Kregelkompetent: Berliner Philharmoniker und Ton Koopman mit Bachs h-Moll-Messe

Champagnerschwaden statt Haschischrauch! Das stilgerechte Aufführen von alter Musik, über deren wilde Undergroundzeiten Ton Koopman lustig erzählen kann, ist längst philharmonabel geworden. Irgendwie nostalgisch also, dass vor der Berliner-Philharmoniker-Aufführung von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe BWV 232 ein pechschwarz gekleideter, schlohweißhaariger Herr sich auf der philharmonischen Toilette etwas Undefinierbares aus einem perlenbesetzten Hippiedöschen in die Nase zieht. Diese Soziologieprofessoren i.R. kennen da nix.

Koopmans so mitreißende wie ulkige Ganzkörper-Fuchteltechnik hat was von Ministry of Silly Conducting. Es wird geraunt, einige Sänger und Musiker mache das ganz wuschig. Aber die musikalische Gesamtsituation in der Philharmonie ist ausgesprochen kregel und die Aufführung hinreichend unfuchtelig-präzise. Nur die seltsame Pause zwischen Credo und Sanctus ätzt, aber nicht im altbachschen Sinne einer Vertiefung des musikalisch-geistlichen Erlebnisses in die Marmorsteine unserer Hörerseelen. Für die Unterbrechung kann es höchstens eine urologische Rechtfertigung geben, der Musik tut sie nicht gut.

Die schlimmste Hörstörung ist allerdings ein Fächer.

(Nachtrag: Aus wohlinformierten Kreisen hören wir, dass die Pause in den folgenden Aufführungen vorgezogen wird, zwischen Gloria und Credo. Das wird sie etwas weniger seltsam machen.)

Für Bachverhältnisse ist die Messe riesengroß besetzt, für philharmonische Podiumsverhältnisse klitzeklein – mit dem angenehmen Effekt, dass man die herausragenden Solisten der Berliner Philharmoniker schön und ausgiebig hören kann. Die fioretti-rankende Violine von Noah Bendix-Balgley klingt wie die Antwort auf die Frage, warum Bach ausgerechnet in der Aria mit Pluralpronomen zum ersten Mal eine einzelne Stimme singen lässt: Die Geige lobt und preist ja gleichrangig mit im Laudamus te, benedicimus te. Entzückend die Oboe d’amore von Jonathan Kelly, fantastisch das Horn von David Cooper im Quoniam to solus sanctus, wo die Sangesstimme allerdings nicht gleichermaßen überzeugt. Auch das Hereintrotten des Hornisten vor der Aria ist nicht ganz glücklich, und der brummige Humor dieses Stücks (das Gardiner herrlich gestelzt, bukolisch und leicht grotesk nennt) stellt sich dem Konzertgänger nicht recht dar.

Ein Höhepunkt ist zweifellos Emmanuel Pahuds anmutige, ohrwurmige Flöte im Domine Deus. Toll auch die virtuosen Trompeten im Gloria in excelsis.

Der Orchesterklang ist deutlich auf der hellen Seite des Spektrums, in der ersten Hälfte würde der Konzertgänger sich trotz Sitzplatz in der Mitte manchmal mehr Bass wünschen, vulgo einen Platz rechtsaußen (ist ja nicht der Bundestag). Koopman scheint Bach weit weniger als Dramatiker zu verstehen als etwa Gardiner. Trotz vibratoarm oft ziemlich breiter Strich – breit nicht im Amsterdamer Sinn, sondern: nicht theatralisch verzackt. Und was Gardiner in seinem Bach-Buch korybantisch nennt, das Cum sancto spiritu, klingt hier klar und hell und strahlend, aber nicht am Rand des Jubel- und Tanzexzesses, der Gardiner Strawinsky oder Beethovens Siebte assoziieren lässt.

Aber es ist eine gut durchgestaltete Aufführung. Fein, wie das tiefengechillte Domine Deus mit seinen lichten Streichern und relaxt gezupften Kontrabässen unmittelbar ins tiefengequälte Qui tollis peccata mundi übergeht. Nur an manchen Stellen fragt der Konzertgänger sich: Ist das nicht zu kleinteilig dirigiert? Hat der Klang hier nicht etwas Überkontrolliertes, Unfreies? Und ist trotzdem oder gerade deswegen nicht immer ganz im Lot? Verschwimmt da nicht einiges?

