Konzertgänger auf Reisen: „Tristan und Isolde“ in Bayreuth

Der Bayreuther Festspiele dritter Tag: Nach zwei Tagen Bullenhitze regnets ein bisschen. Zu Tristan und Isolde radelt der Konzertgänger durch die Mottlstraße von der Seite an den grünen Hügel ran, aus Gründen:

Heut Abend dirigiert der Mottl den Tristan / Hört Euch doch nicht von dem Trottel den Mist an / Schafft Euch viel lieber ein Drittel Most an / Und sauft Euch mit dem Mittel Trost an.

Doch bei Christian Thielemann gilt, besser erst Tristan, dann Most ran. Denn der Konzertgänger wird in Bayreuth glatt noch zum Thielemann-Fan. Weiterlesen

Konzertgänger auf Reisen: „Parsifal“ in Bayreuth

Der Bayreuther Festspiele zweiter Tag: Dirigent Semyon Bychkov erstmals auf dem grünen Hügel, mit der Wiederaufnahme des Parsifal. Flüchtige nächtliche Notizen: Das Debüt scheint gelungen, was Wunder bei einem so gestandenen Dirigenten. Logisch, dass das Orchester manchmal zurückhaltender klingt, risikoscheuer als beim gestrigen souveränen Thielemann-Dirigat des neuen Lohengrin. Der Chef kennt die Graben-Abgründe da ja genauer. Hier nun im ersten Aufzug butterweicher, breiter Strich, wunderschön. Klingt in Amfortas‘ Leidensszenen der Orchesterpart nicht fast nach Pathétique? Also, das hat was. Weiterlesen

Konzertgänger auf Reisen: „Lohengrin“ in Bayreuth

Als der Konzertgänger eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem Frankfurter-Allgemeine-Bayreuther-Festspiele-Korrespondenten verwandelt. Als solcher hatte er (in Vorbereitung dieser Bayreuther Gesamterlebnis-Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) das Vergnügen, dem neuen Lohengrin beizuwohnen. Denn ein Vergnügen war es, in fast jeder Hinsicht. Weiterlesen

Konzertgänger auf Reisen: „Die Walküre“ in München

Bisschen stillhalten als Berliner an der Bayerischen Staatsoper, nicht rausposaunen, woher man ist. Erstens weil das Berliner Welthauptstadttum eh alle Welt nervt, zweitens weil man ja den Münchnern demnächst diesen enormidablen Chefdirigenten entführt. Der Sonderlevel von Kirill Petrenko beweist sich auch in dieser hochkarätig besetzten Aufführung der Walküre, im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Weiß Gott mehr als ein Zwischenstopp für den Wagnerianer auf dem Weg nach Bayreuth.

Der Berliner freut sich über die alpinhohen fünf Ränge und stolpert wie alle Touristen über die fiese kleine Schwelle, wenn er seine Reihe betritt. Weiterlesen

12.8.2016 – Jugendstilrotbullig: Mahlers Dritte in Toblach

gustav-mahler-grandhotel-toblach-dobbiacoJugendstil statt Décadence: Im aus kakanischer Vorzeit auf uns gekommenen Grand Hotel Toblach, durch das der Geist Gustav Mahlers spukt, befindet sich heute eine Jugendherberge. Ebenso erfrischend ist es, wenn ein vorzügliches Ensemble junger Musiker, nämlich (Achtung:) Orchester und Chor der Musikakademie der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Konzertsaal des Grand Hotels einen Brocken wie Mahlers Sinfonie Nr. 3 wuppt. Angesichts dieses juvenilen Flairs hat der Konzertgänger seine sechsjährige, mit der Bernstein-Aufnahme wohlpräparierte Tochter mitgebracht, deren lebhafter Fantasie Mahlers blumige Klangsprache durchaus entgegenkommt.

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11.8.2016 – Kleinfingersingend: Grigory Sokolov in Bozen

Am Konzertgänger ist ein gutbetuchter Rentier verlorengegangen: Er wüsste sich Übleres vorzustellen als den lieben Sommer lang den Musikern seines Herzens nachzureisen. Aber manchmal tun sich auch im turbulenten Familienurlaub Gelegenheiten auf. Zum einen, weil im schönen Pustertal bemerkenswert viele schöne Konzerte stattfinden, zum anderen, weil beim Festival Bozen neben wunderbaren jungen Ensembles wie dem Orchester der Gustav Mahler Akademie oder dem Theresia Youth Baroque Orchestra auch Musiker von Weltrang wie Jordi Savall, Christian Gerhaher und Grigory Sokolov sich die Klinke in die Hand geben.

