Divertierend: Dudamel und Berliner Philharmoniker spielen Bernstein und Mahler

Die Berliner Feierlichkeiten zum Leonard-Bernstein-Zentenarium erreichen ihren Höhepunkt: Vier Wochen vor dem Bernstein-Festival der Komischen Oper koppeln die Berliner Philharmoniker in zwei Programmen große Symphonik des 20. Jahrhunderts mit Werken von Bernstein. Nächste Woche Schostakowitschs Fünfte mit Bernsteins Jeremiah, aber erstmal Gustav Mahlers Fünfte mit dem Divertimento for Orchestra, das Bernstein 1980 füs Zentenarium der Bostoner schrieb. Alles mit Gustavo Dudamel.

Ganz schön großes Orchester für ein Divertimento. Volltönende Kleinigkeiten. Eine Menge harmloser (verharmlosender?) Mahler-Fetzen stecken darin, lustiges Aha-Hören. Das letzte Stück beginnt vor der großen Schlusssause bissl wie der Abschied, mit einem Gongschlag, nur leiser, dann ein, zwei, drei Flöten. Man hört jede einzelne der etwa 900 Sekunden, die das Divertimento dauert, mit großer Freude (selbst wenn ein blasender Bekannter des Konzertgängers in der Pause sagt, das Blech wär anfangs bissl unpräzise gewesen und das schöne Cellosolo im zweiten Stückl überdeckt). Dudamel hat erste graue Haare, aber Rhythmus im Blut und ansteckende Freude, die aus jeder Pore dringt. Alles ein lächeln machendes Vergnügen.

Ein lächeln machendes Vergnügen ist bei Dudamel kurioserweise auch Gustav Mahlers 5. Sinfonie, zumindest stellenweise.

Irritierend, wie das Dirigentenstäbchen dauernd stroboskopiert. Aber im Orchester zittert und wackelt nichts, Dudamel versteht sein Handwerk. Das Klangbild ist ausnehmend schön, teils großartig. Auch der durchrhythmisierte Ansatz ist durchaus einnehmend. Aber die Schockeffekte im Kopfsatz schocken nicht, knallen nicht mal, weil es sonst schon so viele Knalleffekte gibt. Im zweiten Satz dann auch a lack of Gespenstigkeit; oder die Gespenster sind heut zum Divertieren aufgelegt. Manchmal klingt Mahler hier glatt wie von Bernstein. Komponiert, nicht dirigiert.

Wie lang einem so ein Mahlerschlusssatz doch werden kann. Aber der grandiose Finalwirbel mit den wumbaba-konzisen Streichern im Temporausch reißt vieles raus, überhaupt das beglückende Niveau dieses Orchesters; und die erstsahnigen Solisten sowieso, allen voran der Hornist Stefan Dohr.

Man hörts also gern. Aber es ist immerhin Mahlers Fünfte. Und man überlegt, wie einen Mahler bei anderen Dirigenten anspringen kann, niederschmettern, zerreißen. Bei Vladimir Jurowski etwa, der letzte Woche beim RSB das Lied von der Erde dirigierte. Oder halt bei Leonard Bernstein, sogar aus der Konserve.

Nochmal Freitag und Samstag. Weitere Kritiken:

  • Schlatz findet Dudamels Mahler „rotbackig und diesseitig“.
  • Mahlke erkennt, ohne es näher zu erklären: „Worin sich (Bernsteins) Musik im Ansatz Gustav Mahler nähert, ist das Denken in Stimmen.“
  • Der von Dudamel angesteckte Krieger macht detailreich deutlich, was Mahlke damit meinen könnte.
  • Sommeregger ist allgemein sehr angetan von Dudamels Entwicklung: Er sei „heute souverän elegant, weniger überhitzt und stürmisch- – und hat dennoch nichts von seinem Charisma eingebüßt“.

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Ein Gedanke zu „Divertierend: Dudamel und Berliner Philharmoniker spielen Bernstein und Mahler

  1. Den zittrig schwingenden Stab Dudamels wollt ich erwähnen, vielleicht ist das nicht leichter für die Musiker als Barenboims Fuchteln. Eigentlich fand ich Dudamel nicht schlecht, aber als Ganzes zu bunt. Die Energie war toll. Ich saß allerdings seitlich, da ist das Klangbild manchmal sehr offen. Ich hatte das Gefühl, mein Ohr befände sich direkt über dem Schalltrichter der Tuba. Vielleicht mag ich Mahler auch nicht mehr so wie vor 8,9 Jahren.

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