Musikfest 2019: Karajan-Akademie mit Susanna Mälkki

Einzige Komponistin und einzige Dirigentin beim diesjährigen Musikfest — Pflichttermin also! Aber ebenso Lusttermin, denn die Dirigentin der Karajan-Akademie im Kammermusiksaal ist Susanna Mälkki, und die Komponistin ist Olga Neuwirth. Wobei man schon mal sagen muss, dass beim stets jubiläumsfreudigen Musikfest (150 Jahre toter Berlioz heuer) ein Programm mit Werken von Clara Schumann, geboren 1819, gewiss kein Fehler gewesen wäre. Nicht an diesem Abend, nicht statt Neuwirth natürlich, sondern anstelle von – halten zu Gnaden – Beethoven und Schubert, die dieser Tage in ziemlich unmotivierten Interpretationen zu hören waren.

Ziemlich motiviert hingegen wird Johann Sebastian Bach durch die Mangel gedreht in Olga Neuwirths 2017 entstandenem Flötenkonzert Aello – Ballet mécanomorphe. Allerlei Schlag-, Blech- und Kupfergerödel ist im Rückraum der Bühne zusammengeschoben, aber das wird erst im zweiten Teil des Programms zum Einsatz kommen. Jetzt gibts eine feine Staffage ab für ein Stück, das klingt, als spielten die Mäuse nachts im verschlossenen Trödelladen ein Brandenburgisches Konzert nach. Und weils beim Trödler kein Cembalo gibt, hackt eben eine Maus (Matthias Kessler) konzis auf einer Schreibmaschine herum.

Die bezieht sich wiederum auf ein ziemlich grässliches Zitat von Colette (Bach klinge manchmal wie eine „göttliche Nähmaschine“), aber das bräuchte es gar nicht: Die Continuo-Wiederkehr auf der Olivetti klingt einfach schlüssig in diesem Werk, das die Londoner Proms (wo jüngst zahllose EU-Flaggen geschwenkt wurden) vor zwei Jahren in Auftrag gaben, mit ausdrücklich gewünschtem Bach-Bezug. Und es ist fast schade, dass in Aello dann noch ein echtes unechtes Cembalo vorkommt neben dem unechten unechten: nämlich vom Synthesizer hereingehudelt. Andererseits hat das eine ausgesprochen heitere Klangwirkung, wie Aello überhaupt, bei allem kompositorischen Anspruch, urkomisch ist.

Im Mittelpunkt steht die friedensstiftende Windsbraut und Elektra-Tochter Aello (Ἀελλώ), die kulturgeschichtlich – männlicher Diskurs at its worst – erst als schöne geflügelte Wunderfrau und später als hässliche alte Schabracke mit scharfen Krallen dargestellt wurde. Windsbraut bedeutet musikalisch natürlich Flöte, und der Solist Emmanuel Pahud überbläst, pustet, atmet, hechelt, japst, luftstößt mit so viel Sachverstand und derartigem Aplomb, dass er sich höchst verdient am Ende der guten Viertelstunde auf seinen Hochstuhl plumpsen lässt.

Susanna Mälkki führt die beeindruckend souveränen jungen Musiker der Karajan-Akademie sehr umsichtig und mit hohem Zeigefinger durch die abwechslungsreiche Musik, deren Motorik sich zwischendrin etwa mal in glasharmonischem Treiben auflöst. Diese Karajan-Akademie ist eine wichtige, verdienstreiche Institution; und neben der leitenden berühmten Dirigentin muss man hier wohl Gregor Mayrhofer erwähnen, der die Voreinstudierung besorgte.

Im zweiten Teil dann Gérard Griseys Quatre chants pour franchir le seuil: Musik über das Überschreiten der Schwelle zum Tode, komponiert 1998 kurz vor Griseys (überraschendem) Tod. Pahud setzt sich ins Publikum. Recht hat er. Auch im Konzertgänger hat sich nach ein paarmal Grisey die Erkenntnis festgesetzt: Man muss jede Gelegenheit wahrnehmen, Grisey zu hören. Der Trödelladen der Instrumente ist nun ausgefaltet, aber alles andere als wahllos. Drei Gruppen dunkler Instrumente bilden einen äußeren Ring, während ein innerer Ring um die Sängerin aus den hohen Instrumenten Geige, Flöte und Trompete besteht. Beim hoch gesungenen Wort ange (Engel) verschmilzt die Stimme der Sopranistin Juliet Fraser mit dem langen Ton der Trompete – eine von zahllosen betörenden Klangwirkungen dieses Werks, dessen teils kaum hörbare Zwischenspiele wie hereinwehende Nichtse scheinen. Ehrfürchtig gegenüber jedem Klang ist diese Musik, deren Tiefe aus der Erkundung der Obertöne besteht, ungeheuer sparsam und dabei überreich an Wirkungen im Ohr und im Herzen.

Liedvondererdige Abschieds-Stimmung dagegen bei den Harfenschritten und zitternden Gongschlägen, wenn die Sopranistin Fragmente von Sarkophag-Inschriften nachsingt (in doppelter Brechung übrigens, französisch übersetzt nämlich und mitsamt der Editions-Bezifferungen): … qui fait le tour du ciel … jusqu’aux confins du ciel … jusqu’à l’étendue des bras … Diese ägyptischen Bruchstücke stehen zwischen einem zeitgenössischen christlichen und einem antiken griechischen Gedicht. Im letzten Abschnitt aber vertonte Grisey Verse aus dem Gilgamesch-Epos: Diese konzentrierten Klänge exorzieren den ärgerlich tösenden Babylon-Schnulli von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk, der letztes Jahr an der Staatsoper über den Konzertgänger kam. Von geradezu hypnotischer Wirkung ist hier das finale Berceuse-Schaukeln. O Schwelle der geheimnisvollen Überschreitung, wir kommen, staunend und angstvoll und freudig

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