Koopmans Altemusikkompetenz ist über jeden Zweifel erhaben. Im Verhältnis zu den Sängern scheint er der alten Bachdirektive zu folgen: Stimmen sind auch bloß Tasteninstrumente. Das Solistenquartett ist allerdings so sicher, dass sie damit gut umgehen können. Der Tenor Tilman Lichdi und die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez machen ihre Sache tadellos. Nur der Bass von Klaus Mertens hat eine gewisse didaktische Jovialität und Vokalschließneigung, die der Konzertgänger als kunstarm empfindet, jedenfalls nicht angenehm.

Das ist etwas anderes als die kunstvolle Natürlichkeit von Wiebke Lehmkuhl. Mit kleinen, völlig unmanierierten Nuancen durchschreitet ihre warme Stimme ganze Ausdruckswelten. Wenn sie das im miserere des Agnus Dei ohne Pathos zum Zittern bringt, bebt der Kosmos. Die überragende Lehmkuhl ist die Tiefendimension schlechthin dieser Aufführung.

Nach der seltsamen Pause sitzen Sopran und Bass beschäftigungslos auf dem Podium rum. Juckt es einen da nicht, im Chor mitzusingen? Denn der Chor ist natürlich das Wichtigste, ist ja kein individualistischer Passionsschnickschnack hier. Die manchmal fast spröde Deutlichkeit des RIAS Kammerchors verstärkt sich noch im Profanraum Konzertsaal, wo die h-Moll-Messe ja auch hindarf. Schon die erste Teilaufführung durch Carl Philipp Emanuel fand 1786 nicht in einer Kirche statt. Die einzelnen Stimmen des von Justin Doyle glänzend vorbereiteten Kammerchors sind bestens verbunden, synchronisiert und gestaffelt, ohne aber zu einem einzigen Körper zu „verschmelzen“, wie es andere Chöre tun.

Die Stilbreite des Chors von altpalestrinisch bis neutänzelnd scheint enorm, ebenso die Wandelfähigkeit von himmlisch strahlend bis grablegend tief und leise. Und umgekehrt. Manchmal in einem einzigen Moment, am intensivsten in der Modulation nach sepultus est zum Et resurrexit.

Nach der seltsamen Pause (erwähnten wir die schon?) ist der Chor umgruppiert, wahrscheinlich weils von Abschnitt zu Abschnitt immer mehrstimmiger wird, als Laie hört man da ja irgendwann auf zu zählen.

Ein kompetenter Abend, der überzeugt, wenn auch nicht wirklich berührt oder gar abhebt – weder durch Transzendenz noch durch andere Räusche. Zwei weitere Aufführungen am Freitag und Samstag, Restkarten. Außerdem live im DLF.

Ton Koopman kann man außerdem lesen, im Interview über Buxtehude und BigMacs, inklusive schrulliger Theorien über den Stimmbruch. Und bei Idagio als Organist und Cembalist hören.

Tagesspiegel-Kritik

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5 Gedanken zu „Kregelkompetent: Berliner Philharmoniker und Ton Koopman mit Bachs h-Moll-Messe

  1. Als Nicht-Expertin kann ich mich nur bewundernd dem Urteil anschließen. Ich empfand die Aufführung als nicht so traurig-schwer wie die auf meiner heimischen CD, und das hat mir gefallen. Die Solisten/innen mit Stimme und Instrument hatten reichlich Gelegenheit, zu glänzen. So etwas wie didaktische Jovialität und Vokalschließneigung habe ich natürlich nicht gehört. Ton Koopman bei der Arbeit anzuschauen war interessant. Er gestikulierte/dirigierte heftigst. Ich saß in Block K und konnte ihm ins Gesicht sehen. Es schien, als sänge er laut mit. Oder aber er hat nur nach Luft geschnappt wie ein Fisch auf dem Trockenen.

    Das Publikum am Schluss rasend enthusiasmiert, zu Recht.

    • Ich glaub, allein um Koopman zuzuschauen lohnt Block K. Für den Orchesterklang ist sein eigenwilliger Stil, scheint mir, ein bisschen zweischneidig…
      Didaktische Jovialität und Vokalschließneigung: „cathooooolicam“, mit ganz spitzem Mund.
      Welche Aufnahme der h-Moll-Messe klingt traurig-schwer? Jochum? Richter?

        • Der Ehrgeiz hatte mich dann doch gepackt. Ich habe die h-moll-Messe mit der Gächinger Kantorei, dem Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling, Julia Hamari etc. von 2005.

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