Quer: Rundfunkchor, RSB, Hrůša mit Dvořáks „Stabat Mater“

O wunderbarer November, du Monat nicht enden wollender Lamenti, Requiems, Stabant Matres! Ebensogut in den Totenmonat November wie in die Karwoche passt auch Antonín Dvořáks Stabat Mater op. 58, das das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor Berlin unter Dirigent Jakub Hrůša in der Philharmonie aufführen. Ein Kindertoten-Oratorium möchte man es nennen, weil es nicht nur um den gekreuzigten Sohn Gottes geht, sondern auch um die drei kleinen Kinder des Künstlers, die vor und während der Komposition (1875-77) starben. Unvorstellbar, wie ein Mensch mit einem solchen Schmerz weiterleben kann.

Ist dieses Stabat Mater nicht ein seltsames Werk, in dem einiges quer steht? Weiterlesen

Nachtrund: Quatuor Ebène, Tamestit, Altstaedt spielen Noctürnliches

Genau das richtige Programm, wenn man die vorhergehende Nacht kein Auge zugetan hat, wie der Konzertgänger. Aber nicht deshalb richtig, weil man beim Quatuor Ebène so gut schlafen könnte! Sondern weil man für dieses von nächtlichen Stimmungen und Erlebnissen inspirierte Programm in einer gesegneten Rezeptionssituation ist: Keinen hellen Verstand erfordernden Haydn oder Beethoven oder Brahms gibts im Kammermusiksaal, sondern tiefere Formen von Wachheit – Sciarrino und Dutilleux, Night Bridge und Verklärte Nacht. Weiterlesen

Hörstörung (18): Das Theaterpublikum hält den Rand

Warum zum Kuckuck, fragt sich der hörstörgeplagte Konzertgänger, als er zur Abwechslung einmal zum Theatergänger wird, um im Berliner Ensemble Michael Thalheimers zurecht hymnisch gelobte Frankfurter Medea-Inszenierung zu sehen und zu hören, die in beklemmend enger Weite die Sprache des Schreckens und der Finsternis, von Peter Krumme atemabschnürend dicht aus dem Griechisch des Euripides ins Deutsche übertragen, zum Klingen bringt, nur und einzig und allein die Sprache: warum zum Kuckuck ist dieses Theaterpublikum im Gegensatz zum Konzertpublikum in der Lage, zwei pausenlose Stunden lang ohne Mucks und Scharren und Husten zuzuhören?

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Zwischenapplauswert: Eduardo Strausser und Isabelle Faust beim DSO

Mal ein Lob dem ungebildeten Zwischenapplaus inmitten eines mehrsätzigen Werks: Sowieso die geringste aller denkbaren Hörstörungen, kann er auch eine befreiende und aufmunternde Wirkung haben. Zum Beispiel bei so einem Extrem-Einspringing, wie es der junge brasilianische Dirigent Eduardo Strausser beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Freitag hinlegt. Chefdirigent Robin Ticciati ist nämlich unpässlich geworden, offenbar äußerst kurzfristig: erst nach der Generalprobe, wie man hört, wieder der Rücken.

Johann Sebastian Bachs 4. Orchestersuite D-Dur BWV 1069 könnte das Orchester wohl auch dirigentenlos spielen, Konzertmeister Wei Lu würde das schaukeln, so wohlpräpariert ist das. Weiterlesen

Lacrimös: Michael Francis beim Rundfunk-Sinfonieorchester mit Haydn, Britten, Ives, Vaughan Williams

Zu den sieben Plagen der Musikkritik gehört (neben diesem Werthers-echte-farbenen Vokabular von konzis bis luzide und irisierend bis saftig) die ewige Herumkauerei, wie viel Publikum da war. Oder eben nicht da war. Da in diesem Blog mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik sein soll, hier nur so viel: Dieses tränenreiche englische Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Michael Francis hätte full house verdient. Oder wie Opa Werther sagen würde: fulminant! Weiterlesen

Blau: Víkingur Ólafsson im Pianosalon Christophori

Zwei Ereignisse, die das Menschengeschlecht voranbringen, ereigneten sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf Island: Erstens wurden Fußbälle auf die einsame Insel gebracht, zweitens Klaviere.

