Schwön: Berliner Philharmoniker, Mitsuko Uchida, Amihai Grosz spielen Mozart, Walton, Kodály

William Walton (1902-83) / Quelle: Walton Trust

Das sei aber mal ein Bratschenkonzert, das alle Bratschenklischees vermeide, war neulich bei der Uraufführung eines (übrigens sehr schönen) modernen Bratschenkonzerts zu hören. Was aber sind eigentlich die Legionen von Bratschenkonzerten, die dem Bratschenklischee frönen?

Eine Antwort gibts bei den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, der sich gutgelaunt durch seine Abschiedssaison dirigiert. Und sehr schön ist William Waltons Violakonzert (1929, rev. 1962) übrigens auch. Um nicht zu sagen schwön. Weiterlesen

Ungeduldig: Berliner Philharmoniker und Marek Janowski mit Pfitzner und Bruckner

Berlin, wir müssen reden: Dieser Hammer-Bruckner der Berliner Philharmoniker ist nicht ausverkauft. Was geht schief in dir, Berlin?

Liegts am Bruckner vorangestellten Programm?

Der Zusammenhang von Hans Pfitzners Drei Palestrina-Vorspielen (1912-15) zu den thematischen Schwerpunkten „Monteverdi / Italien“ des Musikfests ist schon ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Aber so schön und kenntnisreich gespielt lässt man sich auch den ollen Pfitzner gefallen, rückwärtsgewandt hin oder her. Auch wenn man Pfitzner nicht ins Herz schließt. Weiterlesen

Tinnitusriskant: Berliner Philharmoniker und Rattle spielen Simon Holt und Bruckner

Mal wieder ein Anlauf von Simon Rattle Richtung Bruckner, er scheint es ernst zu meinen. Nächste Saison gehts weiter.

johann_wilhelm-preyer-gemaelde-pflaumeDoch zuerst gibts bei den Berliner Philharmonikern diesmal Surcos des 1958 geborenen Briten Simon Holt. Wie viel bleibt von einem sechsminütigen neuen Stück hängen, wenn danach noch Bruckners Achte folgt? Erstaunlich viel. Emmanuel Pahuds erregte Piccoloflöte über liegenden Streichertönen, die höher und höher steigen und, als sie ganz oben sind, schmerzhaft abbrechen – das wäre ein guter Schluss. Ist aber gut, dass es noch weitergeht, erstaunlich viele Klang- und Ausdruckssphären in so einem kurzen Stück, eindrückliches Harfentrio. Hell im Klang, düster in der Stimmung: licht depressiv.

Mit dem Etikett Appetithappen (Simon Rattle) scheint das unterbewertet, man hätte es gern gleich nochmal gehört. Weiterlesen

Glühend: Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern mit Mozart, John Adams, Tschaikowsky

Keine Hysterie am zweiten Tag, gut so. Nach den Berichten über Kirill Petrenkos erstes Icon_03027_Vhod_Gospoden_v_IerusalimKonzert seit seiner Wahl zum künftigen Chefdirigenten stand auch bei seinem Auftritt am Folgetag überkandidelte Euphorie zu befürchten wie bei einem SPD-Parteitag. Als bräuchten die Berliner Philharmoniker einen Erlöser! Aber zum Glück keine Klatsch-Ekstase vor dem ersten Ton, nur wohlwollender Applaus zur Begrüßung. Und am Ende gibt es zwar standing ovations, aber ohne dass Klatsch- und Bravo-Vordrängler die schreiende Stille nach dem Ersterben des letzten Pathétique-Tons zerstörten.

Bewies Petrenko im vergangenen Herbst mit dem Bayrischen Staatsorchester, dass er auch einem ätzenden Werk wie Strauss‘ Domestica Magie einzuhauchen vermag, ist sein Philharmoniker-Programm merkwürdig genug: Mozart, John Adams, Tschaikowsky. Worin besteht der Zusammenhang? Etwa in der klassikfernen Fünfzahl – bei Tschaikowsky der „Walzer“ im 5/4-Takt, in Mozarts Haffner-Sinfonie das irritierend fünftaktige erste Motto?

Was auf dem Papier beliebig scheint, erschließt sich dem Ohr.  Weiterlesen

Hörstörung (9): Eine Dame singt Tschaikowsky mit

Im zweiten, leider wieder einmal heillos zerhusteten und zerniesten Konzert des unverwüstlichen Dirigenten Zubin Mehta mit den Berliner Philharmonikern binnen weniger Tage (nach Shankar/Bartók am vergangenen Wochenende) kam es – nach einer prachtvollen und klangsatten Interpretation von Edward Elgars schwermelancholischem Violinkonzert h-Moll op. 61 durch Pinchas Zukerman – in Peter Tschaikowskys trotz aller Einwände immer wieder herzzerreißender 5. Sinfonie e-Moll op. 64 zu einer Hörstörung, wie man sie nun nicht alle Tage erlebt:

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4.3.2017 – Sitaresk: Berliner Philharmoniker mit Zubin Mehta, Ravi und Anoushka Shankar, Béla Bartók

