20.5.2016 – Unvollendete letzte Liebestod-Verklärung: Kent Nagano beim DSO

Willard_Metcalf_May_NightVier letzte Lieder in der Philharmonie: Das erste letzte Lied heißt Tristan, das zweite Verklärte Nacht, das dritte Unvollendete, das vierte Vier letzte Lieder. Kent Nagano kombiniert bei seinem Maibesuch beim Deutschen Symphonie-Orchester wohltönend tiefstsinnige Evergreens, in denen es um die letzten Dinge geht.

Dabei wagt Nagano, der seriöseste und sympathischste aller Dirigenten, sich sonst auch todesmutig in höllische Niederungen wie Kinderkonzerte und Einkaufszentren – letzteres vor wenigen Tagen beim Symphonic Mob an einem Ort, dessen Name den Kulturfreund schaudern macht:

Dort stand Verdi auf dem Programm, nicht Wagner, obwohl ein Liebestod im Shopping-Center ja auch was hätte. Und so viel fehler am Platz als in einem Symphoniekonzert wäre er da auch nicht. Kein Geringerer als Richard Wagner selbst mag Vorspiel und ‚Liebestod‘ (vulgo Verklärungsszene) aus ‚Tristan und Isolde‘ schon konzertant gegeben haben, in den Ohren des Konzertgängers hat es trotzdem etwas Unverfrorenes: Man erwartet eben die Stimme des jungen Seemanns, da blasen Klarinette und Hörner bereits zur Transfiguratio praecox.

Trotzdem hat ein konzertanter Tristan-Auszug einige Vorzüge, Musiker wie Zuhörer-Ohren sind beim Liebestod noch frisch, und das Orchester klingt glanzvoller, wenn es nicht aus dem stickigen Graben heraufdumpft. Was beim grandiosen DSO besonders viel wert ist: Es geht das Vorspiel recht breit und mit ungewohntem kleinen Wackler im Holz an, aber sehr klangschön und äußerst deutlich. Dass sich keine rechte Ergriffenheit einstellt, sondern das Publikum in den Schlusston hinein röchelt und klatscht, liegt nicht an der Orchesterleistung, sondern ist der zwangsläufig ernüchternden Natur des Opern-Exzerpts geschuldet.

In angemessene Stille führt hingegen Arnold Schönbergs Verklärte Nacht (in der Fassung für Streichorchester). Nach dem Liebestodquickie wirkt die unendliche Melos- und Eros-Reise umso entgrenzender. Das Streichorchester ist klangvoll wie ein vollbesetztes Symphonieorchester, zugleich transparent wie ein Sextett. Die Stimmführer glänzen allesamt solistisch, aber das Ensemble spielt insgesamt so flirrend aufgefächert, dass man nie den Eindruck von Kammermusik verliert. Mag die Verklärte Nacht auch von Tristan-Anleihen triefen, kommt einem Wagner nach dieser Musik auf einmal höchst unfein vor.

Noch die Kontrabässe, die das mysteriöse Motto von Franz Schuberts h-Moll-Symphonie anstimmen, der Unvollendeten, klingen wie der Verklärten Nacht entstiegen; wenn dieses Motto die Durchführung fast allein trägt, dann aber erst in der Coda wiederkehrt, entsteht eine faszinierende Durchdringung mit Schönbergs Musik. Die Flöten hat man selten so leidensvoll seufzen gehört wie hier, und die leise Klarinette (Stephan Mörth) im zweiten Satz klingt wundervoll. Noch faszinierender ist die Wandlungsfähigkeit des DSO insgesamt, das die Unvollendete vor nicht langer Zeit in perfektem Roger-Norrington-Sound spielte, sie nun aber unter Nagano in mittlerem Tempo und mit teilweise massiven Klangballungen angeht; auf ganz andere Weise ebenso vollendet. (Der Konzertgänger bevorzugt Norrington, aber das ist Geschmackssache.)

Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder gab es beim DSO vor einigen Jahren an einem Karsamstag in einer derart missratenen Aufführung, dass es hohen Erinnerungswert hatte (was aber nicht am Orchester lag). Auch sie klingen diesmal, zum Glück, ganz anders: Die Schwedin Miah Persson hat keinen umwerfend schönen, eher leicht metallisch timbrierten Sopran und anfangs auch etwas Mühe mit genauen Einsätzen, aber sie überzeugt doch mit sehr beweglicher Stimmführung sowie Durchsetzungskraft. Und durch höchste Leidenschaft! Als eine Art Finale der Unvollendeten sind die Vier letzten Lieder hier sehr originell angesetzt. Das Orchester schillert und strahlt ohnegleichen; wie die weite Klanglandschaft Im Abendrot leuchtet, ergreift nicht nur den, der David Lynchs Wild at Heart gesehen hat. Konzertgänger’s dream jedoch: dass eine Sängerin wie Miah Persson, statt betrübte Blicke aus der emotionalen Konfektionswarenabteilung in den Raum zu werfen, eine darstellerische Präsenz wie Laura Dern entwickelte. Dann käme man als Hörer nicht mit heiler Haut aus einem solchen Konzert. So verlässt man das Programm von vier Werken, in denen es von den letzten und allerletzten Dingen gesungen hat, irritierend unbeschwert. Schön war es zweifellos.

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3.5.2016 – Keusch: Klaus Florian Vogt ist „Lohengrin“

Parsifal am Karfreitag ist dem Konzertgänger ein No-Go, aber auf Lohengrin zu Himmelfahrt lässt er sich ein. Er muss jedoch mit Argusaugen auf seine Frau achten, die am liebsten lauthals bejahen würde, wenn der goldenen Kehle des schwanbeflügelten Klaus Florian Vogt die gestrenge Frage entschwebt: Wenn ich im Kampfe für dich siege, willst du, dass ich dein Gatte sei? 

Sie steht nicht allein mit dieser Versuchung, so manche Frau (und mancher Mann) in der Deutschen Oper verspürt sie – von keuscher Glut entbrannt wie Elsa im zweiten Aufzug. Vogts künstlerische Vielfalt in Ehren, aber er ist auf die Welt gekommen, um Lohengrin zu sein. Kein Wunder, dass die kriegswunden Brabanter wieder und wieder auf diesen Verführer hereinfallen; denn als Verführer präsentiert Kaspar Holtens sehenswerte Inszenierung von 2012 diesen Lohengrin.

Rein musikalisch liegt aber gar nichts Anzügliches darin, denn für Vogts heldische Knabenstimme (zu der Jan Brachmann in der FAZ vor einigen Jahren gar Heintje assoziierte) drängt sich ebenfalls obiger aus der Mode gekommene Begriff auf: keusch. Wenn man noch die jüngste Barockopern-Ausgrabung von René Jacobs im Ohr hat, klingt zwar selbst der kantabelste Wagner wie wüstes Gebelle. Zudem hat Lohengrin ja so manche kompositorische Untiefe, etwa die üble Modulation in der Wiederholung des Frageverbots oder das peinlichste Ich liebe dich der Operngeschichte. Aber das und noch viel mehr, auch gefühlte fünf Stunden C-Dur-Fanfaren, nimmt man gern in Kauf für Vogts himmlische Gralserzählung. Nein, für jedes Wort aus seinem Mund.

Die anderen Sänger sind fast egal, trotzdem seien hervorgehoben der kurzfristig eingesprungene, luzide aus dem Mundwinkel singende Günther Groissböck als Heinrich der Vogler und die umwerfend hysterische, gehässige, schleimige, Angst und Lachen machende Ortrud von Anna Smirnova. Bei Manuela Uhl (Elsa) und Simon Neal (Telramund) wechseln Licht und Schatten. Solides, aber magiefreies Dirigat von Axel Kober. Den zuverlässigen Chor hat man schon zauberhafter, subtiler gehört. Bei der zweiten Aufführung am Sonntag wird alles etwas gefestigter klingen.

Meine umfassende, tiefenanalytische Kritik heute bei Bachtrack.

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27.4.2016 – Atemlos blühend: Andris Nelsons mit Wagner und Bruckner bei den Berliner Philharmonikern

Zu den geheimen Hintergründen der letzten Chefdirigentenwahl der Berliner Philharmoniker gehört, dass die Frau des Konzertgängers gegen Andris Nelsons frühzeitig ihr Veto eingelegt hat: Sie kann einfach seinen Dirigierstil nicht ansehen. Das viele Rudern, Kreisen, Beugen erinnert sie zu sehr an die enervierende Akrobatik ihrer Kinder beim Abendessen. Aber die Augen schließen geht auch nicht: Einerseits aus instinktiver mütterlicher Sorge, dass der große Junge Andris gleich ein Saftglas oder Papas Weinflasche vom Tisch wischen könnte. Andererseits weil sie mit geschlossenen Augen immer einschläft; selbst bei Bruckner.