Um sich von der segensreichen Wirkung des Letzteren zu überzeugen, radelt der Konzertgänger an der schönen blauen Panke entlang zum Weddinger Pianosalon Christophori. Dort erwartet ihn ein tiefgestimmter, ja blauer Novemberabend: Das Klavierrezital von Víkingur Ólafsson bewegt sich in zweieinhalb Stunden nur einen Halbton aufwärts, von e-Moll nach f-Moll.

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„Wo bist du, kleiner Stern?“ – Zur Rostropowitsch-Hommage im Konzerthaus Berlin

Die Gnade der späten Geburt wurde seinen Händen zuteil. Denn eigentlich wäre des 90. Geburtstags von Rostropowitsch nicht erst im März dieses Jahres zu Gedenken gewesen, sondern schon früher. Aber die schwangere Pianistin Sofia Nikolajewna Fedotowa brauchte viel Geduld im Spätwinter 1927 in Baku: Wochenlang ließ ihr Kind auf sich warten. Und als Mstislaw Leopoldowitsch alias Slawa viele Jahre später seine Mutter fragte, warum sie ihm in all der Zeit kein schöneres Gesicht gegeben habe, da antwortete sie: „Dafür habe ich an deinen Händen gearbeitet.“

Lange, dünne Finger waren das. Und doch wurde der Celloklang von Mstislaw Rostropowitsch, den das Konzerthaus Berlin jetzt mit einer zehntägigen Hommage ehrt, zum Inbegriff des schönen, warmen Tons. Kraftvoll und golden. Weiterlesen und Hören 

Schmalgratgackernd: „Die Hühneroper“ im Atze-Theater

Chicken Run and Sing im Atze-Musiktheater: Premiere für die Hühneroper, ein Bühnen-Ei-Festspiel für Kinder ab 5 Jahren. Kein leichtes Unterfangen, in einem Singspiel über das Leben auf einer Hühnerfarm musikdramatische Fantasie und das Thema Massentierhaltung unter einen Kamm zu bringen. Schließlich würde sich zu dem Sujet eine blutrünstige Bildersprache à la Calixto Bieito geradezu aufdrängen. Oder eine bratrünstige, wie neulich, als Peter Sellars zum heiteren Hühnermassaker in Janáčeks Schlauem Füchslein Videoloops von Hähnchenspießfressern laufen ließ. Durch drastische PETA-Realistik würde das junge Publikum zwar seiner Chickenwings nicht mehr froh; aber eben auch seines Lebens nicht. Weiterlesen

Kombinationssicher: Nils Mönkemeyer und William Youn im Pierre-Boulez-Saal

Die Kombinationen machens, und mehr noch die Kombinationen der Kombinationen. Im Pierre Boulez Saal kombinieren der Bratschist Nils Mönkemeyer und der Pianist William Youn Altes und Neues, Mozart mit Sciarrino, Schubert und Brahms mit Boulanger, Chin, Pintscher. Vor allem aber kombinieren sie die Kombination Viola & Konzertflügel mit der Kombination Viola & Hammerklavier. Lauter Traumkombinationen sind das.

Aber am allerobertraumhaftesten ist die letzte. Mönkemeyers Bratsche und der Hammerflügel vom Bamberger Klavierbauer J.C. Neupert sind genau richtig aufeinander eingetönt. Weiterlesen

Dunkelrot: Sowjetrussisches vom DSO/Payare und Ensemble unitedberlin/Vladimir Jurowski

Reformationstag oder Halloween? Sowohl als auch: 100 Jahre Oktoberrevolution.

In zwei Berliner Konzerten kommt sie vor: Einmal als ferner Gast, aus Inferno-Tiefen betrachtet beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Rafael Payare. Einmal als Hauptperson, aus größter Nähe und unendlicher Weite zugleich in einem aufregenden Programm des Ensemble unitedberlin unter Vladimir Jurowski.

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