12.8.2016 – Jugendstilrotbullig: Mahlers Dritte in Toblach

gustav-mahler-grandhotel-toblach-dobbiacoJugendstil statt Décadence: Im aus kakanischer Vorzeit auf uns gekommenen Grand Hotel Toblach, durch das der Geist Gustav Mahlers spukt, befindet sich heute eine Jugendherberge. Ebenso erfrischend ist es, wenn ein vorzügliches Ensemble junger Musiker, nämlich (Achtung:) Orchester und Chor der Musikakademie der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Konzertsaal des Grand Hotels einen Brocken wie Mahlers Sinfonie Nr. 3 wuppt. Angesichts dieses juvenilen Flairs hat der Konzertgänger seine sechsjährige, mit der Bernstein-Aufnahme wohlpräparierte Tochter mitgebracht, deren lebhafter Fantasie Mahlers blumige Klangsprache durchaus entgegenkommt.

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Ichlöschend: Ingo Metzmacher und das DSO spielen Xenakis, Mahler und Schönbergs ‚Jakobsleiter‘

Schon vor der Pause fließen Blut und Tränen: Iannis Xenakis‘ Shaar für großes Streichorchester (1983) ist Neue Musik für Slayerfans – was den Druck angeht, nicht etwa den Lärmpegel. Der hält sich in Grenzen, auch wenn der Anfang klingt wie der Angriff der Killerbienen. Oder ein Fliegerangriff. Die Energie von Shaar entsteht aus dem Wechsel von Gleiten und Pochen: einerseits heftige Glissandi, oft gegeneinander verlaufend, und mächtige Cluster, andererseits vehemente Tonwiederholungen. Schließlich völlig überraschend ein Einschnitt, zarte Töne: eine einzelne Geige beginnt zu singen, dann eine zweite. Xenakis ließ sich, wie man im aufschlussreichen Essay von Habakuk Traber erfährt, von einer kabbalistischen Legende inspirieren: Verfolgung durch das geballte Böse und, anders als in der Sage, Zuflucht durch ein geheimes Tor (shaar) aus der Welt. Auch allerlei mathematische (oder eher zahlenmystische) Elemente verstecken sich in der Komposition. Seltsame Angelegenheit, die stochastische Musik, aber Xenakis ist immer packend, das hat der Konzertgänger schon bei einem Streichquartett im Konzerthaus und der Oresteia im Parkhaus der Deutschen Oper erfahren. Faszinierend und perfekt gespielt, wie in Shaar der Klang am Ende ins Nichts verschwindet und dann noch einmal anschwillt. Der Konzertgänger merkt, dass er aus der Nase blutet.

Tränen dann bei Gustav Mahlers Kindertotenliedern. Die alte Dame neben dem Konzertgänger fängt zuerst mit dem Weinen an, im dritten Lied Wenn Dein Mütterlein tritt zur Tür herein. Dabei drückt das Deutsche Symphonie-Orchester gar nicht auf die Tränendrüse, auch wenn Ingo Metzmacher beim Dirigieren öfter in die Knie geht. Wiebke Lehmkuhl singt ergreifend, wenn auch nicht immer sehr textdeutlich; jedenfalls ist sie keine Konsonantenspuckerin. Die Kindertotenlieder sind ohnehin kaum zu ertragen, aber wie sie hier aus dem Xenakis-Inferno hervorgehen, steigert ihre Wirkung noch erheblich. Im Saus und Braus und Graus des fünften Liedes hat man den vorhergehenden Shaar-Sturm wieder ganz präsent. Kaum jemand entwirft so aufregende Programme wie Metzmacher. Auch hier am Schluss ein Tor, eher Resignation als Hoffnung: von keinem Sturme erschrecket, von Gottes Hand bedecket.

Featured imageHauptwerk des Abends ist Arnold Schönbergs Fragment gebliebenes Oratorium Die Jakobsleiter. Trotzdem ist die Philharmonie ausverkauft: Das können doch nicht alles Alttestamentler sein? Nein, im Foyer sieht der Konzertgänger auch den Bäcker aus seinem Kiez.

