Musikfest 2018: Poppe modernisiert (und Trio Catch knackt Ohren)

Zwischen zwei Bruckners sollst du was Modernes hören, so will es das Gesetz. Und für das Moderne ist beim Musikfest Berlin, so will es dessen Gesetz, Enno Poppe zuständig. Ziemlich oft jedenfalls, und künstlerisch aus gutem Grund. Allerdings gibt es an den regelmäßigen Geldströmen der Berliner Festspiele durchaus Kritik aus der Perspektive freier Ensembles, wie sie etwa der Musikmanager Sebastian Solte im VAN Magazin formulierte. Der Konzertgänger mag nicht in Hauptstadtkulturförderungsschlünden versinken, sondern einfach Musik hören. Da kann es aber nicht falsch sein, vor dem großen Musikfest-Konzert des Ensemble Modern mit Enno Poppe erstmal um 18 Uhr nach Friedrichshain zu rauschen: Dort eröffnet das von Solte betreute Trio Catch im Radialsystem eine neue Reihe von Gesprächskonzerten unter dem Titel Ohrknacker. Gefördert aus Mitteln der Spartenoffenen Förderung des Landes Berlin und immer am Folgetag auch im Resonanzraum Hamburg zu hören. Bei freiem Eintritt, aber mit Klingelbeutel am Ausgang.

Das Konzept ist einfach und schlüssig: Ein Stück neue Musik wird zweimal gespielt, einmal am Anfang und einmal am Ende, und dazwischen wird drüber geredet. Wir wollen es erläuchtern, wie die ungarische Catch-Klarinettistin Boglárka Pecze in einer treffenden Mischung aus erläutern und erleuchten ankündigt.

Das 2017 entstandene, etwa zehnminütige Stück As if von Johannes Boris Borowski ist eine gute Wahl für den Auftakt. Es würde bereits bei einmaligem Hören gefallen, und beim zweiten Mal gefällts so gut, dass man es auch gern ein drittes Mal hören würde. Borowski stellt das Material seines Stückes sympathisch und sehr anschaulich vor, wenn auch etwas kleinteilig. Freilich muss ein Komponist nicht gleichzeitig Musikvermittler sein: Er vermag ja seine Kunst nicht unbedingt besser in anschauliche Begriffe zu übersetzen, als andere dies könnten; manchmal sogar schlechter, man denke an Bruckners berüchtigte Selbsterläuchterungen („der deutsche Michel“ in der Achten). Die sehr eloquente, charmante Pecze sollte also selbst das Heft in die Hand nehmen und besser den Komponisten befragen als sich befragen lassen. Aber das wird sich finden. Was unbedingt bleiben sollte, ist die entspannte Atmosphäre, in der das Publikum keine neunmalklugen Ko-Referate hält, sondern unbefangene Fragen stellt und Eindrücke schildert.

Ein wunderbares Konzept also, um taufrische neue Musik ins Ohr zu bringen. Der nächste Ohrknacker-Abend findet am 5. (Berlin) und 6. November (Hamburg) statt, mit einem Werk von Isabel Mundry, das zu hören der Konzertgänger schon Anfang des Jahres das aufregende Vergnügen hatte.

Ensemble Modern spielt Webern und Spahlinger

Danach aber ohrengeknackt und erläuchtert wieder zum Musikfest, zum Ensemble Modern mit Enno Poppe! Vom Radialsystem zur Philharmonie dauerts mit dem LIDL-Bike nur 18 Minuten. Dort gilts nicht dem Taufrischen, sondern der Repertoirebildung, dieser Achillesferse der neuen Musik. Denn irgendwas muss ja Repertoire werden, wenn wir nicht die Philharmonie dereinst in Philharmonisches Museum umbenennen wollen.

Selbst beim Klassiker Anton Webern ist ja der Repertoire-Status haarig. 40 Minuten Webern, bestehend aus 7 Werken mit insgesamt 24 Sätzen: Wann wird das dem Publikum im normalen Konzertbetrieb zugetraut? Freilich würde man auch manches dieser kurzen Stücke gern zweimal hören, um die Ohren zu knacken. Rattle machte das mal in einem normalen Philharmonikerkonzert, da wurde beim zweiten Durchgang doppelt so viel gehustet wie beim ersten. Hier aber ist der Saal nicht hustend voll, sondern eher gähnend leer – der Große Saal der Philharmonie ist immer noch ehrgeizig für so ein Programm. (Ob es da wirklich nötig ist, die Tickets am Eingang zum leeren Block A derart zerberisch zu checken, auf dass sich ja kein unbefugter Billigplatzler hineinpflanze?)

