1. Juli 2015 – Seelenbildend: ‚Das doppelte Lottchen‘ im Atze

Featured imageKita-Schließtage haben ihr Gutes: Man kann mit der Tochter am Mittwochmorgen ins Atze gehen, das in existenzgefährdenden Schwierigkeiten steckende famose Weddinger Musiktheater für Kinder. Und sich in die allererste Reihe setzen, auf Wunsch der Tochter, die 1. die unruhigen anderen Kinder lieber hinter als vor sich hat und 2. die Kleider der Darstellerinnen ganz genau sehen will. Schließlich hat sie ihr eigenes Outfit akkurat aufs Doppelte Lottchen abgestimmt, da will sie nicht in den hinteren Reihen verschwinden.

Die Tochter des Konzertgängers hat für ihr Alter von 5 Jahren bereits immense Opernerfahrung, von der grandiosen Schneekönigin in der Komischen Oper bis zur Entführung aus dem Serail in der Staatsoper, die ihr sogar in der äußerst abstrakten Thalheimer-Inszenierung sehr zugesagt hat; bis heute trällert sie auf dem Spielplatz gerne: O wie will ich triumphieren / wenn sie euch zum Richtplatz führen / und die Hälse schnüren zu / schnüren zu / schnüren zu!

Da ist das äußerst kindgerechte Doppelte Lottchen (in der Inszenierung von Göksen Güntel, 2014, Musik: Thomas Sutter) mit seiner Kaskade an witzigen Einfällen und spritzigen Musicalmelodien eine sichere Bank. Die kleine Band beginnt mit einer treibenden Schwanensee-Variation, bei der der Cellist seinen Bogen in  Fetzen schrubbt. Auch später erkennt der erwachsene Begleiter zu seiner Freude manch altbekannten Gassenhauer von der Opernbühne, etwa Humperdincks Hänsel und Gretel. Das kindliche Publikum reagiert unmittelbarer: Wenn der Lehrer auf der Bühne ruft Was ist denn das für eine Sauerei?, schallt ein helles Stimmchen aus dem Auditorium: Das war ich nicht! Offenbar die Macht der Gewohnheit. Beim romantischen Kuss tönt dann ein allgemeines Iiiih durch die Reihen.

Von dieser unappetitlichen Entgleisung abgesehen, ist das Publikum vom Stück rundum begeistert. Nicht nur die Freude über den Wiener Staatsoperndirigenten, der mit seinem Stab in der Nase bohrt, eint Jung und Alt. Guylaine Hemmer und Anna Trimper hätte man gern als große Schwestern, sie können singen, springen, raufen und herzzerreißend weinen. Auch Erich Kästners onkelhaften Ton (Die Mutter ist eine Medizin, die kann man nicht in der Apotheke kaufen) lässt man sich in dieser quirligen Inszenierung gern gefallen. Zumal es nie falsch ist, sich musikhörend solche seelenbildenden Fragen zu stellen: Wie können sie nur so böse sein? Oder sind sie gar nicht böse? Ist nur das, was sie tun, böse?

Kästners dubioser Schluss, die Versöhnung des unüberbrückbar entfremdeten Paars um der Kinder willen (man mag sich die Zukunft dieser Ehe nicht vorstellen), ist in dieser Version entschärft, Vater und Mutter ziehen zwar zusammen, werden aber nicht wieder ein Paar. Kein Märchen mehr; das ist weniger verlogen, aber auch ärmer. Die Tochter des Konzertgängers allerdings sagt am Ende, nach zwei Stunden, Hungers ungeachtet: Schade, dass es nicht gleich wieder von vorn anfängt. Auf dem Spielplatz singt sie nicht mehr vom Hälse-Zuschnüren, sondern: Wir sind gleich, wir sind gleich / wie ein Ei dem anderen! / Keiner kann uns unterscheiden! / Keiner! / Nicht einer! / Keiner, keiner, keiner, keiner!

Zum Doppelten Lottchen

Spielplan des Atze

2 Gedanken zu „1. Juli 2015 – Seelenbildend: ‚Das doppelte Lottchen‘ im Atze

  1. Dieser Gassenhauer war auch mein erster Mozart, der mich nachhaltig beeindruckt hat… nicht immer nur der Vogelfänger!
    Bei Eidinger steht noch „in Verhandlung“. Aber der Regisseur hat schon ein Stück mit dem Titel „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ inszeniert. Wer wollte da widersprechen?

  2. tja, das scheint ja ein sehr „nettes“ Früchtchen zu sein, solch Gassenhauer zu singen :-))) Dann können Sie ja nächstes Jahr in die DO gehen, da spielt Lars Eidinger, da gibt es bestimmt auch etwas böses

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