Obertonüberreich: Pierre Boulez‘ „Répons“ im Boulezsaal

Pierre Boulez im Pierre Boulez Saal mit dem Boulez Ensemble: Der thematische Schwerpunkt des Abends scheint klar. Darum gibts Boulez‘ Répons für sechs Solisten, Live-Elektronik und Ensemble gleich zweimal, zwischendurch spricht Dirigent François-Xavier Roth über Pierre Boulez.

Ist ja auch ein Hauptwerk des Maître d’Avantgarde, entstanden ab 1979, uraufgeführt 1981 in viertelstündiger Erstfassung in einer Donaueschinger Turnhalle, dann mit Weiterentwicklung der elektronischen Möglichkeiten angewuchert auf ein Dreiviertelstündchen. Es könnten auch noch sechs Viertelstündchen werden, verriet Boulez im Jahr 2000, aber dazu kam es nicht mehr. Vielleicht lässt sich ein Werk, das in diesem Sinne wächst, sowieso nicht im klassischen Sinn vollenden. Vor seinem Tod 2016 wünschte Boulez sich vom Architekten Frank Gehry, die Répons mögen in dem nach ihm benannten Saal aufgeführt werden.

Großes Hallo dementsprechend, am zweiten Abend begegnet man den Barenboims senior und junior (die auf Französisch parlieren) und der Komponistin Olga Neuwirth. Der Nachbar des Konzertgängers liest vor Beginn A Concise History of Mathematics von Dirk J. Struik, Fourth Revised Edition.

Es zeigt sich, dass das doppelte Hören der Répons dem Rezipienten mehr auf die Sprünge hilft als die erläuternden Worte dazwischen. François-Xavier Roth spricht zwar mit viel Charme, einigen Klangbeispielen und ansteckender Begeisterung. Aber manches bleibt auch im Ungefähren, nicht aus allem wird der Konzertgänger schlau. Ruft die Behauptung, in Takt 32 höre man die vertikale Zeit, nicht nach einer sprachanalytischen Hinterfragung? Vertikale Zeit, wtf, wie der Hl. Augustinus sinngemäß schrieb.

Ähnlich stehts mit der Sprachregel des Boulezsaals, man höre in der Ellipse des Raums ringsum gleich gut. Und, so Johannes Knapp im Programmheft, die Topographie von Répons habe nichts mit der traditionellen Orchesteraufstellung gemein. Hat sie wohl. Das 24köpfige Ensemble aus Bläsern und Streichern in der Saalmitte ist natürlich auf den Dirigenten ausgerichtet, und natürlich hört man es im Rücken des Dirigenten besser und detailreicher.

Anders ist es bei den sechs Solisten, die außenrum sitzen (vulgo an der Peripherie des Saals agieren), und bei der Live-Elektronik sowieso. Da führt der Platzwechsel in der Pause tatsächlich zu interessanten akustischen Verschiebungen, die sich nicht nach Gewinn und Verlust aufdröseln lassen.

Dieser äußere Kranz aus zwei Klavieren, Harfe, Cimbalom, Vibraphon und Xylophon/Glockenspiel tritt erst nach einer ausgiebigen Introduction hinzu, und der Effekt ist überwältigend: eine ungeheure Um- und Durchfunkelung des Saals mit Klang, ein Prasselregen aus Obertönen. Das ist ein Raumerlebnis sondergleichen; sinnlos, sich die Répons auf Youtube reinzuziehen. Musik für das denkende Ohr, wie sie der Boulez-Saal mit Berufung auf den Namenspatron verheißt, ist eben nur die halbe Wahrheit, das hier ist eminent sinnlich, fast dekadent.

Die plus ou moins perkussiven Soloinstrumente fungieren vor allem als Impulsgeber für die elektronischen Antworten und Fortspinnereien. Wie das klanglich verschmilzt und die Grenzen sich auflösen, ist imposant und impressionnant.

Doch während das nun alles wuchert, blubbert und proliferiert, kann das semi-denkende Ohr des Konzertgängers nicht anders als gelegentlich mit der Frage zu hadern, wohin die Reise denn geht. Ja, ein Kaleidoskop hat nun mal kein Ziel. Da kann einem eine Dreiviertelstunde, zumal wenn sie sich durch Wiederholung auf eine Sechsviertelstunde verdoppelt, schon mal zu etwas sehr vertikaler Zeit werden.

Dazu kommt die Überschwemmung des Gehörs mit Obertönen der vervielfachten äußeren Instrumente. Eine Hochdosierung, die die Geschmacksnerven des Konzertgängers nicht reizt, sondern überreizt und auf Dauer betäubt. Es gibt hier Phasen, da durchschauert es einen vor Klangglück. Aber eben auch Momente, da freut man sich, wenn man im Obertonsilberregen den Herrn hinter sich schnäuzen hört. Voilà, das ist mal ein klanglicher Kontrapunkt!

Muss man vor den avantgardistischen Wohlfahrtsausschuss, wenn man zwischendurch zu denken wagt, ohne Solisten und Elektronik gefiele es einem besser? Und dass es doch zu lang ist? Und dass Boulez‘ Elektrotüftelei für die neue Musik sogar ein klein bissl das gewesen sein könnte, was George Lucas für den Kinosound war – zumal wenn mans in der hyperaufgeräumten Toyota-Akustik des Boulezsaals hört? Auch eine Erkenntnis fürs halbdenkende Ohr …

Dann wieder ruft das gar nicht denkende Ohr: Mann, klingt das geil! Klänge werden da ausgeschüttet vom gregorianischen Abbé bis Zappa! Und dieser Schluss, wenn der Saal sich verdunkelt und der Klang kilometerweit in die Ferne verschwindet, als würde er vom All aufgesogen …

Finale Kosmos-Erfahrung, pas si mal que ça. Der Nachbar des Konzertgängers, der A Concise History of Mathematics las, wippt das Konzert lang mit dem Kopf mit. Dieses Ohr denkt nicht nur semi. Und empfängt dennoch die Fülle der Empfindung, vertikal wie horizontal.

Der Dirigent vulgo Koordinator François-Xavier Roth wirkt höchst kompetent, das Boulez Ensemble exorbitant flinkfingrig und koordiniert. Das ist gewiss mustergültig. Barenboim senior hat also ganz Recht, wenn er am Ende die Umsitzenden nötigt, sich sofort zu erheben und im Stehen zu applaudieren! Seine Nachbarn folgen der Ordre, wie auch nicht; am längsten renitent bleibt Barenboim junior, dann steht auch er auf.

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Ein Gedanke zu „Obertonüberreich: Pierre Boulez‘ „Répons“ im Boulezsaal

  1. Muss ich mir merken, Concise History of Mathematics hilft als Saallektüre bei Neuer Musik. Neuwirth ist da! Man hört immer besser, wenn Experten im Saal sitzen, wie irgendwo Aimard oder Bronfman in Berlin. Répons kenne ich leider nicht. Ich arbeite mich seit zwei Jahren an Notations und Éclat ab.

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