Unvollendlich: Radu Lupu spielt Schubert

Radu Lupu ist kein Pianist für so eine Hitze. Im Grunde wirken 33 Grad im Schatten wie eine Unverschämtheit gegenüber Radu Lupu. Aber zum Glück ist der Pierre-Boulez-Saal (der soeben seine neue, wieder hochkarätige Saison 18/19 präsentiert hat) halbwegs radulupugemäß temperiert, sogar im geschwungenen Rang.

Was nicht bedeuten soll, Radu Lupu spielte seinen geliebten Franz Schubert lau. Die Kontraste im ersten Satz der Sonate a-Moll D 784 (1823) sind stark. Wo ein pp oder ff steht, schmuggelt Lupu kein m hinein. Die vier eröffnenden Töne suchen sich selbst, die unerbittliche Exposition ist dann wie in Stein gemeißelt. Der anschwellende Triller im Bass, von pp nach ff, ist ein aufregendes Ereignis.

Im abschließenden Allegro vivace bricht Lupu zwar erwartungsgemäß keinen Geschwindigkeitsrekord. Dafür, in den entsprechenden Passagen und wie schon zuvor im Andante, den Kantabilitätsrekord. Und auch wenn das Finale von technischer Vollendung einiges entfernt scheint, so wirkt es weit souveräner, als man nach den Eindrücken der letzten Jahren hätte fürchten können.

Der erschütternde Exzess in der Mitte des Andantino der im Todesjahr 1828 entstandenen A-Dur-Sonate D 959 führt Lupu erwartungsgemäß ebenfalls an technische Grenzen. Am heftigsten brodeln die leisesten Stellen. Der f-Moll-Rahmenteil ist indes weit entfernt von monoton-depressivem Fließen, die Stakkato-Eins bringt Takt für Takt immense Spannung hervor. Lupus Musikalität ist unkaputtbar.

Auch im ersten Satz dieser vorletzten Schubertsonate klangen manche Passagen verrauscht. Kein Klavierstudent würde das so undeutlich spielen, von Fehlgriffen zu schweigen. Aber was solls, Radu Lupu ist ja kein Klavierstudent mehr. Manche in Undeutlichkeit ersterbenden pp…-Stellen geraten zum Sterben schön.

Ebenfalls pro Lupu: Während jüngere Pianisten bei einhändigen Passagen gern bedeutungsvoll mit der freien Hand in der Luft kreisen und unhörbare Töne zu modellieren scheinen, reibt Lupu sich mit der freien Hand die Nase. Später auch mal mit der Linken das rechte Auge.

Und dann passiert im ellenlangen Schlusssatz der A-Dur-Sonate so etwas, worauf man ein ganzes Konzert lang wartet. Es klingt unaufhörlich, unvollendlich. Musik, in der keiner mehr etwas beweisen muss: weder Schubert (dem ein Jahr zuvor gestorbenen Beethoven) noch Lupu (den Becklösern und Tadelmessern). Schubert und Lupu sind Sonatensänger. Es fließt und singt und ist dabei das Gegenteil von Routine: immer wieder sind da plötzliche Anspannungen. Atemberaubend dann dieses Stocken irgendwo in den hinteren Regionen dieses unvollendlichen Finales.

Eine Krönung des Konzerts, auf die man zu Beginn nicht zu hoffen gewagt hätte. Da klangen die Moments musicaux D 780 wie aus der Erinnerung gespielt, einer Erinnerung an Großes zwar, aber doch einer sehr verwaschenen Erinnerung. Wie präsent ist dagegen die traumhafte Schluss-Zugabe, das As-Dur-Impromptu D 935, Nr. 2: solche fließende Selbstverständlichkeit und solche Poesie, von der man auch in den Moments musicaux geträumt hätte.

Ein Teil des Publikums führt sich unmöglich auf. Das ungehemmte Husten ist schon dreist genug. Aber dass einige Zuhörer mitten in den Stücken aufstehen und rausgehen, ist nicht nur gegenüber Radu Lupu so unverschämt wie die Hitze. Es zeugt auch von verqueren Maßstäben gegenüber dem Pianisten; so als ob man sich darüber ereiferte, dass ein 40jähriger Fußballstar nicht mehr so rennen kann wie ein 22jähriger. Wenn man zum Konzert des 72jährigen Radu Lupu geht, muss man schon bereit sein, nach anderen Qualitäten zu lauschen als Geläufigkeit. Nach Musikalität und Erinnerung.

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2 Gedanken zu „Unvollendlich: Radu Lupu spielt Schubert

  1. Möge Lupu lange leben und natürlich lange konzertieren.
    Ich bin ja der bescheidenen Meinung, dass man sich als Besucher antrainieren sollte, Nebengeräusche auszublenden, und damit den Musikern folgen sollte, die damit leider Gottes auch klarkommen müssen.

    • Idealerweise ja, aber in der Realität … irgendwie klar kommt man schon, dennoch. Ich prangere auch nur die ärgsten Fälle an, auf die Gefahr eines Ceterum-censeo-Mantras hin.
      Wie die Musiker damit klarkommen, ist die Frage. Ich erinnere mich, wie vor einiger Zeit Boreyko (glaube ich) erzählte, wie es ihn fertiggemacht habe, als ein Konzertbesucher mitten in der Sinfonie mit lautem Türenschlagen rausgegangen sei. Klar hat er weiterdirigiert und sich nichts anmerken lassen. Dennoch.

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