Begegnungsreich: Match Cut Festival in der Volksbühne

Lauter lohnende Begegnungen!

Wenn ein Konzertabend mehr Nettomusikzeit bietet als eine Götterdämmerung, kann man ihn mit Fuge und Hecht als Festival bezeichnen. Beim bemerkenswerten Match Cut Festival, das das Zafraan Ensemble mit Partnern am Tag der deutschen Einheit auf die Beine gestellt hat, ist die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz durchaus respektabel gefüllt. Die gebotene Musik ist freilich so reich und, horribile dickduck, hörbar, dass eigentlich nicht nur die üblichen Neue-Musik-Interesse-Verdächtigen da sein sollten, sondern der Saal auch vor Otto Normalverhörern platzen müsste. Tja, der nachhaltig versaute Ruf der „modernen Musik“ – auch wenn die Plagen des Serialismus schon circa 350 Jahre zurückliegen.

Zwei Werke von zwei Frühverendeten etwa blasen einen nachgerade weg. Professor Bad Trip: Lesson 1 des Italieners Fausto Romitelli, der 2004 mit nur 41 Jahren an Krebs starb, beginnt wie der von Sergio Leone abgelehnte Xenakis-Soundtrack zu Spiel mir das Lied vom Tod, später fühlt der Hörer sich wie auf milchsauer vergorenem LSD im Zentempel. Ähnlich rauschhaft, voller insistierender Tonrepetitionen, ist La Chute du Rouge von Christophe Bertrand, der 2010 mit nicht mal dreißig seinem Leben selbst ein Ende setzte. Das sind zu Beginn der dritten Festivalstunde zwanzig relativ klein besetzte, aber umso packendere Minuten, für die allein das Kommen schon gelohnt hätte.

Volle Bühne zu Beginn des langen Abends: Da schütteln die erste Zafraan-Geigerin und irgendein anderer Instrumentalist getrocknetes Espenlaub, es quietscht und klappert und knarzt, und zwar in Surround, denn die knarzenden Türen des Nacheinlasses passen gut zu Anahita Abbasis vor drei Jahren entstandenem Stück SituationII/Dialog. Auch, weil dieser Anfang die Tür zu interessanten, gewinnbringenden Begegnungen öffnen wird, die sich im Lauf des Abends ereignen.

Okay, zu später Stunde treffen die Zafraans auch auf die Elektroakusto-Tüftler Sollmann & Gürtler, der Gürtler ist ein Filmmusik-Experimentator und der Sollmann pendelt zwischen Berghain und Villa Massimo, und ganz bestimmt ist das state of the art & above, aber dem Konzertgänger klingts doch ein bisschen nach Einschlafhilfen aus der Sleepcycle-App, und darum hört er sich nur das erste Stück von den Jungs an. Beim 15mündigen und 150fingrigen Babylon Orchestra aber brennt der Einheitsbaum! In zwei Uraufführungen spielt diese urban-orientalische syrisch-iran-irakisch-israel-russisch-italofrankoaustralischkurdische, kurzum: deutsche Combo mit dem auf zeitgenössische Musik spezialifizierten Zafraan Ensemble zusammen, der Dirigent Titus Engel leitet mit leger schwingender Kompetenz. Die eingängig anzuhörende Tahar Ben Jelloun Suite des Babylongründers Mischa Tangian mag nicht ganz frei von Seichtigkeit sein, so ein bisschen Morgenland-Eso mit Flöten, aber hat farbenreiche Qualitäten, in einem Film wäre man ziemlich entzückt. Noch überzeugender wirkt MED-CEZIR von Sinem Altan, die sonst viel am ATZE-Theater macht: theatralische Musik mit reicher Klangfantasie und einem Faible für dunkle und blaudämmernde Klänge.

Immer wieder aber steht, und darum gehts doch bei Begegnungen, das und der Einzelne und Individuelle im Mittelpunkt: die Posaune etwa in Maias Alyamanis fetzigem Stück Reborn oder Trompete und Oud (Kurzhalslaute) und Kamanche (Stachelgeige) in Damir Bacikins Babylonia Paranoia, zwei Stücken, die das Babylon Orchestra allein spielt. Dazwischen ein Paradox von nervösem Ruhepunkt: mit der famosen Zafraan-Geigerin Emmanuelle Bernard und Samir Odeh-Tamimis Solo für Violine. Zweifellos ein Höhepunkt des gesamten Abends ist dann das vom Zafraan Ensemble gespielte surf in six waves des 1984 geborenen Sven Daigger, ein irrwitziges Stück von sternklingelndem und -klöppelndem Gruhf.

Noch ein feines Solostück von Odeh-Tamimi, diesmal für Harfe (mit Anna Viechtl), gibts im Kammerkonzert zwischen den großen Konzerten im Roten Salon – in illustrer Gesellschaft: Zum einen sind da nämlich zwei Klassiker von Giacinto Scelsi (Drei Stücke für Saxophon von 1956, Martin Posegga) und Iannis Xenakis, Charisma von 1971, in dem auch funkenreiche Begegnungen stattfinden: von Cello und Klarinette in punkto Besetzung und von mathematischer Konstruktion und quasi archaischer Wucht in punkto Kunst – dieser ungeheuerliche Xenakis-Mix eben. Zum anderen folgt dann noch ein babylonisches Quartett aus Oud, Gitarre, Geige und Saxophon, dem man am liebsten die ganze Nacht zuhören würde.

Lauter lohnende Begegnungen! Nächste Gelegenheiten, das Babylon Orchestra zu erleben, gibts am 6. Dezember im Weddinger Silent Green und am 26. Januar an der Komischen Oper. Das umtriebige Zafraan Ensemble nun ist eins dieser hochinteressanten, aber, was die Arbeitsbedingungen angeht, vor sich hinmurkelnden „freien Ensembles“. Außerordentlich, was die mit diesem Festival auf die Beine gestellt haben. Der Konzertgänger kann seinem lieben Nachbarn Otto Normalverhörer nur empfehlen, sich mal hinzuwagen zu diesen Neue-Musik-Fuzzis.

Kommende Termine des Zafraan Ensembles:

Rencontres II – Zafraan Ensemble und Court-Circuit, Pierre-André Valade: Christophe Bertrand / Hugues Dufourt / Johannes B. Borowski (französische Erstaufführung) / Sarah Nemtsov (französische Erstaufführung)

Musikbrauerei, Berlin, 08.12.2019, 19 Uhr
Resonanzraum, Hamburg, 09.12.2019, 19 Uhr
Salle Cortot, Paris, 10.12.2019, 20 Uhr

Rencontres III – Zafraan Ensemble und KNM Berlin, Manuel Nawri: Christophe Bertrand (deutsche Erstaufführung) / Stefan Keller / Georges Aperghis / Johannes Schöllhorn (deutsche Erstaufführung)

28.01.2020, 19 Uhr, Musikbrauerei Berlin

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