18.1.2017 – 153fach: Lucas Debargue spielt Scarlatti, Beethoven, Ravel, Liszt

f243gVorher leise Skepsis (und ein schlechtes Gewissen, weil gleichzeitig das Eröffnungskonzert des Ultraschall-Festivals für Neue Musik stattfindet), danach helle Begeisterung. Zumindest über den zweiten Teil des Konzerts, mit dem der französische Pianist Lucas Debargue im Kammermusiksaal sein Berlin-Debüt gibt. Genie-Mythen werden um den 26jährigen Franzosen gestrickt, im Interview entsteht ein konkreteres Bild des Mannes, der als Teenager das Klavierspiel hinschmiss, in einer Rockband spielte und erst mit 20 mit ernsthaftem Klavierstudium begann. Beim Tschaikowsky-Wettbewerb 2015 wurde er „nur“ Vierter, aber die Moskauer Kritik schwärmte für ihn.

Im Kammermusiksaal sind dann auch mehr Russen als Franzosen zu Gast. Obwohl im vergangenen Jahr gleich zwei CDs von Debargue erschienen und die Klassik-Charts (oder was davon übrig ist) stürmten, ist der Saal zwar nicht gerade halbleer, aber bei weitem nicht ausverkauft. Trotzdem wieder mal Lärm wie in einem Fußballstadion voller Lümmel, man schämt sich als Berliner.

Debargue ist ein sympathischer, fast schüchtern wirkender junger Mann, der sich lächelnd in alle Richtungen verbeugt. Trotz der Husterei und des störenden Geknipses eines Fotografen versteht er es, durch seine konzentrierte Ausstrahlung schon vor Konzertbeginn eine fast andächtige Atmosphäre herzustellen. Einen so zauberhaft singenden Anschlag hat er, wie sich zeigt, dass sofort tiefe Intimität entsteht. Wie er jeden einzelnen Ton austariert und zelebriert, erinnert fast an Grigory Sokolov. Im ersten langsamen Stück erinnert der Konzertgänger sich auch an späten Beethoven, gespielt von Wilhelm Kempff.

f244gEr spielt jedoch vier Sonaten (K 208, 24, 132 und 141) von Domenico Scarlatti. Bei Debargue klingt es nun wirklich nicht wie Musik des 18. Jahrhunderts (beileibe nicht nur wegen des Steinways), aber es gibt ja auch kein Gesetz, dass man historisch informiert zu klimpern hat. Sehr gedämpft zunächst, mit nicht wenig Pedal, links wie rechts, immer etwas verschleiert, ja verschwommen. Große Temporückungen, starke dynamische Abstufungen, lange Kunstpausen. In kraftvollen Akkorden schimmert dagegen schon der Lisztspieler auf.

Berückend schön, wie gesagt. Ohne den Beckmesser spielen zu wollen, kann man jedoch feststellen, dass stilistische Fragen nicht im Mittelpunkt von Debargues Interesse stehen. Ludwig van Beethovens 7. Sonate D-Dur op. 10,3 (1798) scheint das interessanterweise besser zu vertragen, auch wenn gerade der Schlusssatz an den Rand des Zerfalls gerät, wenn Debargue ihn in einzelne Klangimpressionen auflöst.

f245Famos ist dann natürlich sein Franz Liszt. Den Mephisto-Walzer Nr. 1 A-Dur G 514 „Der Tanz in der Dorfschenke geht Debargue mit einer energiegeladenen Jazz-Rock-Attitüde an, die nichts Aufgesetztes hat, sondern physisch spürbar aus den Eingeweiden kommt. Da erübrigt sich jede Frage des Liszt-Muffels, welchen geistigen Zweck dieser gigantische pianistische Aufwand eigentlich hat. Reine Musik. Im Duell gegen Debargue hätte weder Liszt noch Thalberg einen Stich getan!

f412Beim Mephisto-Walzer hat Debargue sein Jackett schon ausgezogen, nachdem er sich vor Liszt bei Maurice Ravels Gaspard de la Nuit auf eine Weise verausgabt hat, dass man ernsthaft um Leib und Leben des Pianisten fürchtet. In Ondine verschlägt es einem den Atem, welche Palette an Farben und Schattierungen am Steinway möglich ist, so flackert, glitzert und funkelt es, so wogen die Meereswellen über das Licht. Das 153fach wiederholte b in Le Gibet (der Glockenschlag in der Ferne, während am Galgen ein Toter baumelt) schlägt Debargue, man möchte es schwören, 153mal verschieden an. Auf ganz andere Weise spektakulär die diabolischen Kaskaden in Scarbo, bei der es Debargue vom Hocker reißt, als wollte er sich in den Höllenschlund des Klaviers werfen.

So klang das vor anderthalt Jahren beim Tschaikowsky-Wettbewerb, unter dem gestrengen Blick von Valery Gergiev:

Zwei bemerkenswerte Zugaben: Erik Saties 1. Gnossienne, nicht gewohnt euthanasierend, sondern unter Höchstspannung, mit kleinen Tonrepetitionen wie von Ravel und Liszt herübergespukt. Und eine zweite Nummer, die eine eigene Jazz-Improvisation gewesen sein dürfte.

Viele Gründe, sich zu wünschen, dass Debargue diesmal beim Klavierspielen bleibt.

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