Dernieren (1): Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ an der Deutschen Oper

Zum letzten Mal! Alle Welt spricht von Premieren – aber wer nimmt sich der Dernieren an? Was war, was wir vermissen werden und was nicht: der Konzertgänger als Opernnachrufer. Den Anfang macht Christian Spucks Inszenierung von Hector Berlioz‘ „La Damnation de Faust“, die Samstag  an der Deutschen Oper Berlin zum verdammt allerletzten Mal gegeben wurde.

Im nicht gerade überfüllten Opernhaus herrscht an einem solchen Tag eine wundersame Atmosphäre, die an einen Badeort nach Ende der Saison erinnert. Die Strandpromenade liegt ziemlich verlassen, es pfeift schon merklich kühler Wind. Wahrscheinlich wären noch ein paar mehr Badegäste da, wenn nicht der angekündigte superattraktive Beachboy sein Kommen abgesagt hätte, nämlich die Sonnenkehle Klaus Florian Vogt. Die meisten Logen bleiben ebenso geschlossen wie die Foyer-Bar im ersten Rang. Könnte man leicht ein paar Gläser klauen, überlegt der Sohn des Konzertgängers; aber solch mephistophelischen Inspirationen obsteht der Vater.

Eine würdige, gefasste Abschiedsstimmung.

Dass die über zweistündige Vorstellung ohne Pause läuft, lässt die Nostalgie flacher atmen. Außerdem ist die Derniere erst die 14. Vorstellung seit der Premiere im Februar 2014. Christian Spucks Arbeit ist eher Choreographie als Inszenierung. Das verträgt die polyzwittrige Damnation (Berlioz wusste ja selbst nicht, ob das eine Oper sein soll) wohl besser als der Fliegende Holländer, bei dem Spuck mittlerweile auch Regie geführt hat. Das begrenzte Bewegungsvokabular funkt und lodert aber nicht so, wie es Berlioz‘ grenzenlose Musik verdient hätte, manchmal wirken die Tanzfiguren geradezu hüftsteif. Das mag dazu beigetragen haben, dass diese Damnation nicht zum Stadtgespräch wurde und auch in der Geschichte der Berlioz-Rezeption wohl eher eine Randnotiz bleiben wird. Der makabren Chose fehlt die, zumal dämonische, Ausgelassenheit.

Alles spielt auf und unter einer überdimensionierten Drehscheibe, die Spuck auf einem Kinderspielplatz eingefallen sein mag; da wird einem Erwachsenen immer ganz schwindlig, wenn er die angeschrägt kreisenden Dinger nur ansieht. Der rotierende Bühnenraum mit Multifunktions-Unterstübchen (Studierzimmer, Auerbachs Keller, Marguerites Stube usw) funktioniert nicht übel. Die Welt ist eine Scheibe, die der Teufel dreht. Eine interessante, konsequente Vorrichtung, nur wird der Mechanismus auf Dauer etwas dröge, so rein vom Mechanischen her.

Alle Bilder von Odilon Redon

Und vom Farblichen. Denn Farben hats hier nur in der Musik. Was die Bühne angeht, wurden alle Farben wohl schon in der knallbonbonbunten zweiten Hälfte von David Pountneys Le Troyens verbraucht, mit der die Deutsche Oper 2010 ihre Berlioz-Reihe eröffnete. (Gibts die irgendwann noch mal wieder?) Der Chor klingt hier anfangs etwas kuddelmuddlig, später besser. Das Orchester unter Donald Runnicles tut sein Bestes, es scheint zwar nicht mehr jederzeit vor Interesse an dieser Musik zu verglühen. Das Niveau ist auch im Routine-Modus hoch, aber zumal der finale Höllenritt lässt doch Schreckensschmiss vermissen. Die hervortretenden Solisten sind ganz famos. Darunter ist Chloé Payot, die mit dem Englischhorn auf der Bühne Marguerites D’amour l’ardente flamme sehr berührend begleitet.

Schwer vorstellbar, wie man herrlicher und zugleich weiter daneben an Goethes Gretchen-am-Spinnrad-Ballade Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer hätte vorbeikomponieren können, als Berlioz es in dieser göttlichen Romanze tat. Die amerikanische Mezzosopranistin Irene Roberts bietet sie vortrefflich dar. Ihr für Vogt eingesprungener Landsmann John Irvin schlägt sich als Faust gut (überraschend gut angeohrs eines unvorteilhaften Youtube-Videos, das man auf der Internetsuche nach diesem Sänger findet). Die Stimme ist jung und einnehmend schön, wenn auch etwas monochrom und nicht zu kräftig. Der italienische Bass Roberto Tagliavini hat indes jenes schwarz orgelnde Organ, das in früheren Aufführungen dem Mephisto fehlte – großartig. Mag also diese Damnation nun der höllischen Verdammnis anheim gefallen sein, in die der Gang der Zeit uns alle führen wird: Diese drei vorzüglichen Sänger mögen wir, ehe’s so weit ist, gern in anderen Stücken wiederhören. Bei Irene Roberts gibts diese Saison noch viel Gelegenheit.

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Ein Gedanke zu „Dernieren (1): Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ an der Deutschen Oper

  1. Ja, wirklich schade, das die Inszenierung verschwindet. Finde die rundum gelungen, mir wird sie fehlen.
    Bei Herrn Irvin muss man halt abwarten, wie er sich entwickelt. Hat ja noch nicht soviele Häuser ausprobiert. Hoffentlich versucht er sich in verschiedenen Rollen erstmal doch noch in kleineren Häusern. Hören würde ich ihn jedenfalls gerne wieder

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