Aufhellend: Marek Janowski und das RSB spielen Mahler, Schönberg und Nielsens Dritte

Der Akkord! So wie die Kinder des Konzertgängers über einen Witz, den sie schon hundertmal gehört (oder erzählt) haben, immer wieder lachen, so erschrickt der Konzertgänger jedesmal von neuem, wenn in Gustav Mahlers Adagio  aus der unvollendeten 10. Symphonie der Akkord kommt: das dissonante Neunton-Ungeheuer. Marek Janowski lässt das Rundfunk-Sinfonieorchester nicht mal besonders laut spielen, aber das Blut gefriert einem in den Adern. Dabei hat man die ganze Zeit schon auf diesen Akkord gewartet.

Mit ihm verglichen wirkt beim frühen Schönberg alles harmlos, auch der Tod Toves, den das Lied der Waldtaube aus den Gurre-Liedern erzählt, hier in einer hörenswerten Fassung für mittlere Stimme und Kammerorchester, die Arnold Schönberg persönlich 1922 eingerichtet hat. Durch die kleine Besetzung, v.a. mit Holzbläsern, aber auch Klavier und Harmonium, kommt die Stimme wunderbar zur Geltung. Die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill ist nicht nur eine beeindruckende Erscheinung, sondern singt mit umwerfend verschwenderischem Vibrato – für eine gurrende Waldtaube ganz angemessen.

Mit den Gurre-Liedern sind wir schon in Dänemark. Das Konzert ist, janowski-typisch sachlich, der heimliche Höhepunkt des Musikfestes, erstens weil unsere eigenen Berliner Orchester letztlich doch die besten sind (poltere nicht, flüstert seine Frau dem Konzertgänger zu) und zweitens, weil hier die drei Schwerpunkte Mahler, Schönberg, Nielsen in einem einzigen Konzert aufeinandertreffen. Etwas viele Schwerpunkte, Mahler zu hören ist immer schön, aber mehr Nielsen wäre noch schöner gewesen, da seltener; aber in diesem Konzert geht es auf. Schönberg ist hier das Bindeglied zwischen Nielsen und Mahler, über den er schrieb: Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schriebe. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Featured imageCarl Nielsen ist mit seinen sechs Symphonien längst nicht so weit gekommen, und nirgends ist er von der Lösung der letzten Rätsel weiter entfernt als in der 3. Sinfonie Sinfonia espansiva (1910/11). Zum Glück! Viel einfacher gestrickt als die weltkriegserschütterte Fünfte, die das Royal Danish Orchestra gespielt hat, und die zerfledderte Sechste, die das Mahler Chamber Orchestra in einer Kammerversion vorgestellt hat, ist die Dritte genau das Richtige für die schöne Schwangere, die in der Pause im Foyer ihren Bauch streichelt: eine Extradosis Lebensenergie. Der begeisterte Schwung des ersten Satzes Allegro espansivo ist pure Freude, frei von jeder hässlichen vitalistisch-biologistischen Ideologie. Im folgenden Andante Pastorale summen Sopran und Bass im Block H stehend auf Aah, ähnlich wie in der (viel abgründigeren) Pastoral Symphony von Ralph Vaughan Williams: Da bekommt der Konzertgänger das Gefühl, ganz allgemein über der Weite des Lebens zu schweben. Ein gutes Gefühl! Das bis ins Finale anhält: ein hymnisches, mitunter etwas redundantes Finale mit viel Posaune. Es kreist vor sich hin, könnte ewig so weitergehen, aber das wäre gar nicht schlimm. Das Gegenteil des Akkords. Expansive Freude allseits!

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23. Mai 2015 – Himmelöffnend: Operettenfreuden mit Marek Janowski und dem RSB

Jeder Mensch ist ein Abgrund, auch Marek Janowski hat eine dunkle Seite: Als stilvolle Alternative zum Eurovision Song Contest bietet der unbestrittene Berliner Meister des klassisch-romantischen Repertoires zwei Stunden reines Operettenglück von Johann Strauß jr. und Franz Lehár. Eine schmerzliche Bildungslücke des Konzertgängers, Lehár kennt er vorwiegend von den sarkastischen Lehár-Karikaturen in Bartóks Konzert für Orchester und Schostakowitschs Leningrad-Symphonie. Also mit der ganzen Familie auf in die Philharmonie!

Dort sind keineswegs nur alte Damen, sondern auch jede Menge Kinder unterwegs, und es zeigt sich, dass auch auf sie der alte Operettenglanz eine strahlende Wirkung ausübt. Da seufzen alle Erwachsenen, flüstert der Konzertgänger seiner fünfjährigen Tochter zu, nachdem Paganini und Elisa geschmachtet haben: Niemand liebt dich so wie ich, bin auf der Welt ja nur für dich!Die Kinder seufzen auch, seufzt die Tochter. Sie ist schon für dieses Konzert gewonnen, als die stimmgewaltige Alexandra Reinprecht zum ersten Mal die Garderobe wechselt, vom laubfarbenen Rüschentraum für Vilja, das Waldmägdelein zum dunkelroten Kleid für Liebe, du Himmel auf Erden, ewig besteh‘! Mit dem hyperlasziven Meine Lippen, sie küssen so heiß stürzt Reinprecht später alle Hörer über 18 in schwüle Träume…

Ihr männlicher Partner Nikolai Schukoff, der kurzfristig Peter Sonn ersetzt, erweist sich als Glücksgriff, perfekt gibt er den dreiviertelseidenen Operettentenor. Unnachahmlich sein durch und durch unseriöses Fisteln beim …küss sie nur, dazu sind sie ja hier! So dubios kriegt das ein Jonas Kaufmann garantiert nicht hin. Wenn Reinprecht und Schukoff einige Walzerschritte machen oder einen erlösenden Kuss andeuten, bebt das Publikum von 4 bis 99 Jahren.

Zwischen den Léhar-Ausschnitten gibt es die Ouvertüren zum Zigeunerbaron, Waldmeister und der Nacht in Venedig, und man hört schon, dass Strauss streng musikalisch betrachtet eine Stufe höher steht als Lehár. Das Rundfunk-Sinfonieorchester leuchtet. Aber die Mischung macht’s, und wer kann schon der Glöckchenbalalaika in Es steht ein Soldat am Wolgastrand aus dem Zarewitsch widerstehen? Und bei Dein ist mein ganzes Herz sollte man auch nicht nur an Heinz Rudolf Kunze denken!

Janowski weiß, was sich gehört, bei der Tritsch-Tratsch-Polka als Zugabe gestattet er offiziell das Mitklatschen, fordert sogar mehr Dampf vom Publikum. So manche Dame, auch die Frau des Konzertgängers, hat das eine oder andere Tränchen verdrückt, aber alle sind sich einig: Bei jedem Walzerschritt / Tanzt auch die Seele mit!

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Und zum Vergleich: Fritz Wunderlich singt Dein ist mein ganzes Herz von Franz Lehár

Heinz Rudolf Kunze singt auch Dein ist mein ganzes Herz