Zahnlos: Premiere von Massenets DON QUICHOTTE an der Deutschen Oper

Bild: Corradox

Eine Don Quichotte-Oper scheint eine Kuriosität, denn wie müsste ihr Held klingen, stellte man ihn sich nach dem Roman des Cervantes vor: verprügelt, durchgewalkt und ab Kapitel 18 fast ohne Zähne im Mund? Nun denn, sagt ihm da Sancho Pansa nach der Bimse durch einen liebestollen Maultiertreiber, in der unteren Kinnlade habt Ihr auf dieser Seite nicht mehr als zwei Backenzähne und einen halben und in der obern keinen halben und keinen ganzen mehr; denn da ist alles glatt wie die flache Hand. 

Alex Esposito aber singt Massenets Don Quichotte mit Reißzähnen, und Clémentine Margaine ist eine Dulcinée mit Haaren auf den Zähnen. Dass das mit Cervantes‘ Figuren nichts zu tun hat, ist an sich kein Problem. Denn nicht dieser Roman war die Vorlage zu Massenets 1910 in Monte Carlo uraufgeführter letzter Oper mit der putzigen Gattungsbezeichnung comédie-héroïque, sondern das Theaterstück Le Chevalier de la longue figure eines Jacques Le Lorrain.

Erster Unterschied natürlich, dass Dulcinée im Unterschied zur originalen Dulcinea überhaupt auftritt. Hätte Massenet Warten auf Godot vertont, würde wahrscheinlich Godot als lyrischer Bass auftreten. Dulcinée ist kein beliebiges Bauernmädchen, sondern wirkt wie eine innerlich zerrissene Salon-Kurtisane, bei Massenet mit etwas Manon, etwas Violetta, auch einiges an Carmen, was die Vokalakrobatik des Mezzosoprans angeht und das Spanienkolorit im Orchesterpart, mit Bolero, Kastagnetten und Ibero-Klampfe. Der Don Quichotte aber scheint halb Falstaff und halb Jesus Christus: die Passion eines hoffnungslosen Träumers.

Die zusammengestrickte Handlung scheint vernachlässigenswert. Wichtig wären diese beiden Figuren, oder besser drei, denn die Treue und am Ende sogar Liebe des Sancho Pansa zu seinem zugrunde gehenden Herrn ist auch zentral. So imposant aber nun die zu hörenden Stimmen sind, so fehlt doch Espositos kernigem, virilem Bass und dem äußerst durchschlagkräftigen Mezzosopran von Margaine alles Lyrische, Persönliche, Intime. Die beiden rühren nicht, sondern singen wie für ein Fußballstadion. Diesen Einwand kann man gegen den Sancho Pansa des ebenfalls sehr stimmstarken, aber dezenteren Seth Carico nicht erheben; aber so komisch er zu agieren weiß, die Biege zur Emotion gelingt nicht recht. Drei zahnige Sänger, die einen nicht ins Herz beißen. Und das ist dann doch ein Problem.

So sind die intimsten Momente die ausgesprochen schönen Soli im Orchester, das im Gesamtklang unter der Leitung von Emmanuel Villaume aber auch recht dröhnig werden kann. Der Chor wirkt überzeugend, wenn auch nicht bis ins Letzte verfeinert.

Fatal jedoch ist das Desinteresse der Regie an den Figuren, und vielleicht auch das Desinteresse des schwedischen Regisseurs an Regie: Jakop Ahlbom habe, heißt es, einen ganz eigenen Theaterstil, in dem sich Pantomime, Tanz, Musik und Illusionskunst mischen. Nun gibt es auf der Bühne tolle akrobatische Momente und wirklich verblüffende Zaubertricks (wie sich im Blütenregen das Kleid der Dulcinée plötzlich rot färbt, ist der Höhepunkt des Abends). Ansonsten ist da aber viel hohle Choreografie und zerfasernde Bühnenbefüllung durch Statisten, Puppenhände und einen Massenetkopf, dem die Zunge rausgezogen wird. Und vor allem fehlt das Wichtigste: theatralisches Leben, Poesie, Trauer. Trauer um den Verlust der Träume und die Hoffnungslosigkeit der Liebe.

In der Musik steckte das, so viel spürt auch, wer diese Oper hier erst kennenlernt. Aber wenn Don Quichotte und Dulcinée in vierten Akt nicht zueinander finden, stehen drei ulkig kostümierte Gaudi-Statisten dabei, von denen einer sich die ganze Zeit ins Taschentuch schneuzt. Nur wir im Publikum, die wir doch wohl flennen müssten wie einst Schaljapin, der erste Sänger des Don Quichotte: wir vergießen keine Träne. Und trocken bleiben unsere Augen auch im Schlussakt beim Abschied Sancho Pansas vom sterbenden Don Quichotte, der unsere Herzen zerreißen müsste.

Und so noch ein paar allgemeine Worte zu dieser Regie, die dem Abend neben den problematischen Rollenbesetzungen die Luft zum Atmen nimmt. Es scheint ein unguter Trend, dass derzeit so viele Opern von Künstlern inszeniert werden, die Nichtregisseure sind. Das handwerkliche Manko, wenn etwa Personenführung durch leere Aktion übertüncht wird, ist das eine. Das andere, vielleicht noch gravierendere Manko aber: Alle Tricks und Spiegelungen nützen nichts, wenn das Interesse an den Figuren fehlt. Wer soll das sein, dieser Don Quichotte, diese Dulcinée, dieser Sancho Pansa? Keine Ahnung am Ende des zahnlosen Abends. Und keinen Moment das Gefühl, dass dieses Stück der Regie ein Anliegen wäre. Man sollte Regiewillige nicht nur fragen: Verstehst du dein Handwerk? Sondern auch: Glühst du für dieses Werk? Zumal, wenn es eine hier selten gespielte Oper ist.

