sich selbst, namentlich die Bläser rühren Tonmischungen an, dass man auch mal ein gar nicht anwesendes Saxophon hört. Uchida ihrerseits schafft im zweiten Satz mit dem Pedal nie gehörte Mischtöne. Als dann das Orchester einsetzt, steht die Welt still. Mitsuko Uchidas Energie, Klarheit, Raffinesse und Intelligenz sind unvergleichlich.

Blackbird…

Als Zugabe spielt sie dann doch wieder Wiener Klassik, nämlich Arnold Schönbergs Kleines Klavierstück mit der nicht ganz geheuren Terz immerzu. Passt feinstens zu Ravel.

Lustig, dass Harrison Birtwistle vulgo Birdwhistle ein Stück titels Night’s Black Bird geschrieben hat. Der 85jährige Komponist ist anwesend. Kesselpauke, Kontrabass-Klarinette und zwei Tubas scheinen das Gegenteil von Blackbird, eher Blackbeard. Das Stück beginnt mit dunklem Urnebel, der ein bisschen an Ravels Konzert für die Linke oder La Valse erinnert. Zwei Piccoloflöten sind in der finsterbaren Nacht recht schrill unterwegs. Ob sich so ein Weibchen gewinnen lässt? Im Konzertsaal aber ist diese Musik prima bedrohlich goutierbar. Am Ende schreit die Trompete wie eine Katze, die der Uhu holt.

… and Blackbeard

Anton Webern ist doch der beste deutsche Komponist, dessen Nachname sechs Buchstaben hat und mit W beginnt. Die extreme Differenzierung der Klangfarben und diese Dramaturgie auf engstem Raum in den riesig besetzten Sechs Orchesterstücken sollte manchem heute komponierenden Orchesterressourcen-Verbraucher zu denken geben. Den schlau gedachten direkten Übergang zu Richard Wagner richtet leider ein letal klingender Röchler zugrunde, wie überhaupt das Publikum heute Abend den Liebestod zum Hustentod macht. Vorspiel und Liebestod ist ja sowieso immer ein fieser Tristanquickie. Aber das DSO macht gute Klangmiene zum bösen Spiel und lässt, was Glut und Genauigkeit angeht, Wagnerträume wahr werden.

Dies und das sei typisch Berlin, sagt ein Mann in der Pause, in Berlin funktioniere nichts. Da kann er allerdings dem DSO nicht zugehört haben heute Abend.

Sonntag nochmal. Zum Konzert.

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4 Gedanken zu „Gratfunzend: DSO, Ticciati, Uchida spielen alles Mögliche

  1. Wie immer fein beobachtet und geschreibselt….und doch muss der Oberlehrer anmerken: Kesselpauken gabs bei Birtwistle nicht, jedenfalls nicht in partiturbedingter Aktion – da hat sich der Konzertgänger wohl durch die pure physische Präsenz eben dieses Instrumentariums auf der Bühne verwirren lassen. Und Webern ist, selbst bei wohlwollenster Heldenplatzigkeit, immer noch Österreicher, geboren in Wien.

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