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Reich: Sommermusik von Veracini bis Cranberries in Südtirol

Auch in Südtirol wird der Konzertgänger nicht ausschließlich zum Berggänger. Obwohl hier, wie sein eingeborener Schwiegervater bescheiden zu sagen pflegt, nicht gerade die Achse aus dem Globus kommt, muss der hochkulturbeflissene Urlauber nicht darben. Im Gegenteil: Kurz vor seiner Heimkehr nach Berlin, wo das Musikfest auf ihn wartet, blickt der Konzertgänger nicht nur auf schwindelerregende Wanderungen, steigungsreiche Radtouren und eiskalte Weihernachmittage zurück, sondern auch auf einen reichen Musiksommer.

Der Brunecker Verein Cordia organisiert nicht nur jedes Jahr einen Sommerkurs mit dem für Berliner Ohren glückverheißenden Namen Akademie für Alte Musik, zu dem sich Musiker aus aller Welt treffen, um sich in historischer Aufführungspraxis fortzubilden und abschließend ein gemeinsames Konzert zu geben: in diesem Jahr ein famoses Beethoven-Programm unter der Leitung von Jos van Immerseel (2.8. in Toblach).

Am 4.8. trat das Ensemble Cordia selbst auf, in der urigen Rainkirche am Schlosshang von Bruneck mit einem ausgefallenen Barockprogramm: zwei spritzige Ouvertüren von Francesco Maria Veracini und zwei aufregende, völlig unhändelhafte Symphonien von William Boyce – so lebendig und kraftvoll musiziert, dass es den eigentlichen Höhepunkt des Programms fast in den Schatten stellte, Händels Silete Venti. Der rauschende Auftritt der Sopranistin Roberta Invernizzi, die dem wütenden Wehen des Orchesters energisch Einhalt gebot, verfehlte trotzdem nicht ihre Wirkung, zumal auf die schwer beeindruckte Tochter des Konzertgängers.

Fast noch mehr nach ihrem Geschmack war die Matinée der Schwestern Reinhilde und Tamara Gamper, die als Wonderful Strings (Zither und Violine) am 16.8. in der Alten Turnhalle Bruneck ein buntes Programm von Renaissance-Musik über Südtiroler und irische Folklore bis zu Cranberries und Police spielten: Die Gamper-Schwestern sind hervorragende Instrumentalistinnen, die auch sehr gut singen können und, wie nicht verschwiegen werden darf, fantastisch aussehen. Unterhaltung im besten Sinne, an die der Konzertgänger wehmütig zurückdachte, als wenig später in seinem Dorf verschwitztes Herrengebumper der Freddy-Pfister-Band die Bergruhe entweihte.

Featured imageDas Theresia Youth Baroque Orchestra, das junge Musiker aus aller Welt im Zeichen des Pirols in Rovereto versammelt und mehrmals im Jahr durch Italien tourt, machte am 21.8. im Grand Hotel Toblach halt, einem Lieblingsort des Konzertgängers in Südtirol. Das Programm unter Leitung von Chiara Banchini beschwor nicht den Geist Gustav Mahlers, sondern den alles andere als wehmütigen Spirit von Carl Philipp Emanuel Bach und Luigi Boccherini. Ausgepowert von der langen Anfahrt mit dem Fahrrad, war im Konzert an Schlaf nicht zu denken! Zumal historische Aufführungen wie für Kinder gemacht sind: Die Instrumente klingen interessanter, die Klaviere haben geheimnisvolle Kniehebel, und kein Konzert vergeht, ohne dass einem Geiger mit lautem Knall die Saite reißt.

In CPE Bachs Concerto per clavicembalo e fortepiano Es-Dur (1788) kommt sogar Fin de siècle-Stimmung auf, wenn auch nicht im mahlerschen Sinn: Das Aufeinandertreffen von Cembalo (Olga Pashchenko) und Hammerklavier (Assen Boyadjiev) ist ja die Begegnung eines untergehenden Instruments mit seinem Nachfolger, der seinen Siegeszug erst antritt – eine sehr heitere Schwermut. Boccherinis 27. Sinfonie D-Dur (1789) ist dagegen ein beglückendes, ausgewogenes Werk, das sich vor Haydn nicht zu verstecken braucht. Besonders zu Herzen gehend das Andante; im Menuett brilliert die junge erste Geigerin. Keine Ahnung, warum man in Deutschland noch immer recht ignorant gegenüber Boccherini ist; dass das nicht immer so war, beweist die Tatsache, dass Friedrich Wilhelm II. diese Sinfonie in Auftrag gab.

