Entgrenzend: Vladimir Jurowski stellt 2019/20 vor und den Gustav dem Brahms gegenüber

Dirigent zieht, Orchester schiebt – in dieselbe Richtung

Was Berlin am Dirigenten Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester hat, zeigt nicht nur das jüngste Konzert mit Brahms und Mahler (mehr dazu unten), sondern auch der Ausblick auf die kommende Saison. Die steht unter dem Motto grenzenlos und wurde am passenden Ort vorgestellt: nicht auf der Bornholmer Brücke, aber immerhin im Max-Liebermann-Haus – „wenn Sie nach Berlin reinkommen, gleich links“. Seinen Vertrag beim RSB wird Jurowski, zur allseitigen Freude, bis 2023 verlängern, einige weitere Jahre sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Das Orchester scheint indes zu beinah grenzenloser Mehrarbeit aufgelegt: Neun tarifvertragserschütternde Stunden (mit Pausen) wird die Aufführung von Abel Gances Stummfilm La Roue dauern, den das RSB mit Frank Strobel am 14. September begleitet. Zur Saisoneröffnung aber dirigiert Jurowski in Berlin und in Bukarest eine konzertante Frau ohne Schatten, und zwar ohne Striche, so dass man statt vom FroSch vom FroSt sprechen könnte. An der New Yorker Met, erzählt Jurowski, musste er einmal vertraglich zusichern, sämtliche Mehrkosten selbst zu tragen, wenn sein FroSt die 23-Uhr-Grenze überschreiten würde.

Wichtiger als die zeitlichen sind aber die inhaltlichen Grenzüberschreitungen: Gleich zu Saisonbeginn gibts mehrmals den schmählich selten gespielten George Enescu (einen Termin dirigiert der Debütant ​Gabriel Bebeşelea), angedockt an ein kleines externes Enescu-Festival. Jakub Hrůša bringt im Januar was noch Unbekannteres von Suk mit, das Sommermärchen Pohádka léta. Den Xenakis, den das RSB zum Advent in der Elbphilharmonie spielen wird, hätte man gern in Berlin; aber dann müssten die Berliner eben auch hingehen. Andrey Boreyko wird ein Konzert dirigieren, in dem man das spontane (Vor-)Urteil abgeschmackt! wird überprüfen können, nämlich Górecki plus Orgelsinfonie. Jurowski selbst dirigiert zwölf Programme, darunter erstmals beim RSB Anton Bruckner (die 3. und die 5., blomstedtisch kombiniert mit Wiener Klassik).

Unermüdlich und gewissenhaft scheint Jurowski darüber nachzudenken, welchen Platz ein klassisches Orchester heute in der Gesellschaft hat. Und warum überhaupt. Das Motto grenzenlos überschreitet so die Grenze zwischen den Spielzeiten, denkt das Motto Der Mensch und sein Lebensraum der laufenden Saison weiter: Grenzziehung und -überschreitung als „Ökologie der Seele“ (Jurowski), zugleich natürlich ein Bezug auf all die neuen Abgrenzungen und den Willen zur hermetischen Identität, der gerade überall böse politische Urständ feiert. So ambitionierte Themensetzungen, und zwar ohne in luftiges Gerede zu verfallen, sondern musikalisch enggeführt, gabs in Berlin zuletzt vor Jahren beim DSO unter Ingo Metzmacher.

Der ehemalige RSB-Chef Marek Janowski, der mit sowas weniger am Hut hatte, aber dollen Bruckner kann, der kehrt anscheinend gar nicht mehr wieder. Dafür ist dem RSB mit der neuen Ersten Gastdirigentin Karina Canellakis ein Coup gelungen, wie man nach dem Eindruck des DSO-Konzerts mit dieser Dirigentin vor wenigen Tagen sagen muss. Gespannt sein darf man auf den aus Serbien stammenden Marko Nikodijević, der die Nachfolge von Brett Dean als Composer in Residence antreten wird.

Außerdem gibts ausgiebige Kinder- und Jugendprogramme (z.B. mit der Komponistin Sinem Altan) und sinnig aufs Großprogramm bezogene Kammermusik, u.a. mit Werken von Ernest von Dohnány und Thomas Adès. Die sieben letzten Worte des Erlösers zu Haydn aber wird György Kurtág sprechen. – – – ZUR SAISON 2019/2020

BLUMINE UND SEELENPRANKE

Mahler (Symbolbild)

