21.1.2017 – Erhellend: „Der Tod und das Mädchen“ als Dunkelkonzert

Als wäre diese Musik, gut aufgeführt, nicht schon bei Licht kaum zu ertragen: Das vision string quartet spielt Franz Schuberts Streichquartett d-Moll D810 ‚Der Tod und das Mädchen‘ im Dunkeln. Im  Curt-Sachs-Saal des schönen, zu wenig besuchten Musikinstrumentenmuseums, zum Abschluss der Konzertreihe der deutschen Musikhochschulen (die merkwürdigerweise parallel zum Ultraschall-Festival für neue Musik stattfindet, wäre das nicht ein Pflichttermin für Musikstudenten?).

Der Saal ist tatsächlich vollständig verdunkelt, die Notausgang-Leuchten abgedeckt, man sieht die Hand vor Augen nicht. Manche Frau wird jetzt hoffen, dass kein Donald Trump neben ihr sitzt. Aber alles kultivierte Menschen hier, auf grundlegende Regeln des Anstands musste der Schirmherr der Reihe, Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann, nicht eigens hinweisen. Stattdessen erläuterte er vor Konzertbeginn, wie man im Notfall die kleine Taschenlampe benutzt, die jeder am Eingang erhalten hat.

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Das vision string quartet v.l.n.r.: Jakob Encke (1. Geige), Daniel Stoll (2. Geige), Leonard Disselhorst (Cello), Sander Stuart (Bratsche)

Am Anfang steht die Ehrfurcht vor den zwischen 1990 und 1994 geborenen, mit diversen Preisen ausgezeichneten Musikern. Drei Stehplätze, nur ein Hocker für den Cellisten, wie beim Artemis oder Emerson Quartett. Unsereins hätte wohl schon Schwierigkeiten, im Dunkeln 40 Minuten lang zu stehen, wie es die Geiger und der Bratschist tun. Vom Musizieren zu schweigen. Dass man durch Schnaufen gemeinsame Einsätze findet, mag ja noch angehen. Aber das präzise Zusammenspiel auch in den heikelsten Passagen verblüfft doch. Und erst die gemeinsamen Pausen, die gemeinsamen Schlüsse: Da muss es eine ganz exakte einheitliche Klangvorstellung geben.

Doch die Bewunderung für die quasi sportliche Leistung des Quartetts tritt bald ins Dunkel angesichts der alles verschlingenden Intensität von Schuberts Musik. Die Raumwirkung verstärkt sich immens, wenn man nichts sieht. Man hält die Augen bald offen, bald geschlossen und stellt fest, dass es zwei Arten von Dunkelheit gibt; beide absolut.

Wirken die Kontraste der Musik so heftig aufgrund der Interpretation des Quartetts oder aufgrund der Hörsituation? Der Schluss des zweiten Satzes ist kaum auszuhalten, ebenso die durch Nacht und Raum hetzende Schluss-Tarantella, die Wirbel der Geige und des Cellos schrauben sich direkt ins Herz. Schmerz, Tränen. Denn auch Schuberts Dur leuchtet im Dunkeln stärker denn je.

Völlige Verfinsterung als Erhellung.

Langsam geht im Schlussapplaus das Licht wieder an, zunächst tut es weh, wir wurden davor gewarnt.

Über die Zugabe, Try To Remember von Harvey Schmidt, hätte man sich nach jedem anderen Konzert gefreut, hier wäre sie wohl besser unterblieben. Aber das tut dem Erlebnis des Dunkelkonzerts keinen Abbruch. Und die Taschenlampen darf man auch mit nach Hause nehmen.

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