Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox

Tja, Kammermusik habe leider keine Zukunft, schrieb einmal der törichtste unbefangenste Kritiker einer großen Berliner Tageszeitung. Von wegen: Hier ist sie, die Zukunft, das Berliner Notos Quartett. Jüngst mit dem allseits beliebten ECHO Klassik gezüchtigt ausgezeichnet etc pp.

Nicht nur das Notos Quartett ist die Zukunft, natürlich! Enorm, wie viele fantastische junge Kammermusik-Ensembles es derzeit gibt, Streichquartette zumal, Tendenz offenbar steigend. Um so schöner, hier mal eine Klavierquartett-Formation zu hören. Im Rahmen der Debüt-Reihe des  Deutschlandfunk Kultur (dieses Senders, der sich seltsamerweise alle paar Jahre umbenennt).

Noch um so schöner, dass eine Uraufführung auf dem Programm steht. Denn vielleicht meinte der törichte unbefangene Kritiker ja dies, dass das Repertoire von Kammermusikveranstaltungen gelegentlich verzagt und eng erscheine? Das Notos Quartett (das auch ein versunkenes Bartók-Klavierquartett ausgegraben und aufgenommen hat) spielt Echoes of Schumann des 1956 geborenen Iren Garth Knox, selbst Bratscher und sieben Jahre lang Mitglied des Arditti Quartetts.

Was klingt nach von Schumanns zuvor gespieltem Klavierquartett? Auf jeden Fall diese berückende Andante-Melodie, die dort nur die Streicher spielen dürfen, nicht das Klavier. Bei Garth Knox‘ Echoes steht etwa zum letzten Drittel des Stücks die Pianistin Antonia Köster auf, nimmt sich die Bratsche ihrer Kollegin und spielt darauf, sehr gedämpft und vibratoreich. Eine Geistervariation, schöner als von Schumann selbst. Der Traummoment spinnt sich fort, die Bratschistin spielt die Geige, der Geiger das Cello, der Cellist das Klavier. Und sinnt und spinnt sich fort, bis der Cellist am Klavier mit einem überraschend abrupten Schlusston wieder das Licht anknipst.

Die anfängliche Befürchtung, das anscheinend sehr assoziativ gebaute Stück könnte sich auf so einem Minimal-Easy-Stream of Wohligkeit einpendeln, ist schnell und glücklich verflogen. Indem sich Witz und Wehmut, Nachdenken über kammermusikalische Interaktion und Nachklingen der Musik selbst gegenseitig durchleuchten. Den Geistervariationszauber setzt der Geiger Sindri Lederer in Gang, der als erster seinen Platz verlässt, ums Klavier herumstreicht und hineinspielt und an Klaviersaiten zupft, was ein großes sphärisches Oberton-Echo evoziert. Oder auch mal Sitar-Flair, wenn er über dem bordunhaften Schwachstarktastenkasten die Fiedelsaiten pizzichiert. Wow klingt das und nachtluftig und höchst erinnerlich. Der Komponistenname Knox sei ehrenhalber zu Nox verballhornt.

Perfekt wäre es gewesen, wenn man (K)Nox‘ Echoes direkt nach Robert Schumanns Klavierquartett Es-Dur op. 47 hätte hören dürfen, ohne die Zwischenmoderation (die an sich tadellos ist, wenn auch in diesem merkwürdig überakzentuierten Kultursender-Tonfall). Der Beginn, den Andrea Köster so neblig aus dem Klavier aufsteigen lässt, klingt um so nebliger, wenn der Hörer eben aus dem nächtlichen Nebel des Tiergartens gekommen ist. Und man im folgenden hört, was für eine bemerkenswert klare Pianistin da spielt. Strahlender Sonnenschein das Zusammenspiel der vier Musiker: endlich mal ein echtes Klavierquartett statt eines Adhoc-Ensembles zusammengewürfelter Solisten, in dem letztlich jeder für sich spielt. Hier artikuliert jeder für sich perfekt, aber immer im Dienste des Ganzen und ohne dass je einer auftrumpfte. In sich vollkommen, auch wenn man sich für die Zukunft hier und da noch größere Risikobereitschaft vorstellen könnte.