Während zwei Kilometer weiter östlich der neue Boulez-Saal eingeweiht wird (Bericht vom 2. Eröffnungskonzert folgt morgen), begehen die Berliner Philharmoniker ihre eigene west-östliche Divanfeier: ज़ूबिन मेहता aka Zubin Mehta dirigiert zwei mächtige Cross-Œuvres. Nach der Pause Béla Bartóks ungarisch-europäisch-amerikanisches Konzert für Orchester, zuvor das Konzert für Sitar und Orchester Nr. 2 Raga-Mālā von রবি শংকর aka Ravi Shankar – jenem 2012 verstorbenen Meister der Sitar, der weiland George Harrison inspirierte und mit Yehudi Menuhin jammte:

Ravi Shankars auf 30 Ragas basierendes, im westlichen Sinn klassisch viersätziges Konzert wird in der Philharmonie interpretiert von der Tochter अनुष्का शंकर aka Anoushka Shankar, geboren im Jahr der New Yorker Uraufführung 1981. Weiterlesen

17.2.2017 – Aporkalüptisch: Simon Rattle & Berliner Philharmoniker spielen Ligetis „Le Grand Macabre“

Go, Hauptwerke des 20. Jahrhunderts, go! Eine Woche nach dem Violinkonzert mit Patricia Kopatchinskaja führen die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Simon Rattle schon wieder György Ligeti auf: die Oper Le Grand Macabre, als von Peter Sellars inszeniertes Konzert. Diese durchgeknallte Anti-Anti-Oper über den abgeranzten Untergangspropheten Nekrotzar im Breughelland passt natürlich bestens ins Jahr 2017, da ein miserabel getarnter Nekrotzar II gerade „mächtigster Mann der Welt“ spielt. Steht zu hoffen, dass der Abklatsch im Weißen Haus wie sein Ligeti-Vorbild bald vor Ärger einschrumpft und, sich hin und her kugelnd, im Boden versickert.

bruegel-deathLe Grand Macabre, 1978 entstanden, 1996 operngemäß überarbeitet (manche sagen geglättet), mag ein Werk für die Ewigkeit sein. Aber die Brillanz einiger Einfälle scheint doch ein Verfallsdatum zu haben, der Witz der konzertierenden Autohupen und Klingeln hat sich schnell abgenutzt. Insgesamt jedoch entwickelt Le Grand Macabre einen erstaunlich aggressiven und direkten Drive. Weiterlesen

11.2.2017 – Ohrend, herzend: Berliner Philharmoniker, Rattle, Kopatchinskaja spielen Ligeti, Rihm, Mahler

mahler_gustav4Diesmal kann kein Nörgler sich beschweren, die Programme der Berliner Philharmoniker wären zu seicht: Hier stellt der großartige, der unsterbliche György Ligeti nicht nur Rihm (und Boulez) in den Schatten, sondern selbst Gustav Mahler, dessen 4. Sinfonie G-Dur nach der Pause natürlich der planmäßige Höhepunkt des Konzerts sein sollte.

Und ist auch keineswegs missglückt. Den ersten Satz gehen die Philharmoniker unter Simon Rattle zwar nicht gerade Bedächtig an, nicht subtil abgründig. Stattdessen heizt der glöckchenklingende Schlitten von Beginn an unter Hochdruck dem Abgrund entgegen. Die gemächliche Bewegung des zweiten Satzes ohne Hast scheint voller sehr giftiger Spitzen, am wärmsten klingt paradoxerweise die um einen Ganzton höhergestimmte Solovioline von Daniel Stabrawa.

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26.1.2017 – Passioniert: John Adams‘ „The Gospel According to the Other Mary“ mit Berliner Philharmonikern und Simon Rattle

Das ist sehr anstrengend, völlig überfrachtet, stellenweise peinlich – aber hat eine Wucht, dass es gewiss der Höhepunkt der Residency ist, die der amerikanische Komponist John Adams diese Saison bei den Berliner Philharmonikern innehat. Und: Definitiv ist der Musikdramatiker Adams viel stärker als der Violinkonzertkomponist Adams, der im Herbst zu erleben war.

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16.12.2016 – Geschmackssachlich: Berliner Philharmoniker, Thielemann, Buchbinder mit Beethoven und Bruckner

Den dunkelwarmen Klang, den Metzmachers überragende Bruckner-Vierte beim DSO verweigerte, schenken Christian Thielemann und die Berliner Philharmoniker bei Anton Bruckners Symphonie Nr. 7 E-Dur im Übermaß. Drei Abende lang, hier geht’s um den zweiten.

Bei Metzmacher klang Bruckner ganz anders, als man ihn sich vorstellte, und das war gut so – aber auch Geschmackssache, ein älteres Ehepaar ging nach dem ersten Satz. Bei Thielemann klingt Bruckner, wie man ihn sich vorstellt, und das ist auch gut so, grandios, glorios. Aber ebenfalls Geschmackssache.

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