6.12.2015 – Maximalinvasiv: „Aida“ an der Deutschen Oper

Es ist leicht, gegen diese Aida zu sein. Trotzdem fühlten der Konzertgänger und seine Frau sich genötigt, zumindest zur Pause (nach dem II. Akt) angesichts des Buhschwalls vom Rang zu den Bravo-Rufern zu halten. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

Der Regisseur Benedikt von Peter (dessen Name von der beleidigten Eleonore Büning in der FAZ bewusst verschwiegen wurde, um ihn zu bestrafen) nennt sein Konzept großspurig musikalische Raumarchitektur: Das Orchester wird hinten auf der Bühne platziert, vorne singen nur die drei Hauptfiguren dem Publikum direkt ins Gesicht (es gibt sogar eine Rampe bis in  Reihe 8), während der Rest der Solisten vom Rang und aus dem Off tönt. Das eigentliche Ereignis ist der Chor, der im gesamten Raum inmitten des Publikums verteilt ist.

Das bringt Vor- wie Nachteile mit sich. Beginnen wir mit dem

Minus:

Am gravierendsten sind erhebliche musikalische Kollateralschäden. Während man sich im Vorspiel noch freut, das Orchester mal nicht aus dem Loch zu hören, schlägt der Effekt ins Gegenteil um, sobald gesungen wird. Es ist ein höchst seltenes Opernerlebnis, dass die Sänger das Orchester übertönen. Wo Verdi die Begleitung ganz schlank macht, bekanntlich an den schönsten Stellen (begonnen mit Numi, pietà), ist das musikalische Gefüge futsch. Wenn der Chor singt, findet Orchester nicht mehr statt. Nichts gegen den kompetenten Dirigenten Andrea Battistoni, der dem Chefdirigenten des Twin Peaks Symphony Orchestra ähnelt; er hält tapfer den bis in die letzten Winkel des Opernhauses verteilten Laden zusammen, indem er windmühlenartig mit den Armen rudert (wie die bewunderungswürdige Leiterin des Musikschulorchesters, in dem die Tochter des Konzertgängers spielt). Aber Kohäsion klingt anders. Ungetrübten Orchestergenuss gibt es nur in den Ballettszenen.

Die Nebenfiguren singen vom Rang, was okay klingt, aber auch mit Verstärker aus dem Off, was nicht okay klingt (schade um die schöne Stimme von Markus Brück als Amonasro). Die Bühne gehört ausschließlich Aida, Amneris und Radames. Ausgerechnet in der Schlussszene entfleucht auch die herumgeisternde Aida in die Loge: Die Idee, im Schluss nur eine männliche Illusion zu sehen, ist inhaltlich plausibel (die Regie setzt dann noch eins drauf und lässt als einzige Amneris sterben), aber musikalisch ist es ein herber Verlust, dass das Verschmelzen oder zumindest Aneinanderschmiegen der Stimmen ausbleibt.

Die drei Protagonisten singen solide, aber nicht herausragend, sind ja auch durch die Umstände der Inszenierung vor allem als Leistungssportler gefragt. Man vermisst zunehmend das hauchzarte Pianissimo. Alfred Kim ist als Radames aber durchaus packend. Tatiana Serjan als Aida scheint, wenn man ihrer Körpersprache glaubt, die ganze Chose nicht zu passen, beim Schlussapplaus redet sie mit verschränkten Armen aufgeregt auf ihre Nachbarin ein. Anna Smirnova als Amneris würde mit ihrer etwas schrillen Stimme am stärksten von größerer Distanz zum Publikum profitieren. Für Freunde des Belcanto ist hier wenig zu holen.

Aber Aida ist nicht Donizetti, sondern später Verdi; darum gibt es auch ein

Plus:

Dass Aida ein Zwitterwesen aus Massen-Ausstattungs-Oper einerseits und psychologischem Kammerspiel andererseits ist, wird oft als Dilemma dieser schrägen Oper beschrieben. Wenn die Regie nun alle kollektiven Mächte als geschlossenen, kaum mehr individualisierten Apparat in den totalen Raum schiebt und die Bühne den vereinsamten und völlig ohnmächtigen Figuren Radames, Amneris und Aida vorbehält (Zitate B. von Peter), durchschlägt sie diesen gordischen Knoten. Den Triumphmarsch hat man noch nie so verstörend erlebt wie hier, glanzvolle Horrormusik, die Radames als Verlorener ertragen muss, statt Orden Zeitungsschnipsel von syrischen Kriegsgräueln an die Brust geheftet. Fantastisch!

Den Chor so zu erleben wie hier ist grandios, von überall kommen die Stimmen und ergeben doch ein perfektes Ganzes. Man sitzt im Gesang, im guten wie im bösen: magisch und mystisch in den leisen Phta-Anrufungen, ohrenbetäubend bis über die Schmerzgrenze im Kriegsgeschrei und Triumphjubel. Ja, das ist keine Elefantenparade im Zirkus, sondern KRIEG.

So intensiv wie hier war die erste Hälfte der Aida wohl kaum je zu erleben. Aber sie hat eben auch eine zweite Hälfte, da wird das Konzept  problematischer.

Fazit:

Ein interessantes Regiekonzept mit bedenklichen musikalischen Nebenwirkungen, die durch die äußerste Intensität vor allem der ersten Hälfte teilweise wettgemacht werden. Eher kein Geschenk zum 75. Geburtstag der Schwiegermutter, die immer noch von der Arena in Verona schwärmt. Ebensowenig für den Belcanto- und Kohäsionspuristen. Wohl aber für den Theaterfreund, dem alles Laue ein Gräuel ist.