Was sehr schade wäre. Und merkwürdig, denn Nelsons ist der Wachhalter schlechthin. Emotionaler Erwecker oder an einen Fußballtrainer erinnerndsolche Beschreibungen, obwohl anscheinend positiv gemeint, hat Nelsons aber auch nicht verdient. Intensiver kann man nicht dirigieren. In der Uraufführung 1877 soll Anton Bruckners 3. Symphonie d-Moll (auch dank Bruckners Dirigier“kunst“) ja so übel getönt haben, dass nicht nur das Publikum, sondern auch einige Wiener Philharmoniker vorzeitig den Konzertsaal verließen. Dabei war ihre Renitenz ja zumindest mitschuldig an dem Desaster. Da konnte es Bruckner auch nicht trösten, dass der unerreichbare, weltberühmte und erhabene Meister der Dicht- und Tonkunst  ihm in Anerkennung dieser Symphonie eine Prise Bayreuther Schnupftabak angeboten hatte; und einige Bier, so dass Bruckner am nächsten Tag nicht mehr wusste, welche Symphonie er Wagner widmen durfte, die zweite oder die dritte.

Hätte Bruckner doch Hingabe und Sound der Berliner Philharmoniker erleben dürfen!  Gespielt wird, wie üblich, die 3. Fassung der Symphonie von 1889. (Es wäre ein Traum, wenn das Orchester einmal in einer Saison die verschiedenen Versionen einer Brucknersymphonie spielte.) Nelsons setzt auf Ekstase statt roter Fäden, was sehr beeindruckend klingt. Der ununterbrochene Höchstexpressionsmodus kann aber auf Dauer auch ins Leere laufen, die Intensität des Moments geht auf Kosten der großen Bögen; insgesamt eine sehr laute Aufführung. Und wenn Nelsons sogar mit den Fingern die Flötentriller in die Luft zeichnet, fragt man sich, ob das aus einem Instrumentalisten wie Emanuel Pahud wirklich etwas herauskitzeln kann. Schnürt es einem Interpreten nicht die Luft ab? Man ist halt kein Musiker. Als Showdance fürs Publikum kann man Nelsons‘ Dirigat auch nicht abtun, dafür ist das Orchester offenhörlich zu begeistert bei der Sache. Gut sowieso.

Das Publikum fühlt sich erst recht nicht bevormundet, sondern ist enthusiasmiert. Überwältigend ist dieser Bruckner, zweifellos. Aber auch überzeugend?

Parsifal passt besser zu Bruckner als jede andere Musik Wagners: Im Vorspiel zum 1. Akt erinnern die mischklangfreien Register und die weihevollen Generalpausen frappierend an die archaisch-futuristische Symphonik des Linzer Halbgotts bzw. Halbtrottels (Mahler). Nelsons präsentiert das gefühlt langsamste Parsifal-Intro seit Wilhelm Furtwängler. Die Besucher der Bayreuther Festspiele, wo Nelsons im Sommer den neuen Parsifal leiten wird, können sich auf mindestens 30 Gratis-Extra-Minuten einstellen. Im Karfreitagszauber bewährt sich Albrecht Mayers Radfahrerlunge beim brillanten Oboensolo. Instinktsicher antizipierte das Publikum diese exorbitante Leistung bereits vor dem Konzert, als der allein aufs Podium kommende Mayer singulären Applaus erhielt.

Der Konzertgänger kommt sich bei solchen Wagner-Exzerpten aber immer wie ein Schummler vor, der den langen Weg zum musikdramatischen Blütenmeer schnöde abgekürzt hat. Kein Wunder, wenn man da ins Hecheln kommt.

Nachtrag: Herr Schlatz weist zurecht darauf hin, dass Knappertsbusch der größte Parsifal-Trödler war, wie hier zu hören.

Ausführliche Kritik bei Bachtrack.

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19.2.2016 – Non, je ne regrette Wagnerien: Frankreich-Festival im Konzerthaus mit Marc Minkowski

Jede Menge Frankreich im Berliner Musikleben: Vor kurzem hat François-Xavier Roth die Berliner Philharmoniker franzisiert, das Rundfunk-Sinfonieorchester beglückte uns mit „Dutissy und Debulleux“, die Komische Oper präsentierte ein Jacques-Offenbach-Festival. Und jetzt veranstaltet das Konzerthaus ein zehntägiges Festival Frankreich. Im ganzen Haus herrscht ein nicht gänzlich ungezwungenes flair français (Personal trägt Baskenmützen, bicyclette mit Rotwein und Akkordeon usw.), aber alles recht sympathisch, la France berlinoise changiert halt zwischen Bulette und Boulez. (Nur dass man nach dem Konzert, das Erlösungsmotiv aus der Götterdämmerung im Ohr, mit Chansons beschallt wird, ist bei aller Bewunderung für Edith Piaf ein Fauxpas.)

