Skrupulös musikantisch: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Lucio Amanti

Woher diese unkaputtbare Mär, Beethovens späte Streichquartette seien kopflastig und im Grunde nur intensivststudierenden Tiefenanalysten zugänglich? Gälte diese Studienhürde, wenn schon, nicht eher für die frühen Quartette, für die man gewisse Grundformen nun mal zur Kenntnis nehmen muss, während die späten Quartette ihre je eigene Form aus sich selbst wachsen lassen? Die man schon mitfühlend erkennen wird, wenn man sich nur mit Herz und Ohr auf die Stücke einlässt? (Und sie, entscheidend, wieder und wieder hört?)

Gelegenheit zum Vergleich gibts mit gleich drei Beethovenquartetten (früh, mittel, spät) in einem Programm des katalanischen Cuarteto Casals im Kammermusiksaal.

Alle drei mit Variationensätzen, als unaufdringlicher roter Faden des so langen wie genussreichen Abends. Ganz simpel ist das Thema, das Beethoven im Andante cantabile seines Streichquartetts A-Dur op. 18 Nr. 5 (1799) verarbeitet: so ein einfaches Tonleiterding.

Abel Tomàs gibt hier den Primarius. Die Geige sitzt ihm bedenklich irgendwo in der Mitte des Brustkorbs — aber welch suchenden, fragenden Ton er herausholt! Im Kopfsatz konnte man sich noch fragen, ob Tomàs‘ unbedingter Wille zum Riskanten, zum Ausdruck tatsächlich so einige Verrutscher mit sich brachte oder man bloß hörerseits einen Knick in der Akustik hatte. Doch im Andante, das nach dem Menuett an dritter Stelle steht, überträgt sich Tomàs‘ Frageton aufs ganze Ensemble, auch wenn jeder, rein äußerlich, woanders sucht: der ganz rechts sitzende Bratscher Jonathan Brown in die Tiefe blickend, der Cellist Arnau Tomàs in den Deckensphären des Saals.

Der Ton des Quartetts insgesamt aber ist so skrupulös wie spontan, tastend und doch musikantisch. Abel Tomàs wirkt auch dann wie das kommunikative Zentrum dieses ohnehin mit Augen und Ohren hochgesprächigen Quartetts, als in den beiden folgenden Quartetten Vera Martinez-Mehner zur Primaria wird. Ihr Ton ist bezaubernd, aber drängt nie in den Vordergrund.

Im Streichquartett Es-Dur op. 74 (mit dem sinnlosen Beinamen Harfenquartett wegen irgendwelcher Pizzicati, ebensogut könnte es Hafenquartett heißen) gibts gleich zwei Variationssätze, den zweiten und den vierten. Im dritten Satz assoziiert der Konzertgänger einen Speckuck (d.i. ein fabelhaftes Tier mit Vater Specht und Mutter Kuckuck), der auf Speed zu viel „Die Fünfte“ gehört hat:

Der Höhepunkt des Konzerts ist dann natürlich das Es-Dur-Quartett opus 127 von 1824/25, das erste der letzten fünf und als einziges der letzten in klassischer Viersätzigkeit. Aber was heißt hier schon noch klassisch? Wer erkennt denn beim ersten Hören, dass dieses überirdisch schöne Adagio ein Variationensatz ist?

Das Casals-Quartett ist ein Wunder an Ausgeglichenheit. Nicht nur in diesem Satz, aber hier ganz besonders beglückt und betört das: eine Viertelstunde nicht von dieser Welt und dabei doch unendlich sinnlich. Den ersten Satz nahmen die Musiker schon mit immensem Schwung, in einem Heidentempo, der keine Late-Beethoven-Weihevölligkeit aufkommen ließ. Einiges von diesem beschwingten Grundpuls auch im Adagio, herrlich. Und wiederum ist das bei aller skrupulösen Tonsuche immer wieder auf eine völlig ungekünstelte Weise so musikantisch, dass einem (zumal im 4. Satz) eben auch beim späten Beethoven das Tanzbein zuckt. Das Herz juckt sowieso.

Der Berührungsmut des Casals-Quartetts zeigt sich auch in der Zugabe (dem katalanischen Volkslied Gesang der Vögel, in dem Arnau Tomàs‘ Cello bis an die Kitschgrenze rührt, vielleicht auch darüber hinaus; wunderbar auch das Vor- und Nachzwitschern der Geigen) und zuvor in einem weiteren zentralen Programmteil: Das vor einigen Monaten uraufgeführte Streichquartett ReSolUtiO des 1977 geborenen Italieners Lucio Franco Amanti, vom Cuarteto Casals zwischen Beethoven 1 und 2 gespielt, klingt zum Glück nicht nach einem eher umständlich als schwer gefassten Entschluss, wie es der Titel befürchten lässt. Abwechslungsreiche Musik ist das, in der die Straßenmusik einer italienischen Piazza und Beethovens Ha(r)fenquartett aus offenem Fenster aufeinandertreffen: Klangwelten begegnen sich da, vermischen sich, stoßen einander ab, finden sich in Unisoni – und am Ende trommeln die Finger aufs Holz der Streichinstrumente, wie prasselnder Regen. Ein reizvolles, luftig-leichtes Sammelsurium.

Das Cuarteto Casals hat es sich bei seinem Beethovenzyklus zum Prinzip gemacht, die kanonischen Werke jeweils mit einem neuen Werk eines jungen Komponisten zu kombinieren. Das ist, wie die Spielkunst des Quartetts, nicht hoch genug zu loben. Der Kammermusiksaal ist zwar nicht leer; er wäre sogar ausverkauft, wenn er wirklich ein Kammermusiksaal wäre und nicht ein Großer Saal, der halt Kammermusiksaal heißt (1.180 Plätze).  So gibts noch reichlich Kapazität, wenn das grandiose Cuarteto Casals den Zyklus in der kommenden Saison 2018/19 an drei Terminen in Berlin fortsetzt (13.12.2018, 13.2.2019, 9.5.2019).

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