2. August 2015 – Revolutionär-restaurativ: Beethoven in Toblach

Die Pampa ist auch nicht mehr, was sie… ohnehin nie war, nämlich kulturlos. Aber dass man in der Einsamkeit der Berge freitags ein gutes Streichquartett, samstags ein beeindruckendes Jugendorchester, sonntags echte Volksmusik ohne Kastelruther-Spatzen-Brechfaktor hören kann, muss man Südtirol erstmal nachmachen. Die famose Broschüre Musiksommer Pustertal verzeichnet für die Zeit von Juni bis Oktober 2015 etwa 100 Konzerte; sie ist das Vademecum des Konzertgängers, wenn er den Sommer in den Bergen verbringt, im Kreise der Familie seiner Frau.

Featured imageAm Dienstag gibt es im mysteriösen Grand Hotel Toblach, wo der Geist von Gustav Mahler durch die Flure wandelt, ein reines Beethoven-Programm, und zwar eins der anspruchsvollen Art: Neben der Eroica erklingt eine echte Rarität, die dubiose Kantate Der glorreiche Augenblick, historisch musiziert von dem Orchester der Akademie für Alte Musik Bruneck, einem seit 15 Jahren bestehenden Fortbildungskurs für hochbegabte Musiker von Bozen bis Argentinien, dieses Jahr unter der Leitung des Belgiers Jos van Immerseel.

Der Sohn des Konzertgängers, der nicht nur Dreitausender besteigen, sondern auch die Gipfel der Hochkultur kennenlernen soll, entdeckt schon vor dem Konzert bekannte Gesichter: Einige Kinder aus seinem Dorf werden gleich mitsingen, denn die Kantate verlangt auch Kinderstimmen, die Unschuld als Chor.

Aber zunächst schweigen die Unschuldsengel und dürfen einen Meilenstein der Musikgeschichte kennenlernen, die 3. Symphonie Es-Dur op. 55 ‚Eroica‘. Es ist das Gegenteil einer musealen Aufführung, ihr ungehobelter Klang schneidet ins Fleisch, die berühmten Anfangsakkorde erinnern den Sohn des Konzertgängers an zwei Blitze, und bei jedem Schlag, der noch folgt, bei jeder Dissonanz begreift man unmittelbar, dass den haydngewöhnten Wienern 1804 die Haare zu Berge stehen mussten bei diesem pathetischen Ausdrucks-Ungeheuer von Symphonie. Den Trauermarsch hat der Konzertgänger selten so ergreifend gefunden.

Die Kantate ‚Der glorreiche Augenblick‘ für Soli, Chor und Orchester op. 136 ist in ganz anderem Sinn schwer zu verdauen. Beethoven schrieb sie 1814 aus Anlass des Wiener Kongresses für die anwesenden Fürsten, auf den abscheulichen Jubel-Text eines Tirolers namens Aloys Weissenbach, in dem die Stadt Wien, die Einheit Europas und die Segenshände der Herrscher Österreichs, Preußens, Russlands gepriesen werden: und die alten Zeiten werden / endlich wieder sein auf Erden. Eine Europa-Hymne der anderen Art! Wenn man die beiden Werke zusammen spielt, wirkt die Kantate wie ein deprimierender Widerruf der revolutionären Eroica.

Dabei klingt sie sehr beeindruckend mit ihrem Chor aus Trient und Bruneck, ergänzt durch Kinderstimmen aus den Musikschulen Bruneck und Klausen. Es gibt sehr schöne Momente, etwa wenn die erste Geige den Sopran der Vienna (Clara Sattler) umschmeichelt. Andrea Brown schenkt als Prophetin mit ihrem überkandidelten Pathos der Aufführung wohltuende Ironie. Auch Vincent Lesage (Genius) und Thomas Bauer (Führer des Volks) sind hochkarätige Solisten.

Trotz der erstklassigen Aufführung bleibt die Kantate ein zusammengeschustertes Musikstück ohne inneren Zusammenhalt, eine Randnotiz der Musikgeschichte. Trotzdem ein Gewinn, diesen Schinken kennengelernt zu haben, weil es das klischeehaft glatte Beethovenbild aufrauht.

Und man lernt etwas über Nachhaltigkeit: Während die Eroica trotz ihrer verstörenden Wirkung bald als Meisterwerk erkannt wurde, stieß die Kantate trotz begeisterter Fürsten schnell auf Desinteresse, schon die dritte Aufführung musste mangels Nachfrage abgeblasen werden. So gerecht kann die Musikgeschichte sein.

Auch der Sohn des Konzertgängers sagt, die Symphonie habe ihm ehrlich gesagt besser gefallen.

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