Die Jakobsleiter ist theologisch nicht so gewieft wie die spätere (ebenfalls unvollendete) Oper Moses und Aron, sondern hat noch viel von expressionistischem Menschheitsdrama. Von den kollektiv Jubelnden (famoser Rundfunkchor) bis zum einsam Sterbenden (Edda Moser, sprechend) treten die Erdenbewohner dem oberlehrerhaften Erzengel Gabriel gegenüber; die Sanftergebenen mit ihrem schwebenden Ja, ja erinnern sogar an Kurt Weill. Die Hauptattraktion des Stücks ist aber der Schluss, wo vier Fernensembles aus der Höhe die Musik in die Ewigkeit verwehen lassen – das dritte Tor an diesem Abend. Der Blick in andere Sphären beginnt mit einer Sologeige auf der Empore und endet mit dem sterbenden Ich, das in D SONDERPLÄTZE verlischt. Ein Sopran singt dort oben lange Vokalisen auf A. Übrigens eine merkwürdige Querverbindung zu Carl Nielsens 3. Symphonie, in der gestern zu ganz anderen Zwecken ähnlich gesummt wurde: Pastorale statt Transzendenz. Ob das Summen der Seele bei Schönberg geschmackssicherer und tiefsinniger ist als bei Nielsen, sei dahingestellt. Aber zweifellos ist es eine große Konzerterfahrung: einschüchternd und beeindruckend.

Mal den Bäcker fragen, was er dazu meint.

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Aufhellend: Marek Janowski und das RSB spielen Mahler, Schönberg und Nielsens Dritte

Der Akkord! So wie die Kinder des Konzertgängers über einen Witz, den sie schon hundertmal gehört (oder erzählt) haben, immer wieder lachen, so erschrickt der Konzertgänger jedesmal von neuem, wenn in Gustav Mahlers Adagio  aus der unvollendeten 10. Symphonie der Akkord kommt: das dissonante Neunton-Ungeheuer. Marek Janowski lässt das Rundfunk-Sinfonieorchester nicht mal besonders laut spielen, aber das Blut gefriert einem in den Adern. Dabei hat man die ganze Zeit schon auf diesen Akkord gewartet.

Mit ihm verglichen wirkt beim frühen Schönberg alles harmlos, auch der Tod Toves, den das Lied der Waldtaube aus den Gurre-Liedern erzählt, hier in einer hörenswerten Fassung für mittlere Stimme und Kammerorchester, die Arnold Schönberg persönlich 1922 eingerichtet hat. Durch die kleine Besetzung, v.a. mit Holzbläsern, aber auch Klavier und Harmonium, kommt die Stimme wunderbar zur Geltung. Die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill ist nicht nur eine beeindruckende Erscheinung, sondern singt mit umwerfend verschwenderischem Vibrato – für eine gurrende Waldtaube ganz angemessen.

Mit den Gurre-Liedern sind wir schon in Dänemark. Das Konzert ist, janowski-typisch sachlich, der heimliche Höhepunkt des Musikfestes, erstens weil unsere eigenen Berliner Orchester letztlich doch die besten sind (poltere nicht, flüstert seine Frau dem Konzertgänger zu) und zweitens, weil hier die drei Schwerpunkte Mahler, Schönberg, Nielsen in einem einzigen Konzert aufeinandertreffen. Etwas viele Schwerpunkte, Mahler zu hören ist immer schön, aber mehr Nielsen wäre noch schöner gewesen, da seltener; aber in diesem Konzert geht es auf. Schönberg ist hier das Bindeglied zwischen Nielsen und Mahler, über den er schrieb: Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schriebe. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Featured imageCarl Nielsen ist mit seinen sechs Symphonien längst nicht so weit gekommen, und nirgends ist er von der Lösung der letzten Rätsel weiter entfernt als in der 3. Sinfonie Sinfonia espansiva (1910/11). Zum Glück! Viel einfacher gestrickt als die weltkriegserschütterte Fünfte, die das Royal Danish Orchestra gespielt hat, und die zerfledderte Sechste, die das Mahler Chamber Orchestra in einer Kammerversion vorgestellt hat, ist die Dritte genau das Richtige für die schöne Schwangere, die in der Pause im Foyer ihren Bauch streichelt: eine Extradosis Lebensenergie. Der begeisterte Schwung des ersten Satzes Allegro espansivo ist pure Freude, frei von jeder hässlichen vitalistisch-biologistischen Ideologie. Im folgenden Andante Pastorale summen Sopran und Bass im Block H stehend auf Aah, ähnlich wie in der (viel abgründigeren) Pastoral Symphony von Ralph Vaughan Williams: Da bekommt der Konzertgänger das Gefühl, ganz allgemein über der Weite des Lebens zu schweben. Ein gutes Gefühl! Das bis ins Finale anhält: ein hymnisches, mitunter etwas redundantes Finale mit viel Posaune. Es kreist vor sich hin, könnte ewig so weitergehen, aber das wäre gar nicht schlimm. Das Gegenteil des Akkords. Expansive Freude allseits!