Der Intendant Sebastian Nordmann begrüßt mit „Schon die Hugenotten haben…“ und radebrecht tapfer im Welschen. Der französische Botschafter Philippe Etienne eröffnet (ohne sich im Teutschen zu versuchen) das Festival. Sogar Kultursenator Tim Renner hat sich in ein klassisches Konzert verirrt. Und Nike Wagner, der einzig vorzeigbare Spross des wilden Geschlechts, hält einen Festvortrag, der aus der Klischeezone hinausführt zu einem kurzen Abriss von der frankoflämischen musikalischen Harmonie über die barocke Scheidung der nationalen Geschmäcker bis zum nationalideologisch versalzenen musikalischen Rosenkrieg des 19. Jahrhunderts.

Und dann enfin la musique!

Der kuriose Antagonismus zwischen Siegfrieds Rheinfahrt von Wagner und Jacques Offenbachs Rheinnixen-Ouvertüre wurde leider kurzfristig gestrichen, vielleicht weil der konstruierte Wagnerbezug der Renaissance von Les fées du Rhin eher im Weg steht. Trotzdem würde eine solche Rarität den Festival-Auftakt zieren. So muss allein César Francks nicht ständig, aber doch regelmäßig gespielte d-Moll-Symphonie Wagner Paroli bieten. Unübertrefflich spannungsgeladen gelingt dem Konzerthaus-Orchester unter Marc Minkowski der götterdämmerungsgleich mysteriöse Beginn. Im unermüdlichen Aufwärtsmäandern des ersten Satzes hört man heute Abend das Tristansehnen, aber bei Franck führt der Weg nicht in den Liebestod, sondern nach wenigen Minuten zu dem famosen Gassenhauerthema, das zu hören mindestens sieben Tage lang glücklich macht. Hier klingt es allerdings recht knallig, wie überhaupt einige klangliche Härten stärker hervortreten als in der ausgewogenen Interpretation des Rundfunk-Sinfonieorchesters vor Weihnachten.

Richard Wagner wirkt mit den vier Harfen im Götterdämmerungs-Finale „Starke Scheite“ plus décadent als der seriöse, durchaus klassizistische Franck. Auszüge sind für den musikdramatisch erprobten Wagnerfreund immer etwas unbefriedigend, sie bieten keinen Raum für Weltumarmungs- oder Untergangserfahrungen. Aber wenn sich natürlich nicht der Sog einer Ring-Aufführung entfaltet, hört man mit klarerem Kopf und frischeren Ohren. Trotz oder gerade wegen ihres eindrucksvollen, sehr ausgewogenen Soprans (und weil ihr eben noch keine fünf Stunden Musikdrama in den Stimmbändern stecken) steht die Schwedin Ingela Brimberg eher für Wagnerbelcanto als textverständlichen, doch konsonantenspuckenden Sprechgesang. Die Senta-Ballade aus dem Fliegenden Holländer singt sie kraftvoll und, obwohl ursprünglich Mezzosopran,  scheinbar mühelos in der um einen Ton höher liegenden Originalversion, die Wilhelmine Schröder-Devrient von Wagner absenken ließ.

Höchsten orchestralen Glanz lässt das Konzerthaus-Orchester dazwischen in der Tannhäuser-Ouvertüre erstrahlen, und zwar in der Pariser Version, die Baudelaire & Compagnie zu Wagneriens à la française machte. Betörend schön gelingt der Übergang zwischen ersterbendem Pilgerthema und Eintritt ins Reich der Venus. Das ellenlange Bacchanal ist die reine Freude, wenn es so klingt wie hier: durchaus schmissig angegangen, aber mit zauberhaftestem Sirren und Flirren! Tannhäusers schmetterndes Preislied erinnert plötzlich an Francks geschmeidigen Gassenhauer. Formidabler Wagner, nix vagues nerfs, sondern elegance und clarté. Wer in diesem Venusberg nicht für immer bleiben will, muss wirklich eine teutonische Macke haben.

Am Samstag gibt es das Konzert noch einmal, dann ohne Reden. Das Festival Frankreich läuft bis zum 28. Februar, mit einer Spannbreite von Rameau bis Ibrahim Maalouf.

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