Schmalgratgackernd: „Die Hühneroper“ im Atze-Theater

Chicken Run and Sing im Atze-Musiktheater: Premiere für die Hühneroper, ein Bühnen-Ei-Festspiel für Kinder ab 5 Jahren. Kein leichtes Unterfangen, in einem Singspiel über das Leben auf einer Hühnerfarm musikdramatische Fantasie und das Thema Massentierhaltung unter einen Kamm zu bringen. Schließlich würde sich zu dem Sujet eine blutrünstige Bildersprache à la Calixto Bieito geradezu aufdrängen. Oder eine bratrünstige, wie neulich, als Peter Sellars zum heiteren Hühnermassaker in Janáčeks Schlauem Füchslein Videoloops von Hähnchenspießfressern laufen ließ. Durch drastische PETA-Realistik würde das junge Publikum zwar seiner Chickenwings nicht mehr froh; aber eben auch seines Lebens nicht.

Zarte Töne bringt vor allem die Musik ins Spiel. Welch feinen Klangsinn die Komponistin Sinem Altan besitzt, zeigen vor allem die leisen Passagen ihrer delikat instrumentierten Bühnenmusik (u.a. mit indischem Harmonium, algerischer Mandole und barocker Quintfidel). Sehr atmosphärisch der sonnig schwebende Klang, wenn die Hühner nach ihrem Ausbruch zum ersten Mal das Licht des Tages erblicken. Oder das große tremolierende Tutti, wenn das Bühnengeschehen sich dem Höhepunkt entgegenstreckt.

Der musikalische Schwerpunkt liegt altersbedingt auf eingängigen Songs von Thomas Sutter. Es wird tüchtig und kunstvoll gegackert im neunköpfigen Ensemble, nur in den Höhen merkt man gelegentlich, dass Hühner nicht fliegen können. Überhaupt lässt die Präsenz und Energie der Darsteller keine Langeweile aufkommen, die Regie (Göksen Güntel) hält das Ensemble gekonnt in Bewegung. Reizende Kostüme, flotte Kulisse. Dass ein so junges Publikum über fast 90 pausenlose Minuten still und konzentriert bleibt, sagt alles.

Good farm

Wenn der Erwachsene in Gestalt des Konzertgängers dennoch nicht ganz froh wird, liegt das an der Überdosis didaktischem Kraftfutter in Sutters Bühnenfassung eines Kinderbuchs von Hanna Johansen. Dem heiteren Agitprop für die Agrarwende will man das künstlerische Bio-Siegel nur unter Vorbehalt geben. Denn die vermenschlichten Tiere treten hier ja nicht als Spiegelbild des Menschen auf, wie es von Äsop über Reineke Fuchs bis zu Donald Duck der Fall ist, sondern sollen in echt eigener Sache für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft streiten, singen, spielen. So ein Plädoyer beißt sich aber in die Schwanzfedern, wenn den Tieren menschliche Bedürfnisse untergejubelt werden, etwa Sehnsucht nach dem blauen Himmel, den „echte“ Hühner überhaupt nicht wahrnehmen können. Solche gutgemeinte Schwärmerei ist selbst ein Symptom der Entfremdung von Tieren, da wandelt die Hühneroper auf einem schmalen Grat zwischen Aufklärung und Verdummung der Kinder.

Bad farm

Dass es hier um die Hühnerwurst geht, spüren die Kinder genau. Denn bei aller Bühnenheiterkeit hört man kaum Kichern, wenn es in der drangvollen Enge des Stalls um Hühnerhusten, Pusteln, Federpicken, Kannibalismus und Schlachten geht. Also doch fast Bieito-Stimmung im Saal voller Trockennebel und Hühnerfedern! Und als das junge Hühnchen (Justus Verdenhalven), das so gern singen und goldene Eier legen will, plötzlich ein flammendes Plädoyer für eine andere Landwirtschaft hält, gibt es spontanen Szenenapplaus. Die meisten Kinder kennen diese Argumente wahrscheinlich von ihren Eltern; wohlige Gesinnungsgemeinschaft, aber die Fantasie ist schon höher geflogen im reichen Repertoire des Atze.

Was zählen aber die Bedenken eines Erwachsenen in der Kinderoper? Die beiden Begleiterinnen des Konzertgängers sind angetan von der Hühneroper, die sechsjährige noch mehr als die achtjährige. Der einen haben alle Hühner am besten gefallen, der anderen das etwas rundliche. Nur die Songs waren den beiden in Reihe 3 gelegentlich etwas zu laut. Auf Chickenwings hat danach keine mehr Lust. Das spricht freilich nicht gegen, sondern für die Hühneroper.

Viele weitere Aufführungen in den nächsten Wochen.

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