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Trop molle et trop dure: Iván Fischer, Philippe Jaroussky und das Konzerthausorchester spielen Dalbavie und Mahler

Nichts so schön wie der Jammer: etwas ganz anderes als Jammern. Es ist das passende Wetter für ein richtiges Lamento, durch Wind und Regen radelt der Konzertgänger Sonntagvormittag zur Philharmonie, wo das Konzerthausorchester für das Musikfest ein Auswärtsspiel gibt. Mit demselben Programm hat es am Freitag bereits im Stammhaus am Gendarmenmarkt seine Saison eröffnet; dort hielt Iván Fischer vor dem Konzert eine kurze Ansprache, die zeigt, warum man ihn auch jenseits des Musikalischen schätzen muss:

In der Philharmonie hat am Abend zuvor noch das Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons Mahlers Sechste gespielt: unbefriedigend, sagt der alte Herr, der neben dem Konzertgänger sitzt und jede Mahlersymphonie schon hundertmal gehört hat, kalte Perfektion, zu laut, nur gut, dass Nelsons nicht Philharmoniker-Chef geworden sei. (Dabei sind dieser und jener Kritiker hellauf begeistert.) Etwas entfernt unterhalten sich 3 Jungdirigenten über die entsetzlichsten Studentenkompositionen, die sie aufzuführen hatten.

Über Marc-André Dalbavies Sonnets de Louise Labé von 2008 dürften sie sich nicht beschweren, das ist ein beglückendes Klangerlebnis, komplex und abwechslungsreich komponiert und zugleich atmosphärisch dicht, als dunkelsüchtiger Teenager hätte der Konzertgänger solche Musik tagelang hören mögen. Hier dauert es 20 schöne Minuten. Philippe Jaroussky singt die Liebesklagen der Renaissance-Dichterin Louise Labé in perfektem When-I-Am-Laid-In-Earth-Sound: La vie m’est et trop molle et trop dure. Dalbavie komponiert mit viel Respekt für den Text, zum großen Teil syllabisch, manchmal rezitativisch, die feste Stimme des Countertenors schwebt in stabiler Schwermut über aufgefächerten Klangflächen, die sich mehrmals massiv zusammenballen. Im Sonett Lut, compagnon de ma calamité schreitet die Harfe (anstelle der Laute) minutenlang immergleich in die Tiefe, im letzten Sonett Ô longs desirs scheint der Streicherklang der Stimme einen mysteriösen Hall zu verleihen, bevor sie den Vers car ie suis tant nauree en toutes part (ich bin ja überall schon so zerschunden) mit ausgiebigem Melisma auf part zelebriert, eine zerschundene Koloratur sozusagen; am Ende verschmilzt die Stimme mit der Flöte.

Nach der Pause gibt es noch mehr vormittägliche Nachtmusik: Gustav Mahlers 7. Symphonie, die wegen des ordinären Finales seltener gespielt wird als ihre Schwestern. In der Mitte des Orchesters sitzt zwischen Celli und Bratschen das Tenorhorn, das sich aus der Blaskapelle ins Symphonieorchester verirrt hat; für den Konzertgänger ein bizarrer Gruß aus Südtirol, wo er bis vor wenigen Tagen war. Featured imageIván Fischer ist der vollkommene Dirigent für alles, was wie aus der Ferne klingt, die Mitte des 1. Satzes etwa und dann natürlich die 3 Mittelsätze: In der Nachtmusik I muss der Konzertgänger, als sich die Kuhglocken zu dem wiederkehrenden echoenden Horn gesellen, vor Glück die Augen schließen. Wie Fischer anschließend das schattenhafte Scherzo in Gang zaubert – dafür nähme man das Finale in Kauf, selbst wenn es 3 Stunden dauern würde. Doch zunächst bleibt die Musik im Zauberreich, in der Nachtmusik II, einer Serenade mit Gitarre und Mandoline.

Wie stets dann zu viel Dur im Rondo-Finale, das als Allegro ordinario beginnt. Fischer und das Konzerthausorchester machen das Beste aus diesem Satz, versuchen Freude statt Lärm zu evozieren, soweit die Paritur es eben zulässt. Wenn man den ersten Schreck überwunden hat, kann man es auch für mitreißende Musik halten, vor allem das irre Schlussspektakel; dem Konzertgänger kommt es trotzdem vor wie eine symphonische Dichtung über die Schrecken des Erwachens aus seligen Nachtgefilden.

So gut habe er Mahlers Siebte noch nie gehört, sagt der Herr, der jede Mahlersymphonie schon hundertmal gehört hat.

Eine Aufzeichnung des Konzerts wird am 19. September im Kulturradio gesendet.

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Philippe Jaroussky als Artist in Residence im Konzerthaus 2015/16