Und endlich mal wieder Johannes Brahms‘ 1. Klavierquartett g-Moll op. 25 in der Originalgestalt statt der von Arnold Schönberg verhunzten orchestrierten Version, die (quasi als Brahms‘ „Nullte“) mittlerweile so oft auf Konzertprogrammen steht wie die furchtbare problematische „Zehnte“ von Mahler.

Wird dieses Werk nach Knox‘ nachtluftigen Klängen nicht allzu erdig tönen? Keine Spur. Ob Brahms und Zeitgenossen den Klavierpart je so diskret gespielt haben wie Antonia Köster? Dann hätte Schönberg, der tadelte, das Klavier übertöne hier fast immer die anderen, keinen Grund für seine Orchesterversion gehabt. Diskret heißt dabei keinesfalls kraftlos, im Gegenteil. Köster kippt das eröffnende Thema nicht in falschem Avantgarde-Geist als hingevierteltes Material für entwickelnde Variationsarbeit in den Raum, sondern zieht es in großem espressivo-Sehnsuchtsbogen aus dem Klavier.

Wie das Quartett die unterschiedlichsten Klangfelder und Gefühlswelten verbindet und austariert, ist ein dufter Genuss. So schön auch der Geiger Sindri Lederer und der Cellist Philip Graham klingen, bezaubert den Konzertgänger besonders die Bratschistin Andrea Burger, die mit ihrer mitreißenden Spielfreude oft das entscheidende Extrafünkchen musikantischen Zunders entflammt. Das schwerelose Intermezzo ist ein Vorbild an Klangkultur. Im Andante con moto fragt der Konzertgänger sich in einem dieser stockenden Brahmsmomente, wo denn da das jenseitige Horn hertönt; ach, das Cello ists. Allein im losmarschierenden Andante-Mittelteil, der doch ein echter Schocker ist, könnte gelegentlich weniger Perfektion noch mehr sein.

Keine Spur von solchem Bedenken jedoch im zingaresken Finale. Perfektion dämmt das Feuer nicht ein, das da zwischen ungarischem Schunkelweh und Prä-Prokofjew-Toccaterei lodert.

Von wegen keine Zukunft, sogar Urgroßtante Brahms hat eine. Aber vielleicht meinte der törichte unbefangene Kritiker, dass das Publikum für Kammermusik ausstürbe? Der Kammermusiksaal ist voll, allerdings sind die Eintrittspreise der DLF-Debütreihe stets günstig und es sind auch eine Menge Schüler hereingekarrt worden, mit welchen Methoden auch immer. Wenn die Schüler zuvor eigens ermahnt werden, nicht zu tuscheln und zu flüstern und gefälligst die Handys auszuschalten, befürchtet man das Ärgste. Aber schon wieder von wegen: Wenn alle Erwachsenen so diszipliniert und leise zuhören könnten wie diese Kinder und Jugendlichen, wäre die Konzertwelt besser. Die Zukunft wird großartig.

Als feine Zugabe eine Quartettversion von Fritz Kreislers Liebesleid. Das Konzert ist nachzuhören am Freitag, 12. Januar um 20:03 Uhr auf DLF Kultur.

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4 Gedanken zu „Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox

  1. Ich entnehme Ihrer Rezension, dass der DLF auch in dieser Reihe einen Moderator ins Rennen schickt? Womöglich derselbige unvermeidliche Holger H., der schon in der Orchesterversion dieser Reihe das Publikum nerven darf?

    • Nein, das war Tabea Süßmuth, eine angenehme Moderatorin, völlig in Ordnung, auch überhaupt nicht eitel oder so. Ich empfand nur zwischen den beiden aufeinander bezogenen Werken eine (noch so zurückhaltende) Moderation als störend. Aber das ist wohl Standard bei der Debüt-Reihe fürs Radio, dass die folgenden Werke immer kurz vorgestellt werden.

      • naja, ich reagiere da immer etwas allergisch, im Konzert möchte ich Musik hören und nicht auch noch Gerede, was ich eh den ganzen Tag um die Ohren habe. Über das Programm kann ich mich anderweitig informieren….

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