8.10.2016 – Oper bizarr: Tristan im Multiplex

Was tut ein Konzertgänger, der alles gehört, gesehen, gerochen, geschmeckt und gespürt hat? In Zeiten, da alle Achttausender bestiegen, alle Pole durchwandert und alle Tiefen ertaucht sind? Er schaut sich Tristan und Isolde im Multiplexkino an. Live aus der Metropolitan Opera New York ins CineStar im Sony-Center.

ticket_unseparated_kurkino-berchtesgadenDie Warteschlange am Einlass ist länger und die Getränke sind teurer als an der Deutschen Oper, die Toiletten zumindest gleich grindig. Dafür sitzt man bequemer (wenn auch nicht so bequem wie im Sessel am heimischen CD-Spieler). Zwischen den Akten könnte man in den Nachbarsaal zu Finding Dorie flüchten.

Einige Mutige setzen sich mit Bier, Popcorn und Nachos ins Musikdrama. Erstaunlicherweise hustet den ganzen Abend niemand. Die Frage, warum ein technisch reproduziertes Kunstwerk im Gegensatz zum somatisch produzierten Kunstwerk keinen Hustenzwang auslöst, harrt einer tiefergehenden Betrachtung. Aber so zernichtend die Anwesenheit von Husten, macht die Abwesenheit von Husten allein noch kein Konzertgängerglück.

Zwei Kernprobleme kristallisieren sich heraus:

1. Die Verbindung von gepimpter Akustik (sowohl hohe Grundlautstärke als auch überproportionale Lautstärke der Sänger und Holzbläser) mit einer gewissen Grunddumpfheit des Kinosaals.

2. Der Schnitt. Opernfreunde mögen nicht ständig über die Montagetheorien von, exempli gratia, Jean-Luc Godard nachdenken. Aber die ständigen abrupten Nahaufnahmen sind so sinnfrei und entauratisierend wie bei Fußball-Liveübertragungen. So wie es den Sportsfreund ernüchtern muss, seine Kickerrecken beim Schwitzen und Rotzen zu ertappen, tut es nicht gut zu sehen, wie die Sängerdarsteller nur so tun, als ob sie sich Wasser ins Gesicht spritzen oder ohrfeigen. Diese zutiefst theatralischen Simulationen sind nicht für close-ups gedacht. Der Gesichtsausdruck bei intensiver Tonerzeugung auch nicht unbedingt.

Und so wie durch ein Übermaß an Nah-, Groß- und Detailaufnahmen (und die elenden Zeitlupe-Wiederholungen) die Taktik eines Fußballspiels unlesbar wird, verliert der Bühnenraum des Musikdramas seine Aura. Dabei ist das Bühnenbild von Boris Kudlicka eigentlich recht ansprechend. Es changiert hübsch zwischen Mausgrau und Aschgrau im ersten, Steingrau und Schwarz im zweiten und mattem Graugrün im dritten Aufzug.

048174925ad12759953d4fee525111d9Der in einer Kriegswelt angesiedelten Inszenierung von Mariusz Treliński mangelt es hingegen ein wenig an Inspiration. Wo sie eigene Ideen hat, sind sie meistens platt. So dichtet sie Tristan einen Schuldkomplex wegen des toten Morold an, der immer wieder über die Bühne geistert. Sogar als König Marke am Ende des zweiten Aufzugs frägt: Den unerforschlich tief geheimnisvollen Grund, wer macht der Welt ihn kund?, antwortet ihm nicht nur der Tristanakkord, sondern gleichzeitig latscht erneut der Ex-Verlobte mit blutverschmiertem Zinshaupt herein.

Schön hingegen, die alberne Actionszene 3. Aufzug, 3. Szene (Kurwenals Kampf und Tod) einfach komplett im Off stattfinden zu lassen, während die Bühne ausschließlich Isolde und der Tristanleiche gehört.

Die Sänger sind erwartungsgemäß hervorragend. Nina Stemme als Isolde vom Dienst überragt alle. Stuart Skeltons samtweicher Tenor erinnert mitunter gar an einen romantischen Liedsänger, nur in gewissen Forte-Passagen droht er die Contenance zu verlieren. Über Ekaterina Gubanova (Brangäne), Evgeny Nikitin (Kurwenal) und René Pape (Marke) ist nur Gutes zu sagen. Ebenso über das packende Dirigat von Simon Rattle, der sich durch Gustav Mahlers Eintragungen in seine Wiener Hofoperdirektorpartitur geackert hat und teils extravagant scheinende Akzente setzt, mehr drängend als sehnend.

Hier eine detaillierte Kritik von Alex Ross im New Yorker.

Met im Kino / Zum Anfang des Blogs

9 Gedanken zu „8.10.2016 – Oper bizarr: Tristan im Multiplex

  1. Ist das mit dem Ton vielleicht kinoabhängig? Hier war es insgesamt zu leise. Sänger gut zu hören, Orchester fast gar nicht.

    • Ja, die Lautstärke lässt sich natürlich in jedem Saal anders einstellen, die Abmischung nicht. Klang halt wie auf vielen CDs, gepushte Singstimmen, aber Orchester als besseres Hintergrundrauschen. War schade, weil Rattles Interpretation schon sehr markant schien.
      Im 3. Akt hörte man das Orchester etwas besser.

    • Sie haben Recht, dann bin ich doch Qualitätspresse.
      Oper im Kino, einmal und nie wieder. Von der verschrammeltsten Carmen im Stadttheater Neuhupfing hat man musikalisch mehr, finde ich.
      Aber für wahre Metfans, warum nicht.(Aber ggf Prosecco oder Bier mit reinnehmen, Preise im CineStar indiskutabel.)

      • Wer hat Sie da getrieben??? Die Frau Gemahlin? Gut ne Traviata o.ä. in einer Superbesetzung würd ich mir ja noch gefallen lassen, wenn ich ausgehungert ohne Kultur wäre…. Habe kürzlich mal auf Arte diese Coppola „Inszenierung“ der Traviata aus Rom gesehen, mit Klamotten von Valentino, wer hat so etwas verdient, und dann noch Sänger, die sämtliche Schmerznerven im Gehörgang zum Protest anregten. Ähnlich, wie gestern auf 3 sat die Augen im Fidelio aus Salzburg. Das Beste, war die Leonore 3 :-))

  2. Ich bewundere Sie, würde ich mir nie anschauen, schon gar nicht den Tristan. Apropo Qualitätspresse, sind Sie keine???

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.