Grund zur Freude bietet aber nicht nur die Zukunft mit Jurowski und dem RSB, sondern bereits die Gegenwart. So wie das Konzert vom vergangenen Sonntag im Konzerthaus Berlin. Gustav Mahlers 1. Sinfonie D-Dur gab es da wie aus dem Lehrbuch, ideal proportioniert bis in die Exaltationen, etwa das lustige, von Mahler vorgeschriebene Aufstehen der sieben Hörner in der Jubelfinal-Coda (bei Brahms eher nicht vorstellbar). Als weitere Steigerung ginge ja höchstens noch kollektives Hüpfen aller Musiker. Dabei wirken alle Temporückungen und die ganze dynamisch-agogische Dramaturgie derart durchdacht, fast pingelig, dass man wieder schwer impressioniert ist. Und doch ist es das Gegenteil von glatter Perfektion, es glüht und pulst und weint und lacht. Jurowski lässt an zweiter Stelle das Andante allegretto spielen, das Mahler später strich, den sogenannten Blumine-Satz. Ein Gewinn im Gesamtkonzept, auch weil er das faszinierende Gefühl verstärkt, sich hier im Laboratorium der Mahler-Sinfonik umzuhören, der Urküche. Außerdem erhöht der harfenzirpige Blumine-Schluss die Wirkung des schlagkräftigen Einsatzes des folgenden Kräftig bewegt ganz beträchtlich.

Brahms (Symbolbild)

Nur wie viel Mahlers Erste und Johannes Brahms‘ 2. Klavierkonzert B-Dur (deren Entstehung bloß ein paar Jahre auseinander liegt) sich zu sagen haben, daraus wird man nicht ganz schlau. Trotzdem hört man den vorhergehenden Brahms sehr gern, auch wenn das ursprünglich geplante 1. Klavierkonzert vielleicht eher gepasst hätte.

Der Pianist Nicholas Angelich nimmt nämlich nicht nur dadurch für sich ein, dass er ein in Paris lebender Amerikaner mit montenegrinisch-ungarisch-rumänisch-armenisch-slowakisch-serbischen Wurzeln ist, also quasi grenzenlos. In Berlin ist Angelich bisher wohl kaum vorstellig geworden. Er ähnelt, obwohl noch keine fünfzig, ein bisschen Yefim Bronfman, bekommt aber beim Verbeugen den Kopf bis zu den Kniescheiben runter.

Vor allem aber ist er ein klassischer „Brahms-Pianist“, eine Spezies, die vom Aussterben bedroht ist wie das Sumatra-Nashorn. Pranke und Seele, eine luzide Wuchtbrumme. Das ist nicht so ein zauberfederndes Brahms Zwo wie neulich mit Schiff/Fischer. Wenn Angelich zulangt, wackeln die Kronleuchter im Konzerthaus. Wenn seine Finger flitzen, spritzt der Geist. Wenn sein Klavierspiel singt, tränen die Herzen. Aber es ist immer sachgemäß, nie schwülstig. Ein bisschen erschlagen fühlt man sich schon, aber es fühlt sich gut an, dieses Erschlagensein. Wird Brahms‘ 2. Klavierkonzert manchmal als Sinfonie mit obligatorischem Klavier bezeichnet, so hätte das hier (nicht formal, sondern klanglich) glatt was von Klaviersonate mit obligatem Orchester. Wenn, ja wenn das Orchester nicht so gut wäre mit seinen extragenauen Kontrasten oder den extraweichen, schwingenden Hörnern von Beginn an oder dem extra-innigen Cello-Gesang im Andante. Wie überhaupt die RSB-Solisten höchst entzücken, auch in Mahlers Erster, dort allen voran die Trompete im Blumine-Satz und die Oboe.

Wie gesagt, was Berlin an Jurowski und dem RSB hat, etc pp. Berlins bestes Orchester, frohlockt gar nach diesem Konzert ein bekannter Intensivhörer (der nicht der Konzertgänger ist). Mit den zwei Repertoire-Schlachtrössern Brahms und Mahler ist der Saal auch mal ausverkauft; das würde auch und gerade bei ausgefalleneren Sachen lohnen. Zum Beispiel beim heimlichen Höhepunkt der laufenden Saison am 19. Mai. Da trau dich hin, Berlin.

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2 Gedanken zu „Entgrenzend: Vladimir Jurowski stellt 2019/20 vor und den Gustav dem Brahms gegenüber

  1. Freut mich, dass Jurowski verlängert, ganz sicher war man sich nicht, insbesondere wegen des Wechsels nach München. Schön, dass das RSB mit der Verpflichtung von Canellakis sich mutig zeigt. Und schön auch der Haydn-Abend mit Wellber, die Mischung Tschaikowsky, Britten, Verdi, Elgar mit Bostridge im April 2020 hingegen ist preisverdächtig. Zweischneidig ist stets die Benamsung von Konzerten, aber solange das nicht zu abgehoben klingt… „Freude und Schmerz“ für Haydn Concertante und Bruckner 3. ist ja fast schon gut. Ich bin mal gespannt, ob sie die Frau ohne Schatten ausverkauft bekommen.

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