18.10.2016 – Subsalonhaft: Yu Jung Yoon im Pianosalon Christophori

Ein Ausflug in den Weddinger Pianosalon Christophori ist immer zu empfehlen. Selbst wenn ein Musiker mal nicht so dolle sein sollte (was der Konzertgänger aber noch nicht erlebt hat), würde er schon um der Atmosphäre und der Instrumente willen lohnen.

Letztere bilden eine willkommene Abwechslung vom ewig brillanten Steinway-Einerlei. Erstere ist auch nach dem Umzug des Salons um wenige Meter (in der ehemaligen Halle logiert jetzt die Adidas Football Base) erhalten geblieben. Man kann sein Bier oder seinen Merlot mit an den Platz nehmen. Hochkultur in Subkulturflair, aber ohne nervige Elektrobeatz. Es ist jetzt etwas aufgeräumter als früher, aber immer noch hinreichend mysteriös. Denn in welchem Berliner Konzertsaal entdeckte man vis-à-vis einem antiken Erardflügel eine versteckte Tür mit dem Hinweis:

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Nach wie vor sollte man allerdings nicht:

  • ohne zu stornieren seinem im Internet reservierten Platz fernbleiben oder
  • den Klavierstimmer fotografieren, der in sympathischer Reizbarkeit auf seinem Recht am eigenen Bild besteht.

Akustisch ist die kleinere, schuhkartonigere Halle ein Gewinn. Die junge koreanische Pianistin Yu Jung Yoon spielt auf einem wunderbar voluminösen, herben Bösendorfer.

Zunächst Robert Schumanns Kreisleriana. (Ist ein Outdoor-Bonsai nicht eine Metapher für hokusai_a_lacquered_washbasin_and_ewerdie fatale Existenz des romantischen Künstlers?) Yu Jung Yoon interpretiert sie nicht mit dämonischem Furor wie Daniil Trifonov vor zwei Wochen. Das wäre auch nicht sinnvoll, denn dem Bösendorfer wohnt ganz natürlich eine solche Wucht inne, dass man fürchtet, die Musik flöge einem um die Ohren, ließe der Pianist den Bass aus den Ketten. Würde Trifonov auf einem Bösendorfer spielen, müsste er nicht so stark schnaufen und ächzen, um Exaltation zu erreichen.

Yu Jung Yoon hat einen eigenen poetischen, zarten Ton und leistet sich stillere Extravaganzen, etwa indem sie schumannsche Punktierungen auch da hervorkehrt, wo doch eigentlich keine stehen. In der zweiten Fantasie Sehr innig und nicht zu rasch etwa, wo sie die erste Achtel des singenden Themas so lang dehnt, dass der ruhige Fluss des Themas stockt und statt Gleichmaß Unruhe und Nervosität entstehen. Das irritiert, klingt aber schlüssig. Besonders am Anfang macht sie innerhalb der Fantasien lange Pausen zwischen den lyrischen und bewegten Abschnitten, so dass die einzelnen Stücke etwas ihre innere Kontrastwirkung verlieren. Gelegentlich, etwa im letzten Stück, könnte einen der kapellmeisterliche Wahnsinn vielleicht spitzer anspringen.

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Ferruccio Busoni, um 1900.

In den folgenden Stücken scheint Yu Jung Yoon noch stärker bei sich zu sein: Frédéric Chopins 4. Ballade f-Moll op. 52 wiegt sanft und singend. Ferruccio Busonis Bearbeitung von Bachs d-Moll-Chaconne geht sie nicht nur technisch virtuos, sondern auch so beeindruckend ernsthaft an, dass man den Sinn dieser bizarren Transkription nicht mehr in Zweifel zieht. Jetzt zerreißt der Bösendorfer-Bass seine Kette.

Als Zugabe dann Johannes Brahms‘ A-Dur-Intermezzo op. 118, Nr. 2 mit schön extrapolierter Mittelstimme. Für solche herbsüße Musik hat Gott den Bösendorfer erfunden.

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