Aus kulturpessimistischer Sicht muss man wohl anmerken, dass Peter zu einer neuen Generation von Opernregisseuren gehört, die sich im Gegensatz zu den musikalisch viel gebildeteren alten Haudegen wie Hans Neuenfels auch an der Musik vergreift.

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12 Gedanken zu „6.12.2015 – Maximalinvasiv: „Aida“ an der Deutschen Oper

  1. lach, nein Sie hatten das mit der Schwiegermutter ja geschrieben. Ich mag natürlich auch mit meiner Meinung daneben liegen, aber ich empfand das so. Na Ihr Konzert gestern Abend, war ja auch nicht gerade so der Hit. Ich hatte mich auch gewundert, wie man die Karmeliterinnen so bringen konnte, und dann nur so als Häppchen..

  2. Guten Morgen, vorab zwei Dinge, bin an Brücks Raucherecke gestern nicht vorbeigekommen und es gab keine Buhs, nur vor mit zwei schüchterne von einem älteren Ehepaar ( Ihre Schwiegereltern? 🙂 ) Brück sang m.E. gestern ohne Mikro. Der Ramfis des Russen, war leicht krächzend, markant Jerkunika. Das Dirigat und Orchester bis zum letzten Ton packend, über den Chor kann ich nur strahlen und beglückt sein. Serjan dieses Mal mit wirklich berückenden Pianotönen, vor allem in ihrer ersten Arie, im Nilakt einfach zum hinknien und auch so Piano wie möglich. Smirnova am Beginn etwas krächzend und schrill, dachte schon oh, aber dann großartig mit tollen Tönen und im letzten Akt in dem großen Duett einfach umwerfend, ohne jede Schäre. Und Kim, genauso wie Sie schreiben. Nicht der übliche Haudrauf Tenor, sondern mit tollen Zwischentönen und Differenzierungen mit nie erlahmender Strahlkraft. Fazit, auch von Bekannten die sogar 3x drin waren, die letzte Aufführung, war wieder, wie beim Vasco, die beste. Und noch zu Regie, ich hatte mich ja von Anfang an mit angefreundet und bleibe dabei, allerdings immer solch Inszenierungen brauch ich auch nicht, wird aber bei diesem Regisseur wohl so bleiben, wenn man seine bisherigen Arbeiten so betrachtet, wenn auch nur in Kritikerform

    • Gut, dass Sie standhaft bleiben! Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich Ihnen die Aida madig gemacht hätte.
      Bezüglich meiner Schwiegereltern muss ich Sie enttäuschen, die leben erstens in einem anderen Land und gehen zweitens nie in die Oper, und wenn, würden sie niemals buhen!
      (Genau genommen war mein Schwiegervater einmal in seinem Leben in der Oper, vor 50 Jahren in Wien; und raten Sie mal, in welcher.)

  3. Ah, wir saßen Reihe 11, nur wenige Meter von der Rampe entfernt, das macht sicher viel aus.
    Brück am Nil klang sehr nach Mikro, da müsste mich mein Gehör schon sehr täuschen, wenn nicht. Aber fragen Sie gern mal nach! Wir sind übrigens auch immer fasziniert, ihn unten beim Rauchen zu sehen; wie auch die Orchestermusiker mit Bier in der Pause, aber bei Kontrabässen fällt das vielleicht nicht so auf.

  4. der letzte Satz gefällt mir sehr gut -:) War in der DO, wurde nur Parkett verkauft und war knackenvoll. Ich werde Donnerstag noch mal besonders drauf achten, vorige Woche 23 links, und Donnerstag 26 rechts. Mit Brück gebe ich Ihnen recht, mal sehen, ob ich ihn sehe, er steht ja immer am Restaurant und raucht. Werde ihn mal fragen, vermute sogar das er mit Mikro singt, hatte ich das Gefühl, vor allem so er singt. In der Probe hat er hinter den Gittern seitlich der Bühne in Höhe des ersten Ranges gesungen, da klang es ähnlich

  5. Ich werde mich zu den Sängern am Donnerstag noch äussern. Nur bei Serjan gebe ich Ihnen recht, das hauchzarte im Nilakt fehlte mir auch. Bei Smirnova ist das so eine Sache, die ist unheimlich tagesabhänging. Habe innerhalb einer Serie, egal in welcher Partie jedesmal von hellauf begeistert bis 🙁 Aber ich finde, das sie die Trusche, die sie darstellen muss, mit dem etwas schrillen schon trifft. Aber mal sehen wie es am Donnerstag wird. Im Übrigen, die Dritte, für mich als nicht Konzertgänger ein überwältigendes Ereignis, hab richtig geheult. Fast 15 Minuten Standing Ovations

    • Wir sind natürlich in Berlin von guten Sängern verwöhnt, und Markus Brück in Nebenrollen legt die Latte für die Hauptrollen sehr hoch. Die arme Amneris fand ich eh zu karikaturhaft, aber ich habe ja angedeutet, etwas weiter entfernt (hinter dem Orchester) hätte mir Smirnova sicher besser gefallen. In welcher Reihe haben Sie denn gesessen bzw sitzen Sie Donnerstag?
      Mahlers theatralische Dritte können Sie als Opernfreund auf jeden Fall kompetent beurteilen! Und Ronnita Miller hätte mich auch verlockt.
      Irgendwann lege ich mir zwei Klone zu, einer arbeitet, einer liest zuhause Gutenachtgeschichten vor, dann kann ich endlich jeden Tag ins Konzert gehen…

  6. Tja, da bin ja nun ganz anderer Meinung, was die negativen Seiten betrifft, und freue mich schon auf Donnerstag. Bei der 3. Vorstellung in der ich war, gab es keinerlei Buhs, die Einschätzung der Sänger finde ich total daneben… 🙁

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