14.5.2016 – Schall und Rauch: „Sono un fumo“ im Radialsystem

370px-Cesare_Gennari_-_Una_SibillaMan sehnt sich nach dem ersten Ton wie nach einer sehnsüchtig erwarteten Liebe: Die Geigerin Anaïs Chen setzt den Barockbogen an, aber nicht auf, bewegt ihn dicht über den Darmsaiten durch die Luft, biegt, dreht und windet sich – die Musik ist zum Streichen nah, aber sie kommt nicht, ein veritabler Stringtease. Das ist mal die Inszenierung eines Einsatzes! Ähnlich am Ende, wenn der Countertenor Flavio Ferri-Benedetti wieder und wieder anschnauft, ehe das bravouröse Basso-Continuo-Ensemble Il Profondo endlich einsetzt.

Dazwischen zeitigt die Szene, die die deutsch-französische Musiktheatercompagnie La Cage im Radialsystem  gestaltet, auch gewisse Längen. SONO UN FUMO ist ein wunderbarer Titel für frühbarocke Wahnsinnsarien und Instrumentalmusik, aber der bürokratische Zusatz Slapstickartige Performance mit Musik und Objekten (charmant wie die geflügelte Jahresendfigur) weist schon auf eine gewisse Umständlichkeit des inszenatorischen Ansatzes von Aliénor Dauchez hin. Der Untertitel ist mehr als ein sprachlicher Kollateralschaden des ewigen Exposé- und Förderungsantragschreibens: Die eher aphoristische Pyrotechnik (vom Sohn des Konzertgängers wie die Hirschwurst im Radialsystem sehr goutiert) ist zwar recht hübsch, aber sich wiederholende schale Scherze wie staksender Storchengang oder debiles Grinsen wirken mau, zumal angesichts der unvermeidlichen großspurigen Bataille- und Foucault-Zitate im Programmheft. Dass tänzerische Bewegungen hier ziemlich eckig fließen, fällt unter dem Dach von Sasha Waltz natürlich auf. Vor allem aber bleiben die Beziehungen zwischen den verliebt sein sollenden Musikern konturlos, und die über die Bühne verteilten Objekte entwickeln kaum Eigenleben, sondern werden der Reihe nach heruntergespult. Slapstick ist leicht behauptet, aber schwer vollbracht.

Cesare_Gennari_OrfeoEinige starke Momente finden sich aber doch im zerfaserten Ganzen: Wenn etwa die am Himmel hängende Geige langsam herabkreist und Anaïs Chen von einer hohen Leiter vergeblich nach ihr greift, ist das ebenso eindringlich wie das Schicksal der anderen Geigerin Eva Saladin, die sich, während sie Giovanni Meallis Sonata quinta, La Clemente (Innsbruck 1660) spielt, von Chen mit Cellophan umwickelt wird, als wehrlose Beute des Spinners Amor.

Überhaupt ist der Abend musikalisch viel überzeugender: Lauter Schätze aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, von anonymen Verrücktheitsarien und Monteverdis Voglio di vita uscir über Arien von Bartolomeo Barbarino, Bernedetto Ferrari und der Männerfantasien rotieren lassenden Venezianerin Bernardo_Strozzi_001Barbara Strozzi (L’Eraclite amoroso) bis zu den Violinsonaten von Philipp Friedrich Böddecker und Mealli. Die neu komponierten Zwischenmusiken von Caspar Johann Walter auf zweifellos historisch wohlinformiert gegeneinander „verstimmten“ Instrumenten hinterlassen dagegen beim ersten Hören eher zwiespältige Eindrücke, die Klangergebnisse klingen zwar teils faszinierend fremdartig, manchmal aber auch beliebig, die mikrotonalen Funken sprühen nicht jederzeit. Sie haben es auch nicht immer leicht als Hintergrundmusik sich ziehender Szenen.

Wie fundiert hier musikalisch gearbeitet wurde, zeigt nicht nur ein Blick in die konkrete, gleichwohl sympathisch knappe historische Erläuterung des Ensemble-Leiters und Cembalisten Johannes Keller. Es ist vor allem zu hören: Flavio Ferri-Benedetti ist ein agiler, ausgewogener Countertenor mit wunderbarem Piano, in einzelnen Momenten aber auch sehr geradlinig expressiv; auch darstellerisch stark, in seiner kurzen Hose wirkt er auf der Bühne herzzerreißend allein. Das Ensemble Il Profondo hinterlässt insgesamt einen sehr guten Eindruck: In jeder Hinsicht, musikalisch wie darstellerisch, herausragend ist die zitternde, zagende, sich verzehrende dunkelhaarige Geigerin Anaïs Chen, umwerfend in der grandiosen Böddecker-Sonate. Auch die blonde Geigerin Eva Saladin überzeugt durchweg. Die Gambistin Amélie Chemin und der Lautenspieler Josías Rodríguez Gándara (sehr lustig als Theorbenprotz) runden die starke Leistung des Ensembles ab. Sein Leiter Johannes Keller beweist nicht nur auf dem Cembalo flinke Finger, sondern auch indem er den gesungenen Text (und die deutsche Übersetzung!) zum Mitlesen in den Laptop tippt.

Insgesamt ein sehr sympathischer Abend, musikalisch hervorragend, szenisch ausbaufähig und -wert.

Noch am 15. und 16.5. im Radialsystem, danach in Basel.

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