Dreiweiblich: Kurzopern von Ibert, Poulenc, Ravel an der UdK

Notiz ans Selbst: öfter mal das junge Gemüse besuchen. Denn was die Berliner Musikhochschulen so auf die Bretter stellen, ist à la bonne heure. Was nun die jüngst gezeigte Einakter-Triplette unter dem Titel Trois femmes mit Stücken der drei Non-femmes Jacques Ibert, Francis Poulenc und Maurice Ravel an der Universität der Künste angeht, hängte sich ein Intensiv-Musiktheatergänger gar dergestalt aus dem Fenster, dies sei der Höhepunkt seiner Berliner Opernsaison gewesen. Was durchaus als Sottise gegen den Berliner Opernbetrieb gemeint war; aber dennoch eine hohe Anerkennung für diese wunderbare Produktion ist, deren trois heures wie im Fluge vergehen.

Da die Sonntagsvorstellung leider schon die Dernière von vier Aufführungen war, hier nur wenige Worte: Die Reihenfolge der drei Stücke, in denen je eine Frau im Mittelpunkt steht, ist klug gewählt. Das unbekannteste Stück, Iberts Angélique von 1927, mag auch das schwächste sein. Aber sehr amüsant ist dieser Musiktheatrette gewordene Frauenschmähwitz allemal, in dem ein gepeinigter Ehemann seine dauerfuriante Gattin verkaufen will, sie jedoch von allen Abnehmern stante pede zurückgebracht bekommt – am Ende gar vom entnervten Teufel. Zwei bekanntere Kurzopern folgen: Poulencs La voix humaine (1959) ist gewiss das intensivste Stück des Abends, Ravels L’heure espagnole (1911) das musikalisch reichste.

Klug auch die Verbindung der drei Stücke durch die Requisite (Bühne Seongji Jang): Zwölf menschgroße Kisten stehen bei Ibert als Symbole für Reihenhaus-Beklemmung. Bei Poulenc sind die Quader hinter einem Vorhang verschwunden, als unsichtbare Großstadt, in der eine namenlose Frau ihren Geliebten verliert. Bei Ravel werden die Kästen dann zu den 12 Zeigern einer Uhr und schließlich den Standuhren, in denen sich die aus widrigen Umständen und eigenen Unzulänglichkeiten verhinderten Liebhaber der amourdürstigen Uhrmachergattin verstecken. Auch Kostüme (Alice Fassina, Maja Aurora Svartåker) und Regie (Frank Hilbrich) gefallen durch Eleganz und Schwung, nur die finale Ravel-Oper scheint mitunter etwas überinszeniert, etwa wenn sie den Uhrmacher, Stichwort Turmuhr, zum Quasimodo macht.

Vor allem aber bläst einen das stupende Können und die umwerfende Frische der jungen Sängerdarsteller beglückend um. Und die famose Kohäsion des Orchesters: Wie die von Errico Fresis geleiteten Instrumentalisten in der übrigens prima Akustik des UdK-Saals in der Fasanenstraße die Partituren präzise zum Funkeln bringen, ist schon enorm. Und die Gesangsdarbietungen sind durchweg hervorragend. Die drei zentralen Frauen: Aphrodite Patoulidou imponiert in ihrer 45minütigen Poulenc-Solonummer als verlassene Frau am Telefon besonders, in fließendem Parlandoton ebenso wie in heftigen emotionalen Ausbrüchen. Anna Marthe Schuitemaker spielt und singt die unmögliche Rolle der Ehe-Schreckschraube bei Ibert wirklich furios garstig. Und Isabel Reinhard strahlt als vernachlässigte Uhrmachergattin Concepcion bei Ravel Sex aus jeder Pore ihrer Stimmbänder; wie der eigentlich als Liebhaber gekommene Trottelstudent da in seiner Kiste immerzu ans Dichten statt ans Vögeln denken kann, ist so unerklärlich wie schreiend komisch.

Kritiken zu Trois femmes von Isabel Herzfeld im Tagesspiegel (mit der offenbar ebenfalls formidablen Alternativbesetzung in allen Gesangsrollen, was für eine Qualität an der UdK) und bei Schlatz.

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