Später, determinierter Webern rahmt den frühen, freien: eingangs die wie gestanzt klingenden Variationen für Klavier op. 27 (1936) mit dem hochkompetenten Pianisten Ueli Wiget, ausgangs die Variationen für Orchester op. 30 (1940/41). Erstaunlich, welchen Zug die subtile Motorik phasenweise in die Determinations-Ödnis bringt. Aber doch für einen Hörer wie den Konzertgänger kein Vergleich zum Reichtum der zwischen 1910 und 1918 entstandenen frei-atonalen Werke, die das Ensemble Modern dazwischen spielt.

Die Fünf Stücke für Orchester opus 10 mit ihrem hochkomprimierten Farbenrausch sind nun wahrlich ein Klassiker und auch regelmäßig in normalen Abo- und Vanilla-Konzerten zu hören. Raritäten dagegen die insgesamt neun Lieder, die die Sopranistin Caroline Melzer singt: mit vorzüglicher Diktion und so durchdacht wie intensiv gestaltet. Sehr interessant In der Fremde und Die Einsame nach Texten aus Hans Bethges Chinesischer Flöte, der Mahler sein Lied von der Erde entnahm. Hier hören wir aufwühlend die Piccoloflöte, während Melzer singt Ich habe meine Lampe ausgelöscht .

Zwei Lieder hat Webern auch auf Selbstgedichtetes verfasst, und da darf man feststellen, dass er als Poet gegenüber den ebenfalls von ihm vertonten Rilke und Trakl nicht satisfaktionsfähig war (Träumend erschließt sich die Frau).

Die Sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9 indes profitieren sogar von Beethovens ohrknackender Vorleistung: Denn diese hohe Verdichtung der Figuren, die sich doch jederzeit ins Fließen zu lösen vermag, ist man ja von dessen späten Streichquartetten hörgewohnt. Der Titel tut ein übrigens, Vertrautheit zu schaffen. Anton Weberns Musik ist alles andere als ein Bagatellrelikt.

Und wie stehts nun um die Repertoirebildung für die letzten zwanzig, dreißig Jahre? Mathias Spahlingers passage/paysage von 1988-90 ist ein gewichtiger Kandidat. Ein Werk, das über 45 Minuten stets atemberaubend neue Wege geht:Das beginnt mit den verzerrten Eroica-Anfangs-Akkorden, die einem verbeulten Urknall gleichen (Martina Seeber). Der gewaltige Spannungsbogen hält auch in der minutenlangen Beschäftigung mit einem einzigen Akkord, der sich immerzu leicht verschiebt. Minimalismus ohne Tonalität ist doch interessanter, stellt man fest. Auch eine Episode purer Blas- und Strichgeräusche gibt es, aber erst nach einem infernalischen Ausbruch des großen Orchesterapparats. Das Ganze endet in einem urlangen Pizzicato-Ritus, bei dem 58 Streicher sich die Fingerkuppen wundzupfen, erst unisono, dann mit immer breiter werdender Streuung, unmerklich zunächst, dann enorm. Ungeheure Passage, das.

Schließlich reißt das Stück ab, im wörtlichen Sinn.

Freilich gibt es auch Momente, in denen der Ersthörer unauffällig danach schielt, wie viel von der Partitur wohl noch umzublättern ist. Und würde man anders hören, wenn ein Dirigent nicht mit so eckigen Bewegungen leiten würde wie Poppe, sondern rund und fließend wie bei einem Brucknerdirigat? Kurz, wann wird Gelegenheit sein zum zweiten Hören? Bei einem großen Sinfonieorchester in einem „normalen“ Konzert? Gehalt und Spektakel hat diese Musik ja im Überfluss.

Vielleicht braucht es dazu einfach Geduld. Denn Spahlinger beantwortet im hochinteressanten Interview mit Martina Seeber die Frage, was neue (oder Neue) Musik eigentlich sei: Die Neue Musik hat eine Revolution erfunden, die nicht wieder in Konventionen gemündet ist. An solche Freiheit muss der Mensch sich gewöhnen, auch wenns ein paar hundert Jahre dauern sollte. Und so mag Spahlinger recht haben, wenn er sagt: Die Neue Musik steht am Anfang.

Beim Musikfest gehts erstmal weiter mit – Bruckner (und davor Webern, immerhin). Steht Bruckner auch immer am Anfang? Mal hören. Und hier gibts, solange bis wirs im Repertoire hören können, Spahlingers Klassiker in der erläuchternden, ohrknackenden Ersteinspielung mit dem SWR-Orchester Baden-Baden und Michael Gielen:

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