Zum DON QUICHOTTE. Weitere Aufführungen am 2., 7., 13. und 18. Juni.

Weitere Kritiken: Connaisseur Schlatz musikalisch halbwegs zufrieden. Kulturradio-Kaiser eingenommen, aber nicht glücklich. Friedrich nörgelt auf DLF Kultur.

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11 Gedanken zu „Zahnlos: Premiere von Massenets DON QUICHOTTE an der Deutschen Oper

  1. Ich habe immer gedacht, Selge und Schlatz haben ein bisschen mehr Fantasie. Offenbar ne falsche Annahme meinerseits.
    Klar manches kleines war ein bisschen grob an der Inszenierung. Merkwürdigerweise wird bei einem Herrn Kosky der sich bis zum Langweilen immer wiederholt und die gleichen abgedroschenen Szenen bringt, gejubelt.
    Ich fand die Inszenierung großartig und unterhaltend.
    Wenn ich bei den Sängern so etwas lese, wie, es fehlte das lyrische….mir hat da nichts gefehlt und soviel lyrisches war ja auch nicht, aber am Schluß war es lyrisch und zu Herzen gehend.
    Was das Orchester und das Dirigat anging, hat mich das wirklich begeistert.
    Aber wie so oft, in den Folgeaufführungen ist eh alles besser, auch die Sänger, allesamt einfach großartig auch Esposito und es bekam keiner weniger Beifall.
    Ein großartiger Abend, den ich noch einmal besuchen werde.
    Noch eine Feststellung, die DO ist in dieser Saison der absolute Sieger, was die Premieren betrifft, alle ein Volltreffer, ausser dem Wozzeck, den mit ein paar Einschränkungen.
    Ich brauche jedenfalls keine abgetakelten Sänger, wie Domingo und Villazon.
    Pelleas gönne ich Ihnen auch, mir ist die Musik von Debussy einfach zu einschläfernd, auch wenn es ab und zu mal einige berührende Momente gibt

  2. Dass der riesige Kopf der Massenet sein soll, habe ich während der Vorstellung nicht kapiert. Die Zunge aber, die 1:1 wie Cervelatwurst aussah, war schon faszinierend.

  3. Oh, Sie sahen es negativer als ich.
    Sie haben recht, bei den Sängern fehlte das typisch Lyrische, Französische.
    Margaine aber fand ich sehr gut, die Partie kann man sicherlich auch silberstimmiger singen, aber ich hab wirklich jeden Ton von ihr genossen. In einer Oper ohne großartige Liebeshandlung hätte ich mich gelangweilt, wenn die einzige Frau auch noch ein Lämmchen wäre… Das hat sie gut gemacht. Es tat mir fast leid, dass ich sie nie als Carmen hörte.
    Auch das Orchester fand ich erstaunlich, ausnehmend schön die Bläser. Villaume war eine Entdeckung für mich, der ist früher auch mit Netrebko getourt, deswegen hab ich nicht ganz viel erwartet.
    Ich glaube aber, dass die Inszenierung in den nächsten Jahren funktionieren wird, so knallig und bunt sie auf den ersten Blick auch wirkt. Unbekannte Oper muss man auch schmackhaft machen. Das Bühnenbild fand ich aufregend.
    Bei aller Kritik bleibt das riesige Verdienst der DO, eine Massenet-Premiere gewagt zu haben. Dass ich in die Wiederaufnahme gehen werde, ist so sicher wie die Tatsache, dass ich keine Barenboim-Premiere in den nächsten 30 Jahren verpassen werden :-).
    Und wie ich mich kenne, wird mir die Inszenierung beim zweiten Sehen ganz gut gefallen.
    Ich bin auch immer schon ganz dankbar, wenn nicht alles pechschwarz auf der Bühne ist.

    • Ja, ich mag Margaine auch sehr und werde bei Wiederaufnahme bestimmt auch wieder gehen. Was die Inszenierung angeht, hab ich trotzdem das Gefühl, dass sie dem Stoff einen Bärendienst erwiesen hat. Mir hat nicht Schwarz gefehlt, sondern Poesie & Melancholie oder sowas.

      • Ausserdem wird es vorerst wohl keine Wiederaufnahme geben, wie zu sehen, wird Fr.Margaine demnächst auch das haben, was Sie schon haben :-)))

  4. Komisch, dann muss das Publikum ja nur noch blöd sein, es gab wohl starken Beifall und keinerlei Buhs für die Regie. Das wird natürlich nicht erwähnt.
    Wahrscheinlich wohl noch diese etwas langweilige Musik dieser Debussy Oper in den Ohren???

    • Ich spreche nur für mich, nicht für die Mehrheit des Publikums. Der Applaus am Ende war kurz, aber herzlich, mit einigen Buhs. Außerdem gab es sichbare Lücken nach der Pause. Aber überwiegend scheint es gefallen zu haben.
      Der Staatsopern-Pelléas war, wie bei dieser Oper immer, anstrengend, aber ich habe mich nicht dabei gelangweilt – wohl aber beim Don Quichotte, und ich glaube, das lag nicht an Massenet.

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